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Kirchenmann zwischen allen Fronten: Kardinal Schönborns Dilemma

Von Heiner Boberski

Analysen

Wiens Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn, befindet sich in keiner beneidenswerten Lage. Allein der Missbrauchs-Skandal und die Häufung der Kirchenaustritte mit allen finanziellen Folgen bescheren dem Vorsitzenden der Österreichischen Bischofskonferenz mehr als "abendfüllende" Probleme. Doch der Frontmann der römisch-katholischen Kirche Österreichs steht auch sonst unter Beschuss. | Schiefer römischer Segen über Wien


Im Vatikan musste er sich laut Kommuniqué gerade von Papst Benedikt XVI. sagen lassen, nur ein Papst dürfe einen Kardinal kritisieren. Prompt erklärte Schönborn, seine Vorwürfe gegenüber Kardinaldekan Angelo Sodano - dieser soll als Kardinal-Staatssekretär eine Untersuchung der Affäre Groer abgewürgt haben - seien missverstanden worden. Da Schönborn und der heutige Papst in dieser Frage angeblich auf einer Linie lagen - auch Joseph Ratzinger soll einst für eine restlose Aufklärung der Causa Groer eingetreten sein -, wirkt der Rüffel für Schönborn besonders befremdlich. Sind die Hardliner um Sodano im Vatikan so stark, dass der Papst ihnen zuliebe Schönborn den Kopf waschen musste?

Hierzulande anerkennen viele Schönborns große Qualitäten als "Troubleshooter". Sie scheinen ihn für höhere Aufgaben in Rom zu qualifizieren. Aber dort ist er, der seinerzeit an der Seite Ratzingers den Katechismus der Katholischen Kirche - kurz "Weltkatechismus" - redigiert hat, bei einflussreichen Kreisen offenbar in Ungnade gefallen. Ohne Zweifel kreidet man Schönborn auch an, dass er zuletzt - etwa bei der Verhinderung von Gerhard Maria Wagner als Weihbischof in Linz - eher die Haltung der Ortskirche als jene Roms vertreten hat.

Von Seiten der Ortskirche steht der Wiener Kardinal, dessen Treue zum katholischen Glauben und zum päpstlichen Lehramt über jeden Zweifel erhaben ist, unter neuem Druck. Die gerade unter der Leitung des Wiener Pastoraltheologen Paul Zulehner erarbeitete Pfarrer-Umfrage förderte Resultate zutage, die nicht in der Tendenz, aber doch im Ausmaß überraschen. Wenn von den Pfarrern, also vom Kernpersonal der Kirche, 81 Prozent für verheiratete und 51 Prozent für weibliche Priester eintreten, sind das Zahlen, angesichts derer die Kirchenleitung raschen Handlungsbedarf sehen müsste. In jeder profanen Institution wäre das so, auch in der Kirche wäre es angebracht, da mit diesen Reformwünschen nicht Kernfragen des Glaubens berührt werden. Die Kirche könne "sich nicht in ein vormodernes Ghetto aufmachen", betont Zulehner, dem klar ist, dass Reformen überfällig sind.

Christoph Schönborn hat immer darauf hingewiesen, dass die gesamtkirchlichen Weichen in Rom, nicht in Wien, gestellt werden. Viele im Lande erwarten aber von ihm, dass er sich in Rom, wo er gerade erst abgemahnt wurde, massiv für eine Weichenstellung in Richtung Reformen einsetzt. Dem Wiener Kardinal stehen offensichtlich weitere heiße Zeiten bevor.