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Kirill - Anhänger der Ökumene mit Nähe zur Macht

Von Gerhard Lechner

Europaarchiv

Das russische Kirchenoberhaupt kommt durch Affären unter Druck.


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Warschau/Moskau. Sonderlich vorteilhaft war es wohl nicht für den russisch-orthodoxen Patriarchen Kirill I., dass in der vergangenen Woche die Urteilsverkündung im aufsehenerregenden Moskauer Pussy-Riot-Prozess auf den gestrigen Freitag gelegt worden war. Denn da hätte Kirill gerne selbst seinen großen Auftritt zelebriert: Seit Donnerstag befindet sich der Kirchenführer in Polen. Der historische, viertägige Besuch des orthodoxen Patriarchen in dem katholisch geprägten Land soll christliche Polen und orthodoxe Russen, deren Verhältnis seit Jahrhunderten belastet ist, einander näherbringen.

Doch die Aufregung über das Urteil gegen die feministischen Aktivistinnen dürfte die Absichten des Patriarchen durchkreuzen. Es war nicht das erste Mal, dass dem russischen Kirchenoberhaupt Feministinnen in die Quere gekommen sind: Mitglieder der ukrainischen Gruppe "Femen" hatten bereits mehrfach barbusig gegen Kirill und seine Kirche protestiert. Bei seinem letzten Besuch in der Ukraine stürmte eine Aktivistin das Rollfeld auf dem Kiewer Flughafen. Auf ihrem nackten Oberkörper war "Kill Kirill" zu lesen.

Dabei zählt der mit 65 Jahren noch recht junge Patriarch innerhalb der russisch-orthodoxen Kirche zum moderaten Flügel. Nach seiner Priesterweihe 1969 hatte Kirill, der mit bürgerlichem Namen Wladimir Gundjajew heißt, als Sekretär des Metropoliten Nikodim von Leningrad gewirkt. Der hatte bereits in den 1960er Jahren eine ökumenische Öffnung der orthodoxen Kirche gefordert. Kirill folgte seinem Lehrmeister, vertrat seine Kirche beim Weltkirchenrat und gilt bis heute als einer der Hauptgestalter der Ökumene in Russland. Als Außenamtschef der russischen Kirche hat er sich mehrmals mit Papst Benedikt XVI. getroffen. Auch politisch hatte Kirill nicht die Rolle des Scharfmachers gespielt: 1979 sprach sich der damalige Bischof als einer der wenigen Prominenten gegen den Einmarsch der Sowjets in Afghanistan aus.

Dennoch gibt es auch einen anderen Kirill: Zu Sowjetzeiten soll Gundjajew unter dem Decknamen "Michailow" für den KGB gearbeitet haben - wie viele orthodoxe Geistliche seit den Stalin-Jahren. Die nach der Revolution 1917 mit äußerster Härte verfolgte Kirche wurde bedingt wieder zugelassen, als man sie im "Großen Vaterländischen Krieg", dem Zweiten Weltkrieg, erneut brauchte. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1991 eroberte die orthodoxe Kirche verloren gegangenes Terrain rasch wieder zurück - auch mit Hilfe des Staates, der den Bau von Kirchen und Klöstern unterstützte und der Kirche politische Rückendeckung gab - etwa mit Gesetzen gegen "Homosexuellen-Propaganda" oder, wie im Fall von Pussy Riot, gegen "Rowdytum". Die Verzahnung von Kirche und Staat nach dem byzantinischen Prinzip der Harmonie lebt in Russland wieder auf.

Neigung zum Luxus

Möglich, dass sich das russische Patriarchat mit diesem Kurs auf dünnes Eis begibt. Nicht nur, dass sich Kirill und seine Popen im Fall Pussy Riot unchristliches Verhalten vorhalten lassen müssen - das osmotische Verhältnis zur Staatsspitze hat dazu geführt, dass manche Kirchenführer dem Hang zum Luxus nachgegeben haben. Auch Kirill selbst: So sorgte ein Foto des Patriarchen für Aufregung, auf dem seine teure goldene Armbanduhr wegretuschiert worden war. Das Problem: Die Uhr war am Arm zwar nicht mehr zu erkennen, wohl aber ihre Spiegelung auf dem blank geputzten Tisch - ein PR-Desaster für den Patriarchen.