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Kirkuks düstere Zukunft

Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

Politik

Nordiraks Ölstadt steht vor brutalem Machtkampf zwischen Kurden, Arabern und Schiiten, sobald Mossul befreit ist.


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Kirkuk. Hassan hat es geahnt. "Wenn Daesh-Kämpfer (Islamischer Staat) in Bedrängnis geraten, schlagen sie um sich", sagte der Mann aus Kirkuk im Kaffeehaus "Today" am Tag, als die Militäroffensive zur Rückeroberung von Mossul vor gut zwei Wochen begann. "Dann haben wir hier auch keine Ruhe mehr."

Der Jurist hatte gerade sein Staatsexamen an der Universität Kirkuk bestanden und feierte mit einigen Freunden im Zentrum der Stadt. Vor allem junge Iraker lieben die offene Atmosphäre im "Today" an der Haupteinkaufsstraße. Schon der Name verkörpert die Haltung der meisten Gäste: heute und nicht gestern.

Nur vier Tage später sind dutzende bewaffnete Islamisten in Kirkuk aufgetaucht, Dschihadistengruppen mit Granaten und Schusswaffen in mehreren Vierteln. Selbstmordanschläge wurden verübt, ein Kraftwerk wurde angegriffen. Zahlreiche Menschen starben. Das "Today" ist zwar verschont geblieben, aber die Kämpfe fanden auch vor seiner Tür statt.

Daesh hat sich über ihre einschlägige Webseite Amaq zu den Übergriffen bekannt. Inzwischen ist die Attacke abgewehrt und in der Stadt wieder Ruhe eingekehrt. Doch knapp eine Million Einwohner fragen sich, wie lange diese anhält. Auch in der Provinz Anbar, deren Städte Ramadi und Falludscha im Sommer zurückerobert wurden, gab es nach dem Beginn der Militäroperation in Mossul Übergriffe.

Hassan und seine Freunde in Kirkuk fühlen sich in frühere Zeiten zurückversetzt, als die Geschäfte schon um 14 Uhr schließen mussten und die Cafés erst wieder aufmachten, als die Situation sich entspannte. Lange Jahre war Kirkuk nach Bagdad die Stadt mit den meisten Terroranschlägen landesweit. Fast täglich explodierten Bomben, Sprengsätze, jagte sich ein Selbstmordattentäter in die Luft und riss stets unzählige Menschen in den Tod.

Kirkuk gilt als Klein-Irak. Hier leben alle Volksgruppen zusammen, die das Land zu bieten hat: Kurden, Araber und Turkmenen, christliche Assyrer, Jesiden und Kakai. Kirkuks Ölreichtum weckt Begehrlichkeiten. Entsprechend heftig verlaufen die Auseinandersetzungen. Die kurdische Regionalregierung in Erbil erhebt Ansprüche auf die Verwaltung der Stadt, Bagdad ebenfalls. Seit dem Sturz Saddam Husseins 2003 soll die demografische Verschiebung, die der Diktator Ende der 1990er Jahre gewaltsam unternommen hatte, rückgängig gemacht werden. Damals wurden die Kurden zum Verlassen der Stadt gezwungen, Araber dafür angesiedelt.

Doch so einfach ist diese Entwicklung nicht zurückzudrehen. Wesentlich weniger Kurden als gewünscht kehrten nach Kirkuk zurück. Wesentlich weniger Araber als beabsichtigt verließen die Stadt. Die genaue Größenordnung der Volksgruppen hat niemand erhoben in den letzten Jahren. Eine Volkszählung in der umkämpften Stadt schien zu riskant. Einzig die Turkmenen behaupten von sich, dass sie die feste Komponente in Kirkuk seien und ein Drittel der Einwohner stellten. Sie zu schützen gibt nun der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan vor und verlegte in den letzten Tagen eine türkische Panzerkolonne an die irakische Grenze.

Auch im umkämpften Mossul leben Turkmenen, sowie in Tal Afar nahe der syrischen Grenze. Die Beteiligung der Türkei an der Bodenoffensive gegen die Terrormiliz ist ein Streitpunkt zwischen beiden Ländern. Mit harten Worten hat Iraks Premier Haidar al-Abadi eine Einmischung in die Kämpfe zurückgewiesen. Doch Ankara denkt nicht daran, zu weichen. Der Sunnit Erdogan befürchtet eine Ausweitung des schiitischen Einflusses in der Region, sollten Mossul und andere Städte von Schiitenmilizen befreit werden.

Schatten über der Stadt

Seit dem Blitzkrieg des IS im Juni 2014 und der Eroberung Mossuls und Tikrits wird Kirkuk von kurdischen Peschmerga-Kämpfern kontrolliert. Natürlich hatten die Dschihadisten damals auf die Einnahme der Ölstadt kalkuliert. Mit etwa 500.000 Fass gepumptem Öl pro Tag wäre dies die Haupteinnahmequelle von Daesh geworden. Doch so weit kam es nicht. Während die kurdischen Sicherheitskräfte andere Landstriche nahezu kampflos den grausamen Gotteskriegern überließen, waren sie bei der Verteidigung Kirkuks zu allem entschlossen. Das "Jerusalem der Kurden" nennt der Volksmund die Stadt und will damit ihre enorme Bedeutung für die kurdische Seele ausdrücken.

Hassan und seine Freunde waren sich dessen bewusst, als sie im "Today"-Kaffeehaus saßen, so bunt gemischt wie die Einwohner Kirkuks. Zum ersten Mal fühlten sie sich als Bürger ihrer Stadt und nicht als Spielball unterschiedlicher politischer Kräfte. "Es war wie in einem sicheren Nest", beschreibt Omeed die Situation. Er ist Turkmene, Hassan Kurde.

In der Provinz Kirkuk wurde zwar heftig gekämpft. Daesh übernahm die Kontrolle über das 30 Kilometer entfernte Hauwija und hat sie derzeit noch immer. Auch andere Dörfer und Städte der Provinz wurden vom IS erobert. Die Stadt selbst aber blieb Daesh-freie Zone. "Die Anschläge gingen zurück, wir fühlten uns viel sicherer", sagt Omar, dessen Mutter Kurdin, der Vater Araber ist. Der 24-Jährige konnte sogar um Mitternacht noch auf der Straße joggen gehen, was früher undenkbar gewesen ist. "Doch das alles ist jetzt vorbei." Nun kochen die alten Konflikte wieder hoch, die die Präsenz des IS übertüncht hatte. Die Verschnaufpause des Terrors ist beendet. Das Szenario der Zukunft kündigt sich an.

Kampf ums Öl

Seitdem Daesh die eroberten Ölfelder um Kirkuk verlor, ist der Streit um das schwarze Gold wieder voll entbrannt. Iraks Ölministerium erwägt jetzt, einen Teil der Fördermenge in eine kurdische Raffinerie bei Suleimanija zu transportieren, einen Teil per Lkw in den Iran. Ein dritter Teil soll durch die Türkei fließen und im Ölhafen Ceyhan verschifft werden. Auch den kurdischen Parteien werde dadurch Rechnung getragen, heißt es bei der staatlichen Nordölgesellschaft (NOC), die für die Verschiffung und den Verkauf des irakischen Öls zuständig ist. Ob das die Lösung für den seit Jahren schwelenden Streit über Kirkuks Reichtum ist, bleibt aber dahingestellt. Hassan ist deshalb skeptisch. "Das Ende des Kalifats bedeutet noch lange nicht das Ende des Streits um Kirkuk."