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"Klare Linie des Papstes gegen zynische Wegwerf-Menschen-Haltung"

Von Thomas Seifert

Politik
Erwin Kräutler ist Träger des alternativen Nobelpreises.
© T. Seifert

Erwin Kräutler zum bevorstehenden Papst-Besuch.


"Wiener Zeitung": Warum sind Sie gegen das Belo-Monte-Kraftwerksprojekt?Erwin Kräutler: Weil es ohne Rücksicht auf Verluste und gegen die Menschen einfach durchgezogen wird. Die Menschen werden zu Objekten degradiert und von dort, wo gebaut werden soll, einfach vertrieben.

Braucht Brasilien nicht Energie und Strom?

Wir alle brauchen Energie. Aber nicht auf diese Weise. Es gibt andere Möglichkeiten, Energie zu gewinnen. Man braucht nicht einen ganzen Fluss und einen Teil von Amazonien kaputtmachen, um Energie zu gewinnen. Es gibt viele andere Möglichkeiten, die bisher nicht genutzt worden sind.

Warum beharrt die Regierung so auf dem Projekt?

Es ist ein Prestigeprojekt und sonst gar nix. Von der Expertenseite her hat man der Regierung sehr abgeraten, dieses Projekt durchzuführen aber da war die Region nicht hellhörig genug.

Wie erklären Sie sich, dass ein Projekt, das ja schon von der Militärregierung geplant worden ist, auch unter Präsident Luiz Inácio Lula da Silva weiterverfolgt wurde?

Lula hat sich gedreht, als er Präsident geworden ist. Zuerst war er ja dagegen, sagte, man müsse Amazonien retten, aber auf einmal hat er das genaue Gegenteil dessen, was er früher gesagt hat, getan und das, was er vorher verdammt hat, verteidigt.

Warum?

Das ist dem Einfluss der Lobbys, der großen Bergwerksgesellschaften und all jener, die zu billige Energie kommen wollen, zuzuschreiben. Darum geht es.

Am Bau des Projekts sind internationale Firmen, darunter Firmen aus Österreich, beteiligt. Worin liegt die Verantwortung dieser Firmen?

Ich glaube, es gibt bei jedem dieser Projekte eine ethische Komponente. Es muss die Frage gestellt werden: Kann ich auf dem Blut und dem Schweiß anderer Menschen so etwas durchführen? Ich weiß, dass diese europäischen Unternehmen sich keinen Deut darum gekümmert haben, was da tatsächlich los ist. Es ist bis heute niemand von denen hierhergekommen und hat sich das angesehen, was hier tatsächlich läuft. Die haben immer gesagt: Brasilien ist ein Rechtsstaat. Daran besteht ja auch kein Zweifel. Und, ja, Brasilien hat eine demokratische Regierung. Das stimmt ja auch. Also sagen diese Firmenvertreter sich: Wenn der Regierung sagt, es ist alles in Ordnung, dann ist das auch in Ordnung. Doch ist das auch tatsächlich der Fall? Darin liegt der Hund betragen.

Haben Sie schon Kontakt mit diesen Firmen gehabt?

Ich habe mit allen möglichen Firmen den Kontakt gesucht und auch, wenn ich in Österreich war, habe ich mich gegenüber der Dreikönigsaktion geäußert, aber ich wurde nicht zur Kenntnis genommen.

Sehen Sie für sich noch eine Chance, das Projekt zu stoppen?

Ich glaube nicht. Die Regierung hat jetzt schon Millionen ausgegeben und die werden nicht mehr davon ablassen. Sie haben gezeigt, wes Geistes Kind sie sind, wenn man sich ansieht, wie sie mit den Indianern umgehen. Die sind ohne Rücksicht auf Verluste.

Wir sind nach wie vor dafür, dass das Projekt gestoppt wird. Wenn Sie mich fragen, ob ich für den Stopp bin: Ja, und zwar ohne Einschränkungen. Es ist ein Wahnsinn, was da passiert. Es gibt 40.000 Menschen, die da betroffen sind. Was man den Menschen dort nicht alles verspricht: Fertigteilhäuser und und und. Aber sie werden ihrer Lebensgrundlage beraubt, diese Völker werden kulturell zugrunde gehen und auch physisch. Dass der Xingu-Fluss einfach so geopfert wird, da komme ich einfach nicht mehr mit, das muss gestoppt werden. Das ist eine Aggression an Amazonien.

Haben Sie das Gefühl, dass die sozialen Proteste das Klima verändert haben?

Ich glaube, dass diese Demos, die da in den letzten Wochen liefen, die Regierung von ihrem Protest heruntergezogen haben. Präsidentin Dilma Rousseff kann nicht mehr so weiterwirtschaften, dass sie einfach sagt: "Das interessiert mich alles nicht, was den Indios oder andere Vertreter von Minderheiten widerfährt." Sie wird den Dialog suchen müssen, sonst ist es politisch um sie geschehen. Sie hat 30 Prozentpunkte an Akzeptanz in Umfragen verloren.

Wie erklären Sie sich die Proteste?

Diese Proteste sind ein Novum für Brasilien, diese Art von Protesten hat es zuvor noch nie gegeben. Die Proteste wurden über die sozialen Netzwerke organisiert und die jungen Leute waren auf der Straße. Auslöser war eine Fahrpreiserhöhung in São Paulo um 20 Cent. Aber das war nur der Auslöser, die Spitze des Eisbergs. Sofort kamen Korruption, das Schulwesen, das Gesundheitswesen, die Problematik der Sicherheit und all die Probleme des Landes aufs Tapet.

Waren Sie überrascht von den Protesten?

Ich habe ehrlich gesagt nicht mehr daran geglaubt, dass das noch einmal passiert. Aber auf einmal kam’s.

Was heißt das nun für Brasilien?

Die werden politisch umdenken müssen. Wenn nichts geschieht, dann gehen sie wieder auf die Straße.

Bei der Weltmeisterschaft?

Vielleicht schon vorher.

Ist es sinnvoll, die Weltmeisterschaft in Brasilien abzuhalten oder ist das Gigantomanie?

Das ist Wahnsinn. Wir haben heute noch Schulen, wo die Kinder auf dem Boden liegen, wie kleine Krokodile. Man pumpt so wahnsinnig viel Geld in Stadien-Neubauten hinein. Viele andere Dinge wären viel wichtiger. Das sage nicht ich, sondern jene Brasilianer, die auf der Straße sind.

Aus Ihrer Sicht wäre es besser, diese Weltmeisterschaft nicht abzuhalten?

Ich würde sagen, die braucht man nicht, braucht man absolut nicht.

Glauben Sie nicht, dass der Strom den Bürgern zugute kommt?

Nein, das ist es eben. Das kommt den großen Firmen hier zugute. Bauxit wird in Aluminium verwandelt und das kommt dann auf den Weltmarkt und das Zeug ist dann billiger, weil die Umweltauflagen hier in Brasilien nicht so schlimm wie in anderen Ländern sind, also kann man das hier viel billiger erzeugen als anderswo.

Ende des Monats kommt der Papst nach Brasilien. Er ist der jemand, der sich mit den Ausgegrenzten und den Ärmsten der Armen beschäftigt.

Dass der Papst sich ganz dezidierte äußern wird, davon bin ich überzeugt. Wenn er von den Armen redet: Es gibt die materiell Armen, es gibt die ausgeschlossenen, die man heute zynisch als überflüssig oder sogar als Abfall oder Wegwerf-Menschen betrachtet. Da meine ich, dass Papst Franziskus eine ganz klare Linie hat. Von Anfang an hatte Cláudio Kardinal Hummes ihm ins Ohr geflüstert: Vergisst die Armen nicht. Und dann kam Franziskus, und der er kennt die Situation Lateinamerikas, er kennt die Situation der indigenen Völker. In Rio beim Weltjugendtag werden ja auch indigene vor Ort sein, das weiß ich. Es gibt auch im Zusammenhang mit dem Weltjugendtag verschiedene Officinas, also verschiedene Veranstaltungen, um die Situation in Amazonien zu thematisieren.

ORF-Beitrag