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Klaus Schroeder

Von Urs Fitze

Reflexionen
Liefert überraschende Befunde: Klaus Schroeder. Foto: Fitze

Der Berliner Soziologe Klaus Schroeder analysiert den Zustand Deutschlands im Jahr 20 nach der Wende und erörtert die Frage, ob sich die beiden Landeshälften aufeinander zubewegt haben.


Wiener Zeitung: Sie sprechen in Ihrem Gutachten über die Wohlstandsbilanz in Ostdeutschland von einer "historisch beispiellosen Wohlstandsexplosion" in der ehemaligen DDR. Wie gut geht es den Ostdeutschen heute? Klaus Schroeder: Tatsächlich gab es bis etwa Mitte der 1990er Jahre eine Wohlstandsexplosion. Die Ostdeutschen holten damals binnen weniger Jahre im Vergleich mit den Westdeutschen gewaltig auf. Noch 1989 verdienten sie im Durchschnitt nicht einmal 50 Prozent von dem, was ihre westdeutschen Landsleute verdienten, 1995 waren es aber schon 80 Prozent. Die Vermögen stiegen im selben Zeitraum von 20 auf 50 Prozent des Niveaus im Westen. Doch seit Mitte der 1990er Jahre stagniert diese Entwicklung. In der eigenen Wahrnehmung fühlen sich die Ostdeutschen heute viel schlechter, als dies tatsächlich der Fall ist.

Was wird negativ empfunden?

Die starke Abhängigkeit von den Transferleistungen aus Westdeutschland, der nicht vorhandene Stolz auf das, was man nach der Wende geleistet hat, und das latente Gefühl, im Westen nicht ernst genommen zu werden. Nicht nur die Generation jener, die in der DDR aufgewachsen sind, denkt so, sondern auch ein Großteil der Jugend. Da wird in den Familien offensichtlich ein Lebensgefühl weiter gegeben, das sich aus den Fakten und Statistiken gar nicht ableiten lässt.

Welche Bedeutung haben die Transferzahlungen?

Bisher sind rund zwei Billionen Euro geflossen, und ein Ende ist nicht absehbar. Man kann sagen, dass etwa die Hälfte des Wohlstandszuwachses in Ostdeutschland aus diesen Leistungen resultiert. Doch diese Abhängigkeit schlägt aufs Gemüt. Denn während sich die Westdeutschen in den 1950er und 1960er Jahren über die Erfolge des Wiederaufbaus, nicht ganz berechtigt, auf die Brust klopften, glauben die Ostdeutschen, nichts Derartiges für sich reklamieren zu können.

Dabei hätten sie allen Grund, stolz zu sein. Nicht nur wegen der friedlichen Revolution von 1989, sondern auch wegen ihrer großen Aufbauleistung. Und was die Transferleistungen betrifft, so sind diese für mich nicht mehr als der gerechte Ausgleich für die wesentlich höheren Lasten der Folgen des Zweiten Weltkriegs, die Ostdeutschland zu tragen hatte. Während das Land nämlich von der Sowjetunion praktisch komplett ausgeplündert wurde, profitierten die Westdeutschen ganz erheblich von den Wiederaufbauhilfen der Amerikaner im Rahmen des Marshallplanes.

Wird das im Westen auch so gesehen?

Nein. Schon kurz nach der Wende war aus Meinungsumfragen abzulesen, dass die Bereitschaft, etwas vom eigenen Wohlstand an den Osten abzutreten, praktisch nicht vorhanden war. Und während die Ostdeutschen daraus ein Gefühl der Abhängigkeit und Unterlegenheit entwickelten, geben sich viele Westdeutsche überheblich.

Nehmen die Westdeutschen ihre ostdeutschen Landsleute tatsächlich nicht ernst?

Ja. Das kann man durchaus so sehen.

Wie kommt das?

Das hat damit zu tun, dass man aus dem Glauben, das westliche System sei dem östlichen überlegen gewesen, den falschen Schluss zieht, das gelte auch für die eigene Person. Somit ist jeder, der aus dem Osten kommt, grundsätzlich unterlegen. Diese Überheblichkeit zeitigt auch politische Folgen. Eine Reform des westdeutschen Wohlfahrtsstaates war schon in den 1980er Jahren überfällig. Nach der Wende hat man sie auf die lange Bank geschoben.

Geht es denn den Westdeutschen heute besser als vor 20 Jahren?

Ein wenig. Die reale Kaufkraft ist um zwei bis drei Prozent gewachsen. Doch über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten betrachtet, ist das im subjektiven Empfinden der Menschen eine Stagnation.

Und wie sieht es mit der Ungleichheit aus?

Da gibt es aus dem Westen nichts Neues. Die Schere zwischen Arm und Reich ist konstant, und zwar seit den 1950er Jahren. Nur die ganz Reichen sind noch ein wenig wohlhabender geworden. In Ostdeutschland hingegen hat sich die Schere zwischen Arm und Reich etwas geöffnet. Doch das macht für mich nicht den entscheidenden Unterschied aus.

Was dann?

Das Einkommen einer Durchschnittsfamilie in der DDR lässt sich mit jenem vergleichen, das heute jemand erhält, der sich als Empfänger von Arbeitslosen- und Sozialhilfegeldern, in Deutschland "Hartz IV" genannt, durchs Leben schlägt. Doch wer von diesem Staatsgeld lebt, hat das Gefühl verloren, aus eigener Hände Arbeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das ist es, was in der ehemaligen DDR wesentlich zum schlechten Lebensgefühl beiträgt.

Ist man sich denn in den letzten zwei Jahrzehnten näher gekommen?

Nein. Ich würde sogar sagen: Die Entfremdung hat zugenommen. Von Wir-Gefühl kann keine Rede sein. Wir Soziologen sprechen von einer Abgrenzungs-Identität. Man betont das Trennende und ignoriert das Verbindende.

Das klingt, wie wenn man von Ausländern spricht.

Durchaus. Man ist sich fremd geblieben, und es besteht kein wirkliches Interesse, daran etwas zu ändern.

Sind denn wenigstens die Ostdeutschen an ihren westdeutschen Landsleuten interessiert?

Das Interesse war früher sicher vorhanden. Doch man machte sich Illusionen über den Westen, und heute stehen sich viele Ostdeutsche in ihrer Haltung selber im Weg. Aus dem Gefühl heraus, nicht ernst genommen zu werden, kann keine Zusammengehörigkeit wachsen.

Das ist ein ernüchterndes Fazit.

Ja. Leider. Aber es ist auch nicht so tragisch, wie es jetzt vielleicht klingen mag. In Deutschland waren die Erwartungen nach der Wiedervereinigung sicher viel zu hoch. Heute sind die Verhältnisse vielleicht so normal wie in anderen Staaten auch, und damit auch die damit verbundenen Probleme. Willy Brandt hat die deutsche Einheit mit dem Argument befürwortet, es wachse zusammen, was zusammen gehöre. Hat er sich geirrt?

Ja und nein. Ja, weil die Entwicklung nicht so gelaufen ist, wie man es sich vor 20 Jahren vorgestellt hatte. Nein, weil es gar keine Alternative zur deutschen Einheit gab.

Was ist denn schiefgelaufen?

Bundeskanzler Helmut Kohl und viele seiner Mitstreiter waren überzeugt, dass der Osten binnen eines Jahrzehnts auf eigenen Beinen stehen würde. Das war ein gewaltiger Irrtum. Doch der wurde nicht korrigiert. Stattdessen hat man die Bürden der Wiedervereinigung den Sozialwerken aufgehalst und den Solidaritätszuschlag verlängert, mit dem der Aufbau Ost wesentlich finanziert wurde und noch wird. Vielleicht hätte es schon geholfen, wenn man den Solidaritätszuschlag nicht einfach auf Ostdeutschland beschränkt hätte, sondern eine gesamtdeutsche Definition gefunden hätte.

Ein Fehler war sicher auch die sofortige Währungsunion und die Gleichsetzung von Ost- und Westmark. Damit hat man die ostdeutsche Wirtschaft regelrecht abgewürgt. Denn deren Produktivität konnte bei weitem nicht mithalten, und plötzlich mussten Gehälter auf Westniveau bezahlt werden.

Ein Trümmerhaufen statt blühender Landschaften.

Doch es gab keine Alternative zur damaligen Politik. Das Versprechen der blühenden Landschaften mochte reichlich naiv gewesen sein, aber es war immerhin eine Utopie, die die Menschen begeistert hat, und die in einigen Bereichen auch verwirklicht wurde. So ist die Lebenserwartung in der ehemaligen DDR dramatisch gestiegen, der Lebensstandard ist vergleichbar mit jenem im Westen, und der Umwelt geht es heute viel besser als zu Zeiten der Wende.

Und doch trauern viele im Osten der DDR nach. Woher kommt diese "Ostalgie"?

Es ist eine Mischung aus Verklärung, wie wir sie alle kennen, wenn wir uns an Zeiten erinnern, die schon lange zurück liegen, und aus einem falschen Bild, das man sich vom Wohlstand im Westen gemacht hat und noch immer macht. Westdeutschland war schon damals nicht das Paradies, zu dem es von vielen Ostdeutschen verklärt wurde. Es gibt auch dort ein starkes Wohlstandsgefälle zwischen armen und reichen Bundesländern, in manchen Regionen ist es sogar größer als zwischen Ost- und Westdeutschland. Und schließlich gibt es auch die "Westalgie", die wohl noch stärker ausgeprägt ist. Viele Westdeutsche sehnen sich nach der Zeit vor der Wende zurück.

Wie hat sich die deutsche Einheit politisch ausgewirkt?

Deutschland ist sicher linker geworden. Auch die Volkspartei CDU verfolgt, nach einem völlig missglückten Experiment mit einer nach rechts orientierten Politik, heute einen Mitte-Links-Kurs. Das ist eine direkte Folge der deutschen Einheit. Die ostdeutschen Bundesländer haben einen entscheidenden Einfluss bei den Bundestagswahlen.

Westdeutsche Politiker haben Karrieren in Ostdeutschland gemacht. Wann wird es der erste Ostdeutsche auf den Ministerpräsidentenstuhl eines westdeutschen Bundeslandes schaffen?

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist tatsächlich die große Ausnahme, aber sie wird auch kaum mehr als Ostdeutsche wahrgenommen. Es wird wohl noch lange dauern, bis diese Hürden überwunden sind.

Was müsste geschehen, damit Ostdeutschland auf eigenen Beinen stehen könnte?

Dazu wäre ein jährliches Wirtschaftswachstum von mindestens vier Prozent im Osten nötig. Das ist völlig utopisch. An den Transferleistungen führt auch in Zukunft kein Weg vorbei. Die Deutschen werden lernen müssen, damit zu leben. Im Übrigen geht es ihnen, im Osten wie im Westen, weit besser, als sie es selber wahrhaben wollen.

Zur Person

Klaus Schroeder ist Soziologe und Politikwissenschafter und Leiter des "Forschungsverbundes SED-Staat" der Freien Universität Berlin. Das von ihm im Auftrag der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" erstellte Gutachten "20 Jahre nach dem Mauerfall - eine Wohlstandsbilanz" kann im Internet unter folgender Adresse herunterladen werden: http://www.insm.de/insm/Themen/Soziale-Marktwirtschaft/Einheitsbilanz-Deutschland.html

Urs Fitze, geboren 1962, lebt und arbeitet als freier Journalist und Autor von Sachbüchern in St. Gallen.