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Kleiderkünstlerin mit großem Vorbild

Von Kurt Geisler

Reflexionen

Berlin ist sicherlich mit zumeist jungen und jüngeren Designern reichlich gesegnet, mit Talenten der unterschiedlichsten Art und Herkunft. Die inzwischen acht Modeschulen produzieren zudem Nachschub am laufenden Band. Die Berliner Designerszene sorgt gern mit schrägen Outfits und spektakulären Aktionen für Furore. Eine eher im Stillen Arbeitende stammt ursprünglich aus Russland. Olga Okschewskaja ist in Moskau geboren und hat dort eine umfassende Ausbildung erfahren.


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Bereits mit zwölf kommt sie auf die Moskauer Kunstschule und lernt Malerei, Grafik, Kunstgeschichte und Bildhauerei, auf einer Fachhochschule wurde sie "Designer und Schnitttechniker der Damenoberbekleidung" mit der Diplomarbeit "Historische Kostüme". Olga arbeitete auch mehrere Jahre als Schnittdirektrice beim berühmten russischen Modemacher Slava Saitzev für Avantgarde und Haute Couture. 1991 kam sie nach Berlin, qualifizierte sich hier als Screendesignerin und als Programmiererin und war in der Konfektion als freie Designerin tätig. 1995 wurde sie auch Meisterin im Damenhandwerk in Berlin und gründete drei Jahre später ihr eigenes Label "Jabot".

Nun entwirft sie Kleider, die sehr wertvoll ausgestattet sind, oft nach historischen Vorbildern, aber mit eigener Handschrift. Bevorzugte Materialien sind Wolle, Samt, Seidentaft oder Brokate, da sie "lieber mit stark ausgeprägten Formen als mit weichen Drapierungen" arbeitet. Neue Schnittlösungen und eine vollkommene Passform sind ihr ein Anliegen.

Künstlerin. Olga wehrt sich gegen die Bezeichnung Modedesignerin. "Ich bin mehr Kleiderkünstlerin als Designerin". Ihre Kundinnen sind Individualisten, identifizieren sich mit ihren Kreationen und "sollten eine ähnliche Denkweise und Vorstellung von ästhetischen Werten haben wie ich". So ist der aufregende Shop ModaMo von Manuela Vobach in der Charlottenburger Giesebrechtstraße der richtige Präsentationsplatz. Der Modesalon mit großer Garderobe, Cocktailkleidern und Abendroben und tollen Hüten inspiriert sie.

Individuelle Beratung. Ihre Fotos und CDs produziert sie selbst. Neben der modischen Tätigkeit wirkt sie als Image-Beraterin bei Künstlern. Hier versucht sie, tief verborgene, vernachlässigte Seiten ihrer Klienten zu erfassen und diese mithilfe von Outfit, Frisur, Make up, ja auch Player, Plakat und CD-Cover mit einem neuen, positiven Bild zu versehen. Dabei werden Menschen manchmal total verändert. Und sie spürt dankbare Resonanz. Neben ihren modischen Kreationen spricht sich diese individuelle Beratung, zumal in Künstlerkreisen herum.

Doch da ist noch eine andere Seite zu erwähnen. Olga schwärmt von ihrem Vorbild John Galliano über alle Maßen: "Mein Entzücken kennt keine Grenzen, wenn ich sehe, wie revolutionär-geschickt Galliano altgewohnte Stereotype menschlichen Bewussteins zerstört und damit immer aufs Neue den Zweck der Kleidung in Frage stellt. Wie geschickt er aus den erlesenen Bruchstücken der Vergangenheit eine neue Kunstsynthese, neue Kunstformen, neue Ästhetik webt. Wie von einem mächtigen Magnet fühle ich mich von der Energie seines kreativen Genies angezogen, von dieser hohen harmonischen Synthese".

Faszinierendes Vorbild. John Galliano feiert in diesem Jahr sein zehnjähriges Jubiläum als Chefdesigner bei Dior. Dieser exzentrische und extravagante Modemacher wird in Fachkreisen hoch gehandelt. Da wird er mal als "Der Mann mit einem revolutionären und subversiven Blick" bezeichnet, der "aus Bruchstücken der Vergangenheit gewebte Kleider…", macht, einer, der "grenzenlose Romantik, Farbe, Illusion, Theatralik…" produziert. Die New York Times beschrieb seine Entwürfe einmal als "schmerzliche Schönheit".

Die Russin Olga Okschewskaja: "Auf der Suche nach der essentiellen, nach der vollendeten Form, wurde meine Aufmerksamkeit um eines der größten Kunst- und Kulturereignisse unser Zeit gefesselt: John Galliano". Seine Ästhetik und sein Stil, Kleider zu entwerfen sowie sein Rückgriff auf historische Garderobe wecken in mir schiere Begeisterung. "Wenn ich Gallianos Kleider betrachte, nehme ich sie geistig auseinander, als ob ich sie selbst zugeschnitten hätte und es kommt bei mir ein vertrautes Gefühl auf: Wesensverwandtschaft".

Nun, Ausbildung und ihre Auffassung von Mode lassen das zu. In Verehrung des großen Meisters hat Olga Okschewskaja zu dessen Jubiläum eine Hommage geschaffen. "Meine drei farbig-grafischen Arbeiten stellen den Anfang einer Widmungsserie aus zehn Werken dar: 10 Jahre bei Dior. John Galliano. Das Zeichnen seiner Kleider zwingt mich nicht nur dazu, mich mit der Ästhetik des Meisters auseinanderzusetzen, sondern auch mit seinen atemberaubenden Schnitten. Für mich, als Schnitttechnikerin, ist es eine einzigartige Erfahrung". Starke Vorbilder verpflichten.