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Klein, aber fein

Von Mathias Ziegler

Reflexionen

Von Alkohol bis Zirkus: In der Wiener Museumslandschaft finden sich abseits von Albertina, Belvedere, KHM und Co. wahre Schmuckkästchen. Eine Entdeckungsreise zwischen Schnapsmuseum, Globensammlung, Heizkesselausstellung und anderen kulturellen Kostbarkeiten.


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Wer in den kommenden Semesterferien noch nicht weiß, wie er seine Kinder beschäftigen soll, kann sie entweder zu den Großeltern abschieben (sofern die nicht mehr berufstätig sind) - oder ein paar Tage Urlaub nehmen und gemeinsam auf Entdeckungsreise gehen. Und zwar am besten in den zahlreichen kleinen Museen, die unsere Hauptstadt beherbergt. Abseits von bekannten Größen wie Albertina, Belvedere, KHM und Co. gibt es nämlich in Wien nicht nur 23 Bezirksmuseen, sondern auch eine ganze Reihe größtenteils privat betriebener Sammlungen zu den verschiedensten Themen. Den meisten gemeinsam ist einerseits, dass sie in ständiger Geldnot leben und trotzdem keinen Eintritt verlangen, und andererseits, dass ihre Bestände eigentlich viel reichhaltiger sind als der Platz, der ihnen zur Verfügung steht. Robert Kaldy-Karo kann davon ein Lied singen. Der Leiter des 1964 gegründeten Museums für Unterhaltungskunst (MUK) in Wien-Leopoldstadt könnte eigentlich "ganze Hallen mit den vielen wertvollen Exponaten füllen - aber leider steht uns derzeit nur ein Schauraum im Bezirksmuseum zur Verfügung". Auf etwa 70 Quadratmetern drängt sich also ein Bruchteil dessen, was das MUK darstellt: ein Sammelsurium aus Erinnerungsstücken an jahrhundertealte Zirkuskultur und Wiener Unterhaltungsstätten vor dem Zweiten Weltkrieg. Große Namen finden sich hier, von Althoff-Jacobi über Roncalli bis Freddy Quinn. "Früher gab es hier auch jeden Sonntag einen Brunch mit befreundeten Artisten, das Publikum lernte Jonglieren, es gab eine Bühne, auf der ein richtiger Zirkus veranstaltet wurde", erinnert sich Kaldy-Karo. Selbst André Heller und sogar David Copperfield wurden mehrmals hier gesichtet. Momentan läuft das MUK, das bei der letzten "Langen Nacht der Museen" rund 900 Besucher verzeichnete (auf die Quadratmeter umgelegt mehr als das Kunsthistorische Museum), quasi auf Sparflamme, weil trotz mehrerer Petitionen ans Kulturamt nicht mehr Platz zur Verfügung gestellt wird.

Viel Herzblut. Vermiesen lässt es sich Kaldy-Karo, der neben dem MUK auch das von ihm gegründete Wiener Zaubertheater leitet und TV-Serien wie "Die Knickerbockerbande" mit Zaubertricks ausgestattet hat, dadurch aber nicht. Und so freut er sich über jeden interessierten Besucher, mit dem er bis in die Antike eintauchen kann, wenn es um die Geschichte von Zauberern, Clowns, Dompteuren und Artisten geht. Neben dem kleinsten Zirkusfahrrad der Welt (ca. 20 cm) oder den Utensilien des berühmten Prater-Rumpfkünstlers Nikolai Kobelkoff hat der Museumsleiter auch zahlreiche Erbstücke seines verstorbenen Freundes und Kasperlclowns Habakuk auf Lager. Manches davon ist momentan gar nicht in Wien, "weil sich immer wieder ausländische Museen Stücke für soziokulturelle Sonderschauen ausleihen".

Wer Kaldy-Karo bei seinen Ausführungen zuhört, der merkt, wie viel Herzblut er in "sein" Museum gesteckt hat. Das gilt allerdings für so gut wie alle Betreiber der Sonderschauen. So auch für den Direktor des Wiener Heizungsmuseums, das angeblich das einzige seiner Art in ganz Europa ist. Reinhard Indrak führt das 1985 im Keller der Hans-Mandl-Berufsschule eingerichtete Museum für die MA 34 (Bau- und Gebäudemanagement), die auf dem Papier für die mehr als 500 Ausstellungsstücke auf rund 2000 Quadratmetern verantwortlich ist. "Ein echtes Budget gibt es dafür aber nicht. Wenn wir etwas verändern wollen, ist das immer ein Langzeit-Projekt", erzählt der Magistratsmitarbeiter, der ebenso wie die anderen Mitglieder des Museumsvereins viel seiner Freizeit ins Museum investiert. Echte Öffnungszeiten gibt es keine, "da eigentlich nur eine richtige Führung Sinn macht", meint der Direktor. Angemeldete Gruppen - egal ob Kindergärten oder Firmen - führt Indrak dann "gerade so lange durch unsere Räume, dass ihnen nicht fad wird". Wobei man sich in diesem Keller Langeweile eigentlich gar nicht so richtig vorstellen kann. Schließlich ist das Heizungsmuseum, dessen Exponate von einem Biedermeierofen aus dem Jahr 1825 bis zum Nachbau eines kompletten Fernwärmesystems reichen, "ein Museum zum Anfassen", wie es der Direktor formuliert. Berührungsängste gibt es sozusagen keine - "nur muss man sich halt vielleicht nachher die Hände waschen". Zudem strotzt der Museumsleiter nur so vor gesammeltem Wissen, das er an Interessierte weitergeben möchte. Schließlich hat er viele Exponate selbst zusammengetragen - und das im wahrsten Sinn des Wortes: "Dieses tolle Stück haben wir aus einer wunderschönen Altwohnung im 19. Bezirk zwei Stöcke hinuntergeschleppt", erzählt Indrak über eine fast hundert Jahre alte Blechduschkabine, die zu ihrer Zeit ein richtiger Luxus war. Weit weniger luxuriös ging es in der städtischen Lohnwäscherei zu, an die hier ebenfalls erinnert wird: "Die berühmten kräftigen Wiener Wäscherweiber sollen so manche Wirtshausschlägerei gewonnen haben", weiß Indrak, den die Sozialgeschichte, die hinter Gussbadewannen, Küchenherden oder Kohle-Hausfreunden steht, genauso interessiert wie die Ausstellungsstücke selbst.

Werbung im Internet. Und er hat auch schon einmal aus der Not eine Tugend gemacht - nämlich beim Schulmuseum, das sich ebenfalls neuerdings in seinem Keller befindet. "Wir haben herunten im Lager drei fast komplett erhaltene Schulzimmer aus den Jahren 1900, 1945 und 1965 entdeckt und restauriert. Irgend ein Besucher hat das dann offensichtlich als Schulmuseum´ ins Internet gestellt - denn plötzlich hat sich eine Schulklassen gemeldet, die ausschließlich die Klassenräume sehen wollte." Indrak improvisierte und eignete sich kurzfristig genügend Wissen für eine Schulmuseumsführung an. Die betroffenen Schüler waren dann übrigens vom Heizungsmuseum auch sehr angetan.

Was er aus dieser Episode gelernt hat? "Das Internet ist eine unschätzbare Werbefläche", ist Indrak überzeugt. "Unsere Domain kostet zwar einiges, aber wir hätten ohne den Internet-Auftritt sicher nicht so viele Besucher." Und das sind immerhin zwischen 1500 und 2000 pro Jahr - Tendenz steigend. Mit dem Rauchfangkehrermuseum, das nicht nur in die selbe Branche gehört wie das Heizungsmuseum, sondern auch genauso alt ist, gibt es ansonsten bisher keine Verknüpfungen. "Obwohl das natürlich überlegenswert wäre", so Indrak. Schließlich werkt dort auch ein Team rund um einen Idealisten: Der pensionierte Rauchfangkehrermeister Günter Stern und seine Mitstreiter haben 1985 beschlossen, "dass unser Berufsstand durchaus museumswürdig ist - auch wenn wir selbst noch nicht museumsreif sind". Auf 200 Quadratmetern im 2. Stock des Bezirksmuseums Wieden haben sie allerlei zum Thema Schornsteinfegen zusammengetragen - dazu gehören nicht weniger als 2000 Schweine in allen möglichen Größen, Formen und Farben. "Wir sind ja sozusagen Berufskollegen als Glücksbringer, Rauchfangkehrer und Schweinderln", lächelt der kernige Museumsleiter. So wie im Heizungsmuseum sind auch hier Exponate aus mehreren Jahrhunderten aneinandergereiht und harren der genaueren Betrachtung: von der Zunfttruhe aus dem Jahr 1748 bis zum modernen Nylonseil und digitalen Messgeräten. Auch das Kaminkehren ist also zumindest teilweise zu einem Hightechberuf geworden. Dem Pensionär Stern haben es aber vor allem die älteren Exponate angetan, und so ist er "ständig auf der Suche nach etwas neuem Alten".

Es bleibt in der Familie. Gar nicht lang zu suchen braucht Erwin Perzy III. Die Schneekugeln, die er in seinem kleinen Museum ausstellt, produziert er nämlich selbst - und das bereits in dritter Generation. Auch hier finden sich übrigens kleine Schweinchen und Rauchfangkehrer, allerdings hinter Glas und im Miniaturformat. Und rundherum Schneegestöber, das in seinem Kugeln besonders lange schwebt. Das Geheimnis dafür liegt sicher im Tresor verwahrt, bis Tochter Sabine den Familienbetrieb übernimmt, den Großvater Erwin Perzy I. anno 1900 mehr aus Zufall erfunden hat. Eigentlich wollte der gelernte Mechanikermeister und Erfinder nur die Lichtausbeute der Kohlenfadenlampe verbessern - wie dann aber die Schneekugel daraus geworden ist, das lässt man seinen Enkel am besten selbst erzählen, wenn er durchs Schneekugelmuseum führt. Und er hat wahrhaft viel Wertvolles herzuzeigen, nicht nur Schneekugeln (u.a. Einzelstücke für Bill Clinton oder die Kinofilme "Citizen Kane", "True Lies" und "Kevin allein zu Haus"). Auch jenen Orden, den Kaiser Franz Joseph seinem Großvater verliehen hat, kann man bewundern. Und man kann auch selbst Schneekugelfigur spielen: in einem mannshohen Modell, das wohl zu den beliebtesten Fotomotiven der Besucher zählt.

Selbst Hergestelltes gibt es auch im Alt-Wiener Schnapsmuseum zu bewundern - und zu kosten: Von Eierlikör über Waldhimbeergeist bis hin zu Neapolitanerflaschen gibt es hier alles, was das Trinkerherz begehrt. Wobei die Gäste üblicherweise noch mehr Wissen als Alkohol mit nach Hause nehmen. Schließlich hat Gerald Fischer, der gemeinsam mit seinem Vater Gerhard jährlich rund 25.000 Gäste aus aller Welt durch die geschichtsträchtigen Räume führt, viel zu erzählen. Und das nicht nur über die "gute alte Zeit", aus der noch die Originaleinrichtung stammt, mit der Urgroßvater Friedrich Fischer anno 1902 nicht nur Likör industriell herstellte, sondern auch Himbeersaft (das war bis dahin Apothekern vorbehalten). Auf ihre Kosten kommen übrigens nicht nur jene, die wegen des Geschmacks hin und wieder zum Stamperl greifen. Allein der zwei Tonnen schwere Kupferdestillierapparat ist einen Besuch wert. Die seit 1914 in Betrieb stehenden Geräte sind übrigens so stabil, dass sie den Einsturz des Hauses 1945 nahezu unversehrt überstanden haben.

Ein weiterer Familienbetrieb, der seine Produkte auch in einem Museum ausstellt, ist die Backhausen Interior Textiles GmbH. Im Jahr 1810 legte der Kölner Webergeselle Franz Backhausen in Wien die Meisterprüfung ab und damit den Grundstein für ein weltweit bekanntes Traditionsunternehmen, das heute in der sechsten und siebenten Generation geführt wird. Die Wiener Werkstätte war seinerzeit unter anderem für das textile Innenleben der Staatsoper, des Parlaments, des Burgtheaters, des Musikvereins und des Kaiserhauses verantwortlich, und bis heute sind die Backhausen-Stoffe in etlichen Hotels, Schlössern, Theatern in 40 Länder der Welt zu finden. Das Museum im Untergeschoß der Verkaufszentrale beherbergt rund 3500 Entwürfe aus der bewegten Firmengeschichte, an der auch der Zweite Weltkrieg nicht spurlos vorübergegangen ist. Und die Besucher erfahren auch, was es mit der berühmten Signatur "WW" auf sich hat.

Zukunft trifft Vergangenheit. Nicht nur Firmen gründen mitunter Museen, natürlich sind es oft auch staatliche Institutionen, die auf diese Weise so etwas wie Volksnähe beweisen wollen. Ein gelungenes Beispiel dafür ist die Nationalbibliothek, die nicht nur Bücher hortet, sondern auch noch vieles anderes. Während die Papyrussammlung in den Medien vor allem rund um die Lange Nacht der Museen regelmäßig als Gustostückerl beworben wird, sind das Globen- und das Esperantomuseum weit weniger bekannt. Dabei sind diese beiden mindestens genauso spannend. Schließlich ist das Globenmuseum - ein weltweites Unikum - vor zwei Jahren komplett umgemodelt worden und beherbergt jetzt nicht nur hunderte Erd- und Himmelskugeln aus vergangenen Jahrhunderten, sondern auch modernste digitale Produkte. So wurde etwa der Globus des Gerhard Mercator aus dem Jahr 1541 als 3D-Faksimile nachgebaut. Und mit den neuen interaktiven Globen werden garantiert nicht nur Kinder spielen wollen.

infoBackhausen -

Wiener Werkstätte Textilmuseum.

1., Schwarzenbergstraße 10

Mo-Fr 9.30-18.30 Uhr, Sa 9.30-17 Uhr

Tel. 01/514 04-0

www.backhausen.at

Esperantomuseum.

1., Herrengasse 9 (Palais Mollard)

Mo, Di, Mi, Fr, Sa 10-14 Uhr, Do 15-19 Uhr

Tel. 01/534 10-730

www.onb.ac.at/sammlungen/plansprachen

Globenmuseum.

1., Herrengasse 9 (Palais Mollard)

Mo, Di, Mi, Fr, Sa 10-14 Uhr, Do 15-19 Uhr

Tel. 01/534 10-710

www.onb.ac.at/sammlungen/globen

Österreichisches Theatermuseum.

1., Lobkowitzplatz 2,

Di-So 10-18 Uhr

Tel. 01/525 24-3460

www.theatermuseum.at

Museum für Unterhaltungskunst.

2., Karmelitergasse 9

So 10-13 Uhr, 1.u.3. Do/Monat 19-21 Uhr

Tel. 0676/460 47 94

www.bezirksmuseum.at/muk

Bestattungsmuseum Wien.

4., Goldeggasse 19

Mo-Fr 12-15 Uhr (Voranmeldung erbeten)

Führungen: Tel. 01/501 95-0

wien-vienna.at/bestattungsmuseum.htm

Rauchfangkehrermusem.

4., Klagbaumgasse 4

So 10-12 Uhr

Tel. 01/734 35 40,

01/514 50-2275

www.rauchfangkehrermuseum.at

Foltermuseum.

6., Esterhazypark

Tägl. 10-18 Uhr

Tel. 01/585 71 85

www.folter.at

Phonomusem.

6., Mollardgasse 8

Mi 18-20 Uhr, So 10-12 Uhr

Tel. 01/581 11 59,

01/367 82 50 (Führungen)

www.wien.gv.at/ma53/museen/phono

Wiener Schuhmuseum.

8., Florianigasse 66

2. Di/Monat 16-19 Uhr

Führungen: Tel. 01/514 50-2354

www.schuhmuseum.at

Geldmuseum.

9., Otto-Wagner-Platz 3 (OeNB)

Di, Mi 9.30-15.30 Uhr, Do 9.30-17.30 Uhr, Fr 9.30-13.30 Uhr

Führungen: Tel.: 01/404 20-6644

www.geldmuseum.at

Josephinum - Sammlungen der

Medizinischen Universität Wien.

9., Währinger Straße 25

Mo-Fr 9-15 Uhr, 1. Sa/Monat 10-14 Uhr

Tel. 01/4277-63422

www.meduniwien.ac.at/josephinum

Alt-Wiener Schnapsmuseum.

12., Wilhelmstraße 19-21

Mo-Fr 9-12 Uhr u. 13-17.30 Uhr

Tel. 01/815 73 00; 0664/22 88 888

www.schnapsmuseum.at

Heizungsmuseum.

12., Längenfeldgasse 13-15

(Hans-Mandl-Berufsschule/Keller)

Führungen: Tel. 01/4000-34966

www.heizungsmuseum.at

Ziegelmuseum.

14., Penzinger Straße 59

1. u. 3. So/Monat 10-12 Uhr

Tel. 01/897 28 52

www.ziegelmuseum.at

Wiener Schneekugelmuseum.

17., Schumanngasse 87

Mo-Do 8-12 Uhr u. 13-15 Uhr

Nur für Gruppen (10-30 Personen)

Tel.-Voranmeldung: 01/486 43 41

www.viennasnowglobe.at

Erstes Wiener Schokolademuseum.

23., Willendorfergasse 2-8 (Heindl)

Mo-Do 14 Uhr Führung

Tel. 01/667 21 10-19

www.heindl.co.at/schokomuseum.htm