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Klein, aber gewichtig

Von Petra Tempfer

Wissen
Die Form eines Schmetterlings und nur 20 Gramm leicht. Dennoch kann eine Fehlfunktion der lange Zeit unterbewerteten Schilddrüse schwerwiegende Folgen haben.
© fotolia/abhijith3747

Fast 30 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl: Die Zahl der Schilddrüsenerkrankungen steigt.


Wien. In den Morgenstunden des 26. April 1986 passierte die folgenschwerste Katastrophe in der Geschichte der Atomenergie. Im Kernkraftwerk Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat explodierte ein Reaktor. Nicht die Technik hatte versagt, sondern der Mensch: Während der Simulation eines Stromausfalls missachteten Mitarbeiter Sicherheitsvorschriften und schätzten die Eigenschaften des Reaktors falsch ein.

Heute, fast 30 Jahre später, ist die Zahl der Schilddrüsenerkrankungen stark gestiegen. Und zwar nicht nur in dem am stärksten kontaminierten Gebiet, dem Verwaltungsbezirk Gomel in Weißrussland, sondern auch im rund 1500 Kilometer entfernten Österreich, über das sich eine Wolke mit dem radioaktiven Fallout gelegt hatte. Seit 1986 haben sich allein die Krebserkrankungen der Schilddrüse laut Statistik Austria verdreifacht. Aktuell sind es rund 900 neue Krebspatienten jährlich. Das sind zwar noch immer deutlich weniger als bei Lungen- oder Brustkrebs (4000 respektive 5400 Neuerkrankungen pro Jahr), von einer Schilddrüsenerkrankung ist aber bereits jeder vierte Österreicher über 50 betroffen.

Intensivere Suchenach Erkrankungen

Freilich sind die Auswirkungen von Tschernobyl hierzulande weit weniger dramatisch als in Gomel, wo Schätzungen zufolge ein Drittel aller Kinder, die zum Unglückszeitpunkt jünger als vier Jahre alt waren, im Laufe ihres Lebens an Schilddrüsenkrebs erkranken werden. Die Tschernobyl bedingten Krebsfälle in Österreich deckten auch lediglich einen Teil der Schilddrüsenerkrankungen ab, sagt Gerhard Wolf, Schilddrüsenspezialist am LKH Graz, zur "Wiener Zeitung".

Dass die Zahl dieser Erkrankungen weiter steigen werde, sei einerseits dem medizinischen Fortschritt und der genaueren "Suche" zu verdanken, andererseits hänge es mit einer Jodanreicherung im Körper zusammen. Freilich trügen auch die demografische Entwicklung und das Älterwerden der Bevölkerung ihren Teil dazu bei.

Aber alles der Reihe nach. "Früher war man erst dann krank, wenn man einen Knoten an der Schilddrüse gesehen hat", sagt Wolf. Die nur 20 Gramm schwere, am Hals gelegene Hormondrüse mit der Form eines Schmetterlings wurde unterbewertet - oder schlichtweg vergessen. Heute werden dank Ultraschall schon beginnende, kleine Karzinome entdeckt. Zudem untersuchen Internisten seit etwa fünf Jahren parallel zum klassischen Blutbild zunehmend die Schilddrüsen-Werte. Werden Abnormitäten erkannt, wird der Patient zum Spezialisten geschickt.

Wird eine Erkrankung der Schilddrüse festgestellt, ist zu einem großen Teil das überschüssige Jod im Körper schuld. Jod und Schilddrüse haben ein äußerst ambivalentes Verhältnis: Vor Jahrzehnten hat man begonnen, das Speisesalz zu jodieren, weil Jod den Kropf - eine sichtbare Vergrößerung der Schilddrüse - verhindern sollte. Heute haben manche Menschen zu viel Jod im Körper. Sie nehmen es vor allem mit Fisch, aber auch Brokkoli oder Kiwis auf. Warum man dadurch anfälliger für Autoimmunerkrankungen wie Hashimoto (eine Entzündung der Schilddrüse) und das sogenannte papilläre Schilddrüsenkarzinom ist, "wissen wir nicht", sagt Georgios Karanikas vom Schilddrüsenzentrum Wien Mitte.

Was man weiß, sei, dass die Schilddrüse unter anderem zwei jodhaltige Hormone produziert, für die sie freilich Jod benötigt. Gibt es zu wenig davon, strukturiert sie sich um und bildet Knoten und Zysten. Zu viel davon ist auch schädlich. Die Schilddrüsenhormone spielen eine wichtige Rolle für Energiestoffwechsel und Zellwachstum.

Fakt ist laut Wolf, dass sich die Art der Schilddrüsenerkrankung mit dem Alter ändert. Ältere Menschen seien eher von Schilddrüsenvergrößerungen wie einem Kropf betroffen, Jugendliche leiden vor allem an kleineren Karzinomen und einer Schilddrüsenüberfunktion. Sie geht häufig mit Gewichtsverlust und einer inneren Unruhe einher. Bei einer Schilddrüsenunterfunktion zeigt man genau gegenteilige Symptome. Generell sind mehr Frauen von Störungen der Schilddrüse betroffen. Ein Grund dafür könnten die Hormonschwankungen während des Lebens einer Frau sein. Zwischen 30. und 40. Lebensjahr sind sie besonders anfällig für Knoten an der Schilddrüse.

Krankenkassen haben noch nicht reagiert

Seltsam daran ist, dass die Krankenkassen die Schilddrüse offensichtlich heute noch unterbewerten und nicht auf das Ausmaß der Erkrankungen reagiert haben. Welche Leistungen sie übernehmen, schwankt je nach Bundesland sehr. In Graz etwa ist es seit einigen Jahren Usus, dass die Krankenkasse den Ultraschall bezahlt. In Wien gibt es indes nur wenige Schilddrüsenzentren mit langen Wartezeiten, wo die Krankasse die Kosten für die Untersuchung übernimmt. Die meisten niedergelassenen Schilddrüsenärzte sind Wahlärzte. "Wir sehen, dass grundsätzlich eher Kosten für Eingriffe und Behandlungen übernommen werden, bei denen der Patient stationär aufgenommen wird", heißt es vom Verband der Versicherungsunternehmen. Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Viel erfreulicher ist, dass mit dem Anstieg der Zahl der Schilddrüsenerkrankungen jene der Sterbefälle gesunken ist. Endete ein Schilddrüsenkarzinom 1986 für mehr als 100 Patienten tödlich, sind es heute nicht einmal 70. Wolf: "Eine Überfunktion kann man heilen, eine Unterfunktion ist mit Dauertherapie und Tabletten gut behandelbar."