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Klimagipfel mit Enttäuschungsgefahr

Von Ronald Schönhuber

Klimawandel

Noch vor keiner UN-Klimakonferenz war der Druck zu handeln so groß wie diesmal. Doch bei dem am Montag in Madrid beginnenden Mammuttreffen stehen vor allem technische Details auf dem Programm.


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Die große Eröffnung des 25. Weltklimagipfels wird Greta Thunberg in jedem Fall verpassen. Denn wenn am Montag zehntausende Delegierte aus aller Welt in Madrid zu den Auftaktveranstaltungen zusammenkommen, wird sich die 16-jährige Klimaschutzaktivistin noch hunderte Kilometer von der portugiesischen Küste entfernt auf See befinden. Der knapp 15 Meter lange Katamaran "La Vagabonde", auf dem Thunberg nach der Verlegung der Mammutkonferenz von Santiago de Chile nach Madrid quasi per Anhalter zurück nach Europa segelt, wird erst frühestens Mitte der kommenden Woche in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon ankommen.

Präsent wird die junge Schwedin in Madrid aber dennoch sein. Denn neben den fast schon im Monatsrhythmus fallenden Temperaturrekorden und den Wahlerfolgen der Grünen war es vor allem Thunberg, die den Druck auf die Politik, endlich substanzielle Schritte im Kampf gegen die Erderwärmung zu setzen, in den vergangenen Monaten massiv erhöht hat. So sind im Rahmen der von ihr organisierten "Fridays for Future"-Schulstreikaktion mittlerweile Millionen Jugendliche aus aller Welt auf die Straßen gegangen.

"Es gibt eine große Kluft"

Die hohen Erwartungen der jugendlichen Aktivisten dürften in Madrid aber großteils enttäuscht werden. Denn anders als beim Gipfel im Jahr 2015, als in der französischen Hauptstadt das als Meilenstein geltende Klimaabkommen beschlossen wurde, geht es diesmal in den Verhandlungen vor allem um die Ausarbeitung von technischen Details und Umsetzungsrichtlinien, um den Pariser Vertrag mit Leben zu erfüllen. So soll etwa ein Mechanismus gefunden werden, der sicherstellt, dass CO2-Kompensationsprojekte, mit denen reiche Staaten und Unternehmen Treibhausgaseinsparungen kostengünstiger in ärmeren Länder realisieren können, nicht doppelt verrechnet werden. "Noch nie zuvor in der Geschichte der UN-Klimakonferenzen hat es eine dermaßen große Kluft zwischen den Verhandlungen drinnen und der Stimmung draußen gegeben", sagt Monica Araya, die viele Jahre die Klimaverhandlungen für Costa Rica geführt hat.

Arayas Einschätzung zufolge ist das Maximum, das von der zweiwöchigen Konferenz erwartet werden kann, ein Versprechen für 2020. Denn nach den Regeln des Pariser Abkommens sollen im kommenden Jahr die bisher vorliegenden Klimaschutzpläne nicht nur evaluiert, sondern im besten Fall auch deutlich nachgebessert werden.

Ob sich die internationale Staatengemeinschaft allerdings schon in Madrid zu entsprechenden Ankündigungen durchringt, ist mehr als fraglich. Denn schon derzeit hinken die allermeisten Länder bei der Umsetzung ihrer bisherigen Versprechen zur Treibhausgasreduktion deutlich hinterher. So ist laut einer vor kurzem veröffentlichten Studie des Klimaschutznetzwerks Climate Transparency nicht nur kein einziger der G20-Staaten bei der Erreichung des 1,5-Grad-Ziels, mit dem die Erderwärmung auf ein verträgliches Maß begrenzt werden soll, auf Kurs. In vielen der großen Industrie- und Schwellenländer wie Australien, China oder Indien steigen die Emissionen auch weiterhin an.

Europa als Hoffnungsträger

Als unwahrscheinlich gilt vor allem, dass große Treibhausgasemittenten wie China, Brasilien oder Indien nach dem US-Rückzug aus dem Pariser Abkommen mehr Ehrgeiz signalisieren. So fließt zwar in der Volksrepublik so viel Geld wie nirgendwo sonst in erneuerbare Energien, doch schon beim Klimagipfel im Vorfeld der UN-Generaldebatte vor zwei Monaten traten die chinesischen Delegierten äußerst zurückhaltend auf. Zu groß ist in Peking offenbar die Befürchtung, dass die ohnehin unter dem Handelstreit mit den USA leidende Wirtschaft bei einem schnelleren Ausstieg aus fossilen Energien noch weiter einbrechen könnte.

Als Hoffnungsträger bleibt für die Klimaschützer damit nur noch Europa übrig, wo sich vor allem die neue EU-Kommission für die kommenden fünf Jahre ein ambitioniertes Programm verordnet hat, um den eigenen Anspruch als globaler Vorreiter endlich auch mit der gelebten Praxis in Einklang zu bringen. So will die neue Kommissisonpräsidentin Ursula von der Leyen, die auch am ersten Tag der Konferenz in Madrid eine Rede halten wird, die bisherigen Emissionsreduktionsziele nochmals deutlich verschärfen und statt der bisherigen 40 Prozent eine Minderung von 50 oder gar 55 Prozent bis 2030 durchsetzen.

Enttäuschungsgefahr birgt allerdings auch von der Leyens Plan für einen "Europäischen Grünen Deal". So haben Polen, Ungarn, Tschechien und Estland bereits vor einigen Monaten die Diskussion über ein klimaneutrales Europa bis 2050 torpediert, weil sie wegen ihres großen Anteils an fossilen Energieträgern hohe Kosten befürchten.