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Klimakrise schürt Gewalt in Nigeria

Von Katrin Gänsler

Politik
Zwei Männer verarbeiten in Ibadan Maniok zu Mehl. Nigerias Landwirtschaft befindet sich in der Krise.
© reuters / Temilade Adelaja

Brutaler Konflikt zwischen Hirten und Bauern ohne Aussicht auf Frieden.


Knapper werdende Weide- und Ackerflächen, Überschwemmungen und Terrorgruppen heizen im afrikanischen Nigeria den Konflikt zwischen Farmern und Viehhirten weiter an. Trotz zahlreicher Lösungsversuche entspannt sich die Lage nicht. Eindringlich sprach zuletzt etwa Ahmadu Ogah Onawo - er ist Andoma von Doma, ein traditioneller Regent im Bundesstaat Nasarawa - bei einer nationalen Konferenz in der Hauptstadt Abujah über den tiefgreifenden wie komplexen Streit.

"In den frühen Morgenstunden, um ein oder zwei Uhr, kommen die Menschen zu mir und erzählen, wie ihre Familie angegriffen oder eine Tante ermordet wurde. Wir auf dem Land wissen, was der Konflikt bedeutet", hielt er fest. Heute sei das ganze Land betroffen; es müsse dringend gehandelt werden, betonte er gegenüber Kathpress.

Über den Konflikt wird in Nigeria seit Jahren debattiert, da er immer brutalere Züge annimmt. Erst Anfang August wurden nach Informationen des Fernsehsenders "Channels TV" acht Menschen getötet und zwei verletzt. Mit den ursprünglichen Zwistigkeiten, etwa wenn ein paar Rinder über einen Acker trampelten, hat das schon lange nichts mehr zu tun. Zugleich darf die vermeintlich religiöse Komponente in dem Konflikt - muslimische Hirten hier, christliche Bauern dort - nicht als einfaches Erklärungsmuster dienen.

Nach Informationen der nigerianischen Nachrichtenagentur NAN wird nun wieder die Einführung von umzäunten Weideflächen diskutiert, die es schon seit der Unabhängigkeit im Jahr 1960 geben sollte. Vor drei Jahren setzte die Regierung unter Präsident Muhammadu Buhari auf das Ruga-Konzept. Ruga heißt "Siedlung" in der Sprache der Fulani - die ethnische Gruppe hält traditionell Vieh und lebt teilweise bis heute halbnomadisch. Dagegen protestierten jedoch andere Ethnien, weil sie kritisierten, dass den Fulani zu Unrecht Land zugeteilt werde.

Wüste breitet sich aus

Denn das wird knapp in Nigeria, wo sich die Bevölkerung in den vergangenen gut 60 Jahren etwa vervierfacht hat. Dazu kommt der Klimawandel. An der Küste werden die Strände schmaler, und mancherorts sind ganze Stadtteile weggespült worden. Im Norden breitet sich die Wüste aus, was mit dem Abholzen ganzer Wälder einhergeht. Steigende Preise für Kochgas - innerhalb eines Jahres hat sich nach Informationen des Nationalen Statistikamtes der Preis für eine Fünf-Kilogramm-Kartusche mit knapp zehn Euro mehr als verdoppelt - machen Familien abhängiger denn je von Feuerholz. "Klimawandel ist eine der signifikantesten Ursachen für Konflikte und extreme Gewalt, und gleichzeitig wird darüber höchst selten gesprochen", sagt Priscilla Achakpa, Präsidentin der nichtstaatlichen Organisation Frauen-Umwelt-Programm. Er betreffe alle Nigerianer.

Auch im Landesinneren treten während der Regenzeit zunehmend Flüsse über die Ufer. 2020 starben 69 Menschen, rund 2,4 Millionen verloren ihre Häuser, Gärten oder Ackerland. Auch in diesem Jahr sind bereits Dutzende gestorben. Dabei stehen einigen Regionen die schweren Regenfälle, die wertvolle Anbauflächen und Infrastruktur zerstören, erst noch bevor.

Auch die permanente Sicherheitskrise beeinträchtigt die Landwirtschaft. Die Terrorgruppe "Islamischer Staat in der Westafrikanischen Provinz" (Iswap) hat sich in den vergangenen Monaten weiter in Richtung der Hauptstadt Abuja ausgebreitet. Die "Bedrohung durch islamistische Aufständische und andere bewaffnete Gruppen" habe ein kritisches Ausmaß erreicht, sagt Anietie Ewang, Nigeria-Expertin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Aus Angst vor Überfällen lassen Farmer ihre Äcker brach liegen, und Viehhirten sind gezwungen, neue Weideflächen zu finden. Im Juli teilte das UNO-Welternährungsprogramm mit, dass 19,5 Millionen Nigerianer "in hohem Maß mit akuter Ernährungsunsicherheit konfrontiert" seien. "Wenn die Farmer im Krieg sind, leidet die ganze Nation. Wir müssen dringend Frieden und Sicherheit verteidigen", sagt General Abdulwahab Adelakun Eyitayo.

Nichtregierungsorganisationen betonen, dass auf lokaler Ebene Lösungsansätze gefunden werden müssen. Dazu gehören Frühwarnsysteme und Treffen, bei denen Probleme besprochen werden, bevor sie eskalieren. Seit Jahren wird außerdem kritisiert, dass mutmaßliche Täter straflos bleiben, Hintermänner nicht ermittelt, Tatwaffen nicht zurückverfolgt werden. Meist setzt sich eine Lesart durch: "Fulani-Terroristen" sollen für Massaker verantwortlich sein. Das kritisierte der nigerianische Politikwissenschafter
Jibrin Ibrahim, ein bekannter Gesellschaftskritiker im Land, jüngst auf Twitter. Die "ethnische Stigmatisierung" müsse aufhören.(kathpress)