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Klinisch rein oder g’sund dreckig

Von Alexandra Grass

Wissen
Spielen in der Sandkiste trainiert Geist und Körper gleichermaßen.
© fotolia

Nicht zuletzt die steigende Mobilität erhöht das Risiko gefährlicher Infektionen.


In Restaurants nimmt er immer sein eigenes Plastikbesteck mit, zum Händewaschen benutzt er jedes Mal ein neues Stück Seife. Die Rede ist vom erfolgreichen New Yorker Schriftsteller Melvin Udall - in der US-Komödie "Besser geht’s nicht" von Jack Nicholson verkörpert. Und tatsächlich: Die Angst vor Bakterien und Krankheit scheint in der Bevölkerung groß zu sein. In den meisten Familien kommen ausgesuchte Reinigungsmittel zum Einsatz, um die eigenen vier Wände zu 99,9 Prozent vor Bakterien, Keimen und Viren zu schützen.

So sauber, dass man sich drin spiegeln kann, reicht heutzutage oft nicht mehr aus - Desinfektion ist angesagt. Obwohl wir heute in einer Umgebung leben, die so sauber ist wie nie zuvor.

Badehäuser als Brutstätten

Im Laufe der Geschichte hat sich das Hygieneverständnis - welches Verhalten der Gesundheit zuträglich ist - wesentlich geändert. So gehörten im antiken Griechenland und im Römischen Reich Hygiene und Körperpflege zum normalen Tagesablauf. Gemeinschaftsbäder, Massagen und die Verwendung von Fingerschalen beim Essen waren kein Unikum. Es gab eine ausgeklügelte Wasserver- und Abwasserentsorgung.

Im Mittelalter hingegen verschmutzten die Städte zunehmend. Abfall, Abwasser und die Notdurft wurden einfach auf die Straßen geleert. Die Körperpflege war stark vom gesellschaftlichen Rang abhängig. Mit dem Errichten von Badehäusern und Badstuben wurde die private Hygiene zwar mehr in den Lebensmittelpunkt gerückt. Allerdings spielte dort weniger die Körperpflege als das persönliche Vergnügen eine besondere Rolle.

Nach und nach machte sich als Folgeerscheinung der sexuellen Aktivität die Infektionskrankheit Syphilis breit. In der Renaissance wurde die Schuld - so das damalige Verständnis - dem Wasser zugeschrieben. Es herrschte die Vorstellung, dass es durch die Poren in den Körper eindringt und ihn allen möglichen im Wasser und in der Luft lauernden Gefahren gegenüber wehrlos macht. Damit gab es auch für die Pestepidemien wohl die passende Erklärung. Waschen mit Wasser wurde daher als schädlich angesehen.

Im 19. Jahrhundert wurden dann wieder Abflusssysteme für Abwasser gebaut und damit die Kanalisation vorangetrieben. Die Hygiene nahm wieder einen größeren Stellenwert ein. Einen wesentlichen Schritt voran tat auch der ungarische Arzt Ignaz Semmelweis. Er behauptete, das Auftreten von Kindbettfieber sei auf mangelnde Hygiene bei Ärzten und Krankenhauspersonal zurückzuführen. Er wies seine Studenten an, sich vor der Untersuchung der Mütter die Hände mit Chlorkalk zu desinfizieren. Diese Maßnahme senkte die Sterberate immerhin von 12,3 auf 1,3 Prozent.

Weitere bekannte Forscher auf dem Gebiet der Hygiene waren die deutschen Ärzte Johann Peter Frank und Robert Koch sowie der französische Chemiker Louis Pasteur. Nach und nach wurden Impfungen ein Thema. Seit dem 19. Jahrhundert stieg damit auch die Lebenserwartung schneller an.

Stadt- versus Landkinder

Heutzutage wiederum sind einige Krankheiten mitunter übertriebener Hygienemaßnahmen zuzuschreiben. Vor allem bei unserem Nachwuchs wird dies sichtbar. So leiden etwa Stadtkinder 15 Mal häufiger an Allergien als Landkinder. Je intensiver der Stallaufenthalt ist, desto ausgeprägter ist auch der Schutz vor Asthma, wie Studien aufzeigen. "Desinfektionsmittel vernichten die für unser Leben nützlichen Bakterien und können damit das menschliche Immunsystem schwächen, da es ohne Bakterien nicht ausreichend stimuliert wird", schreibt der österreichische Buchautor Manfred F. Berger in seiner Neuerscheinung "Hysterie Hygiene".

Das Immunsystem muss sich demnach entwickeln, es muss trainiert werden, kleinere und größere Infektionen überwinden, um sich stärker auszubilden.

Es gilt, das richtige Maß zwischen klinischer Sauberkeit und g’sundem Dreck zu finden. Kinder benötigen daher auch eine Anleitung, wie man mit Schmutz etwa auf uns, unserer Kleidung und unseren Händen richtig umgeht. Das bayrische Landesjugendamt warnt allerdings: "Es gilt, den Forschungsdrang aus Hygienegründen nicht einzuschränken. Die Vorteile dieses Forschungsdrangs sind für das Kind ungleich größer als die Möglichkeit einer Ansteckung. Natürlich gibt es Grenzen: Mülleimer, Toiletten (...) sind sicher nicht die richtigen Orte für Experimente." Im eigenen Haushalt reichen den Experten zufolge simple Hygienemaßnahmen wie waschen, trocknen und luftig halten völlig aus.

Die Hygiene betrifft aber wiederum sämtliche Bereiche des Lebens und Zusammenlebens. Neben dem Haushalt auch öffentliche Einrichtungen, das Einkaufen, Reisen und vieles mehr. Aufgrund ihrer hohen Kundenfrequenz gehören etwa Supermärkte zu jenen Kontaktpunkten im öffentlichen Raum, wo problemlos Übertragungen stattfinden können, schreibt Berger. Das beginnt mit den Griffen beim Einkaufswagen und endet bei der Bankomatkassa.

Nicht zuletzt haben die steigende Mobilität, der globale Handel, der weltweite Tourismus, risikobereites Verhalten und Impfmüdigkeit zu einem Ansteigen der Gefahr von Ansteckungen vor allem gefährlicher Infektionen geführt. "Wir wohnen immer wieder in Hotels, duschen in fremden Badezimmern, schlafen in fremden Betten und essen an fremden Tischen." Hier passiert ein rascher Austausch von Erregern in neuen Populationen und Territorien, was auch für den Hotellerie- und Gastronomiebereich eine enorme Herausforderung darstellt.

Keimeinheit im Haushalt

Innerhalb des eigenen Lebensbereiches - vor allem des Haushalts - entsteht ein mikrobiologisches Gleichgewicht, eine sogenannte Keimeinheit, mit der der Mensch von Kindheit an zu leben lernt. So existieren zwar gefährliche, aber auch gute Keime. Desinfektionsmittel machen auch die nützlichen Bakterien zunichte und schwächen damit das menschliche Immunsystem. Ohne Keime - also Bakterien und Viren - kann die körpereigene Abwehr nicht ausreichend stimuliert werden.

Am menschlichen Körper ist deren Besiedelung unterschiedlich verteilt. Rund 20.000 Keime pro Quadratzentimeter Haut befinden sich im Stirnbereich, auf der Hand sind es zwischen 1000 und 6000, auf den Fingerkuppen 20 bis 200 pro Quadratzentimeter. Etwa 20.000 Keime besiedeln die Haare und immerhin 10 Millionen pro Milliliter den Speichel.

Während die sogenannte residente Hautflora vor krankmachenden Erregern schützt, gilt es, die transiente Hautflora zu reduzieren. Also die Besiedelung mit hautfremden Erregern. Für den privaten Gebrauch reicht gewöhnliches Händewaschen aus. Dabei werden immerhin 90 bis 95 Prozent der oberflächlichen Mikroorganismen entfernt. In der Medizin hingegen, wo der Anspruch höher ist, sind Desinfektionsmittel notwendig.

Schutz für Immunschwache

Der Einsatz solcher Mittel ist allerdings auch situationsabhängig zu sehen. Denn sehr wohl empfiehlt sich ein solcher bei Menschen mit einer Immunschwäche, wie HIV-Infizierte, Krebs- oder Transplantationspatienten. Diese Gruppen müssen vor speziellen Erregern geschützt werden. In Zeiten einer Grippewelle wird auch dem Normalbürger besonders gründliches Hände- und Wäschewaschen angeraten, um vor allem bakterielle Infekte zu vermeiden.

Zwar sind seit dem Jahr 1940, der Entdeckung des Penicillins durch den schottischen Bakteriologen Alexander Fleming, wirkungsvolle Gegenstrategien bei krankmachenden Keimen möglich. Doch die sorglose Verwendung von Antibiotika führt zu deren abnehmender Wirkung durch Resistenzen.

"Wir sind nicht keimfrei und leben auch niemals in einer keimfreien Umgebung und wir sollten dies auch nicht anstreben", heißt es im Buch. Der Autor hat auch Tipps für den Alltag parat. So etwa: das richtige Händewaschen lernen. Besonders gründlich sollte dies nach dem Gang auf die Toilette und nach dem Betreten der eigenen vier Wände erfolgen, um die Keimeinheit Zuhause nicht ins Ungleichgewicht zu bringen. Dort ist es dann auch nicht nötig, einen Flächenangriff auf Bakterien, Viren und Sporen zu starten. Und: "Machen Sie aus Ihrem Kind bewusst einen Schmutzfink."