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Knacksen im Gebälk des Elfenbeinturms

Von Eva Stanzl

Wissen
Klischeehafte Darstellung eines Innenraums des Elfenbeinturms aus: Rembrandt van Rijn, "Der Philosoph" (1633).
© wiki commons

So geht es nicht weiter: Forscher wollen eine Öffnung des Wissenschaftsbetriebs und mehr Qualität.


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Wien. "Wissenschaft generiert zu wenig Neues. Sie bewegt sich nur in kleinen Schritten", betonen österreichische und internationale Wissenschafter in einer Umfrage über ihre Arbeit. Kurzfristiger Publikationsdruck, Förderungen für Projekte mit abschätzbaren Ergebnissen und wenig freie Themenwahl würden Unabhängigkeit und Mut zum Risiko zurückdrängen.

"Der Markt gibt heute viele Themen vor. Forscher halten sich finanziell über Wasser, indem sie mehrere Projekte parallel machen, und sie müssen schon in den Projektanträgen viel darüber wissen, was herauskommen wird", erklärt Gertraud Leimüller, Geschäftsführerin des Wiener Beratungsunternehmens Winnovation. Es wäre jedoch notwendig, Fragestellungen abseits des Mainstreams anzugehen und "öfter und länger an größeren, experimentellen Projekten zu arbeiten, damit sich mehr unerwartete Dinge aus Zufall entblättern". Ansonsten sei damit zu rechnen, dass die bedeutsamen Innovationen, wie etwa die LED-Leuchte oder das Elektroauto, weniger werden. Auch in der Medizin sei dann mit Krebs-Heilungen wohl nicht so bald zu rechnen.

43 Studien zurückgezogen

Für ihre qualitative Erhebung hat Leimüller 17 Forscher aus den Gesundheitswissenschaften renommierter heimischer, europäischer und amerikanischer Institute befragt und 35 Quellen mit Berichten zum wissenschaftlichen Arbeitsalltag in Internet-Foren, Blogs, Zeitungsartikeln und Fachmedien analysiert. Das Verhältnis von Junior und Senior Researchers und jenes der Geschlechter ist ausgewogen. Die Studie soll als Grundlage für "Open Innovation in Science", ein Projekt der Ludwig Boltzmann (LBG) Gesellschaft, dienen. Dabei werden in einem ersten Schritt ab Mitte April Bürger gezielt gefragt, welche Probleme im Bereich psychische Erkrankungen die Wissenschaft stärker aufgreifen sollte. In einem zweiten Schritt will die LBG eine Forscherausbildung starten, die Wissenschafter lehrt, wie sie sich im Zeitalter der Open-Access-Journale und offenen Innovationsmethoden am besten positionieren und vermarkten können.

Generell befürworten die Befragten das Entstehen frei zugänglicher (Open Access) Publikationen, weil sie sich davon einen offenen Zugang zum aktuellen Stand des Wissens erhoffen. "Selbst Top-Wissenschafter haben uns gesagt, dass sie nicht den Überblick haben, was in ihrem Fachbereich schon alles publiziert wurde", erklärt Leimüller. Und da niemand Negativ-Ergebnisse an die große Glocke hängt, machen Forscher auch Studien, die andere bereits unternommen haben. Die Befragten wünschen sich die "Publikaiton von Negativ- und Nullergebnissen und vollständigen Versuchsanordnungen".

Sie beklagen auch das Fehlen von wirksamen Mechanismen zur Qualitätssicherung und kritisieren, dass nach derzeitiger Praxis nur Karriere machen kann, wer so viele Ergebnisse wie möglich und so oft wie möglich in Fachmedien veröffentlicht.

Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass der deutsche Fachverlag Bio Med Central am Dienstag 43 wissenschaftliche Studien zurückziehen musste, erscheint dieser Kritikpunkt ganz besonders relevant. Laut dem "Spiegel Online" soll es bei jeder der Studien Manipulationen in der Begutachtung gegeben haben. Prüfer seien bezüglich der Studienqualität getäuscht oder systematisch positiv beeinflusst worden. "Es ist ein Problem, dass nur geringe Anreize bestehen, Fehler und Datenmanipulation in wissenschaftlichen Arbeiten zu vermeiden, und dass im Gegenteil der Anreiz besteht, in kurzer Zeit eine große Masse an Publikationen hervorzubringen", heißt es in der Studie.

Viele Forscher im Gesundheitsbereich beklagen außerdem, dass zu wenige ihrer Ergebnisse umgesetzt würden. Sie wünschen sich mehr Know-how, wie sie ihre Arbeiten verwerten können, sowie eine offenere Zusammenarbeit mit Forschungspartnern aus Universitäten und Industrie. Allerdings müssten sie dazu wohl selbst offener mit ihren Ergebnissen umgehen - ein Risiko, zumal intellektuelles Eigentum leicht gestohlen werden kann. Ob sich der Elfenbeinturm also nach einer kurzen Öffnung wieder schließt, um seine Insassen noch kleinteiliger im eigenen Gebälk arbeiten zu lassen, bleibt abzuwarten.