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Knock-out bei der Wohnungssuche

Von Bettina Figl und Kamil Kowalcze

Politik
Die Südtirolerinnen Charlotte Dallargo (l.) und Anna-Chiara Müller sind noch auf Wohnungssuche.

Die Heime sind voll, die Infos rar: | Wohnungslosen Studienanfängern läuft die Zeit davon. | Kaum noch Plätze in Studentenheimen.


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Wien. Eine Woche bis Studienbeginn und noch immer keine Wohnung - so kurzfristig noch ein Zimmer zu finden, erweist sich schwieriger als so manche Prüfung. Wendet man sich als Student an die Österreichische Hochschülerschaft, kurz ÖH, hilft das mitunter auch nicht weiter. Sie hat zwar zu bestimmten Uhrzeiten eine eigene Telefon-Hotline. Doch hier wird der studentische Anrufer lediglich von Pontius zu Pilatus geschickt.

In der Warteschleife

Erst leitet die Zentrale der ÖH den Wohnungssuchenden ohne lange Verzögerungen direkt zur Vermittlung der Hauptuniversität Wien weiter. Dort trifft er auf großteils einsilbrigen Entgegnungen einer unverblümt desinteressierten Gesprächspartnerin.

Anschließend wird er mit der Studienabteilung verbunden - das Ziel von den eigenen vier Wänden rückt weiter in die Ferne: Eine freundliche Dame erklärt, die Anmeldung für ein Studentenheim sollte etwa ein halbes Jahr im Vorhinein erfolgen. Sie empfiehlt, es beim Österreichischen Austauschdienst (OeAD) zu versuchen. Die OeAD ist eine Servicestelle für internationale Mobilität und Kooperation im Bildungsbereich und bietet auch Studentenwohnung an. Dort könnte es noch freie Plätze geben, heißt es.

"16 Anrufer sind vor Ihnen in der Reihe, bitte warten Sie", informiert eine etwas verzerrte elektronische Telefonstimme beim OeAD - und der Hoffnungsschimmer verschmälert sich. Nach fünf Minuten läuft noch immer dieselbe Telefonwarteschleife. Und Hartnäckigkeit macht sich nicht bezahlt: Weder beim OeAD, noch in den Studentenheimen von Kolping und der Österreichischen Jugendarbeiterbewegung (ÖJAB) gibt es noch freie Plätze.

Doch lieber arbeiten?

Anstatt in Warteschleifen auszuharren, versuchen Charlotte Dallargo und Anna-Chiara Müller ihr Glück direkt bei der Hauptuniversität. Zuerst irren die 19-jährigen Studienanfängerinnen im Hof vorm Audimax herum. Endlich an der richtigen Adresse angelangt, stoßen die Südtirolerinnen auf verschlossene Türen: Es ist 10.30 Uhr, die ÖH-Studienberatung beginnt an diesem Tag erst um 14 Uhr.

"Sch... studieren, geh’ ma lieber arbeiten!", sagt Anna-Chiara frustriert. "Was für ein Tag", stöhnt auch Charlotte. Sie ist bereits für Publizistik inskribiert, Anna-Chiara wollte sich eigentlich heute für Biologie einschreiben - doch auch das ist erst ab 14Uhr möglich.

Die beiden haben noch keine Wohnung, sprechen von "totaler Ungewissheit", aber sie freuen sich auf "das Studentenleben, von dem alle reden". Ihnen fällt die Orientierung im Uni-Dschungel sichtlich schwer. Ursprünglich wollten sie gemeinsam eine Wohnung in Ottakring beziehen, doch in letzter Sekunde sind sie aufgrund eines "dubiosen Mietvertrags" abgesprungen.

Kleinstadtflair in Wien

Eigentlich hätten sie sich ja über die Öffnungszeiten auf der Homepage der Uni Wien informieren können. Doch während sie in Wien, einer "Großstadt mit Kleinstadtflair" ganz gut zurechtkommen, fehlt ihnen im Uni-Dickicht noch jegliche Orientierung. Einzige Hilfestellung: "Unsere Managerinnen". Gemeint sind die Mütter der beiden, die - ausgerüstet mit Stadtplan und Wohnungsanzeigen - auf den Stiegen der Hauptuni sitzen. Die Wohnungssuche haben sie schon vor Monaten begonnen, berichten die vier Frauen und fragen: "Der vierte Bezirk? Wo ist der?" Immer wieder markieren sie in Frage kommende Wohnungsanzeigen in Neongelb.

Charlotte und Anna-Chiara hoffen, im Internet doch noch ein Quartier zu finden. Wie heißt es bei Rilke? "Wer jetzt noch kein Haus hat, baut sich keines mehr."