Zum Hauptinhalt springen

Knüppel säumen Weg in die Freiheit

Von Beppo Beyerl

Politik

8. Oktober 1989: Während die Sozialistische Einheitspartei unverdrossen ihr 40-jähriges Bestandsjubiläum feiert und einmal mehr den "Weg zurück in die kapitalistische Unrechtsgesellschaft" ausschließt, gehen zehntausende Menschen in Ostberlin auf die Straße. Mit den Parolen "Demokratie jetzt oder nie" und "Wir sind das Volk" fordern sie Mitsprache bei politischen Entscheidungen und Reisefreiheit. Die Polizei setzt Wasserwerfer ein und verhaftet 1.047 Demonstranten, doch der Fall der Berliner Mauer ist nicht mehr aufzuhalten.


Es war im Spätsommer 1989, als in der DDR oppositionelle Gruppen damit begannen, ihre Unzufriedenheit in regelmäßigen öffentlichen Kundgebungen zu artikulieren. Am 4. September fand in Leipzig im Anschluss an das Friedensgebet in der Nikolaikirche die erste "Montagsdemonstration" statt. Ein Protestmarsch, der - wie übrigens die Demonstrationen gegen Schröders Sparmaßnahmen im Sozialbereich 15 Jahre später - ab nun wöchentlich stattfinden sollte. Die Protestierenden des Jahres 1989 mussten das Recht auf freie Meinungsäußerung allerdings erst erkämpfen.

An den nachfolgenden Montagen wurden die Demonstranten konkreter: Sie wandten sich entschieden gegen die Flucht aus der Republik, wollten allerdings die Ursachen für die Flucht debattieren und als Opposition an den Entscheidungsprozessen partizipieren. Getragen wurden die Montagsdemonstrationen von der Protestantischen Kirche, von Künstlern und Basisgruppen.

SED feiert sich selbst

Am 7. Oktober wurde in Ostberlin im Palast der Republik der 40. Jahrestag der Gründung der DDR gefeiert. Kurt Tiedke, der Rektor der "SED-Parteihochschule Karl Marx", referierte: "Der eingeschlagene Weg zum Sozialismus erweist sich als richtig. Ein Zurück in die kapitalistische Unrechtsgesellschaft wird es niemals mehr geben. Nichts, aber auch gar nichts spricht für die Notwendigkeit einer Kurskorrektur."

"Sündenbabel" Sowjetunion

Die Diskrepanz zum sowjetischen Staats- und Parteichef Mikhail Gorbatschow war nicht zu überbrücken. Der Russe sprach in seiner Festrede von den mannigfaltigen Entwicklungsmöglichkeiten im Sozialismus, von Vielfalt und Eigenart und wandte sich gegen Unifizierung und Standardisierung. Die Festrede von Erich Honecker indes enthielt viele Attacken gegen die Sowjetunion. Erst pries er "die Errungenschaften unserer Republik (...), dass ausnahmslos alle jungen Leute eine Zukunft haben, dass sie nicht auf der Straße stehen müssen, ohne Ausbildung bleiben, an der Drogennadel hängen". Sodann konkretisierte er, dass all diese Missstände heute zum Alltag in der Sowjetunion gehörten.

Massenverhaftungen

Am selben Wochenende, am 8./9. Oktober, demonstrierten in Berlin Zehntausende mit den Losungen "Demokratie, jetzt oder nie" und dem allseits bekannten "Wir sind das Volk". Die Polizei setzte Wasserwerfer ein und verhaftete 1.047 Demonstranten. Möglicherweise konnte ein blutiger Konflikt nur durch Gorbatschow verhindert werden. Wie erst später bekannt wurde, hatte Honecker die Ausgabe von scharfer Munition an NVA-Einheiten (Nationale Volksarmee) und Vopo-Einheiten (Volkspolizisten) angeordnet. Gorbatschow wurde darüber von seinem militärischen Geheimdienst informiert. Daraufhin befahl er den Verbindungsoffizieren der Roten Armee in den Stäben der NVA, den Einsatz der Volksarmee gegen Demonstranten unter allen Umständen zu verhindern.

In Leipzig zogen unterdessen 70.000 Demonstranten unbehindert durch die Stadt. Mitglieder der SED-Bezirksleitung unterzeichneten einen Aufruf des Dirigenten Kurt Masur, des Pfarrers Peter Zimmermann sowie des Kabarettisten Bernd Lutz Lange: "Wir brauchen den freien Meinungsaustausch über die Weiterentwicklung des Sozialismus in unserem Land."

Honecker gibt auf

Zehn Tage nach den Feiern zum 40-Jahr-Jubiläum der DDR, am 18. Oktober 1989, trat Erich Honecker auf der neunten Tagung des ZK der SED auf eigenen Wunsch zurück, mit ihm sein engster Mitarbeiterstab. In einer von den Medien übertragenen Rede erklärte der neue Generalsekretär der SED, Egon Krenz, dass die Partei in den letzten Monaten die reale Lage verkannt habe. Nun sei die Wende eingeleitet, doch der Sozialismus stünde nicht zur Disposition.

Berlin Alexanderplatz

Die Opposition konzentrierte sich auf drei zentrale Forderungen: Mitsprache bei allen Entscheidungen, kein Machtmonopol der SED, für Reisefreiheit. Am 4. November demonstrierten auf der größten Kundgebung in Ost-Berlin je nach Schätzungen zwischen 500.000 und einer Million Menschen auf dem Alexanderplatz. Das staatliche Fernsehen übertrug die Ereignisse direkt und unangekündigt.

"Reisen genehmigt"

Am 9. November las das SED-Politbüromitglied Günter Schabowski Journalisten aus einem Zettel vor, den ihm kurz vorher Egon Krenz zugesteckt hatte: "Privatreisen nach dem Ausland (...) können beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt." Die Berliner Mauer war gefallen.