Köche und Kellner verzweifelt gesucht

Von Andrea Möchel

Wirtschaft

Die Stimmung in Österreichs Tourismusbranche schwankt zwischen Hoffen und Bangen.


Wien/Innsbruck. "Die Betriebe erwarten viel von der jungen Saison. Fast 60 Prozent der Hotels rechnen mit Umsatzsteigerungen. Und wenn wir noch an ein paar Rädern drehen, können wir unsere Stärken voll ausspielen." Wenn Michaela Reitterer, Präsidentin der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV) über die Wintersaison 2017/18 spricht, dann mit viel Zuversicht. Eine Zuversicht, die sich auch im Tourismusbarometer 2017 niederschlägt.

"Österreichs Tourismusunternehmer blicken gefasst in die Zukunft", ist dort zu lesen. "Als anpassungsfähige Realisten sind sie sich ihrer eigenen Stärken bewusst und begegnen den täglichen Herausforderungen mit Besonnenheit und Optimismus." Das klingt dann doch eher nach Zweckoptimismus denn nach Euphorie. Welche Stimmung herrscht im heimischen Fremdenverkehr nun tatsächlich vor?

Mit dem Tourismusbarometer 2017 nimmt das Wirtschaftsprüfungsunternehmens Deloitte die Gemütslage österreichischer Touristiker bereits zum dritten Mal unter die Lupe. Anders als in den Vorjahren hat man heuer nicht nur den Westen der Alpenrepublik im Fokus. Um einen "noch umfassenderen Einblick in die Stimmung der Branche zu bieten", wurde die Befragung auf ganz Österreich ausgeweitet und die ÖHV zur Unterstützung an Bord geholt.

Drückende Steuer-und Abgabenlast

Befragt wurden 230 Unternehmer zu wirtschaftlicher Lage, regulatorischen Rahmenbedingungen, Mitarbeitersituation, Investitionsklima und vielem mehr. Als besonders große Hürde wird die drückende Steuer- und Abgabenlast wahrgenommen. "Es braucht daher dringend Entlastungen, um den Betrieben das Wirtschaften zu erleichtern", mahnt Andreas Kapferer, Partner bei Deloitte Tirol. Ähnlich kritisch wird die Mitarbeitersituation bewertet. War der Fachkräftemangel schon im Vorjahr eine große Herausforderung, hat sich die Situation heuer weiter zugespitzt. Den größten Bedarf gibt es im Servicebereich, dicht gefolgt von der Küche. "Dörfliche Kooperationen wie Personal-Sharing sind Möglichkeiten, den akuten Mitarbeitermangel zu umschiffen", rät Kapferer. "Die Lehrlingsknappheit wird aber österreichweit zu einer wachsenden Belastung. Das kann zu einer Zuspitzung der ohnehin schon prekären Lage führen." Die ÖHV versucht deshalb mit Initiativen wie "Mach Karriere im Hotel" dem drohenden Nachwuchsmangel entgegenzuwirken. Die ÖHV-Präsidentin wünscht sich von der neuen Regierung "Nägel mit Köpfen". Ihr Appell: "Ja zur Rot-Weiß-Rot-Karte für Industrie und Pflege, aber behindert mitarbeiterintensive Boom-Branchen nicht!"

Offene Stellen bleiben unbesetzt

Den "Exportturbo Tourismus" durch die Kürzung von Mitarbeiterkontingenten künstlich klein zu halten, sei der falsche Weg. "In ganz Österreich ist kein Fall bekannt, wo ausländische Mitarbeiter im Tourismus Einheimischen den Job wegnehmen. Doch es gibt hunderte Fälle, wo offene Stellen wegen gekürzter Kontingente nicht besetzt werden können", beklagt Reitterer. "Das vernichtet Arbeitsplätze, denn ohne Abwäscher kein Koch, ohne Koch kein Kellner, ohne Kellner kein Buchhalter."

Mehr als ein Drittel der befragten Touristiker beklagt auch, dass es immer schwieriger werde, Finanzierungszusagen zu erhalten. 30 Prozent mussten deshalb für heuer geplante Investitionen wieder abblasen. Lediglich die Investitionszuwachsprämie für die Tourismus- und Freizeitwirtschaft habe etwas zur Erleichterung beigetragen, räumt Kapferer ein. Aufgrund der starken Nachfrage - die verfügbaren Mittel in Höhe von 22 Millionen Euro waren innerhalb von drei Monaten ausgeschöpft - gibt es 2018 eine Neuauflage. Reitterer hofft zudem auf alternative Finanzierungsmöglichkeiten etwa durch die Crowdinvesting-Plattform www.we4tourism.at. "Es kann sich aber niemand zufriedengeben, solange mehr Betriebe Investitionen zurückfahren als steigern", stellt Reitterer klar. "Auch die Verlängerung der Abschreibungsdauer war ein Riesenfehler, für den Hotels bei jeder Investition draufzahlen. Das gehört rasch rückgängig gemacht."

Ein weiteres alarmierendes Ergebnis der Tourismus-Studie betrifft die Digitalisierung. Laut ÖHV nehmen 87 Prozent der österreichischen Qualitätshotels die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Tourismusbranche zwar stark wahr, aber nur 37 Prozent stufen den eigenen Betrieb als digital (sehr) fortgeschritten ein.