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"Kochen Sie etwas Exotisches"

Von Toumaj Khakpour

Politik
"Es geht nicht um Privilegien für Migranten, es geht um den Standort Österreich."
© © Stanislav Jenis

Diversität ist auch auf den hohen Führungsebenen notwendig.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 12 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Wien. Die Österreicherin mit kamerunischen Wurzeln setzt sich seit Jahren für Rechte schwarzer Frauen ein. Sie etablierte den "World Diversity Leadership Summit Europe" in Wien, der sich mit Diversität auf Führungsebene befasst. Weiters betreut sie schwarze Frauen, die neu in Österreich sind. Ihre Projekte wurden mehrfach ausgezeichnet. Am Montag stellte sie ihr Buch "Vielfalt statt Einfalt. Wo ich herkomme" vor.

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"Wiener Zeitung":In ihrem neuen Buch schreiben Sie, dass es einfach wäre über Vielfalt zu sprechen, aber sie zu leben sei die Kunst. Was meinen Sie damit?

Beatrice Achaleke: Viele Firmen schmücken sich oft mit einem Diversitätsbeauftragten oder einer Diversitätsstrategie. Für mich beginnt Vielfalt, wenn sich ein Unternehmen mit einem durchdachten Konzept positioniert. Dies bedeutet, dass die sechs Diversity-Aspekte - sexuelle Orientierung, Religion, Ethnie, Behinderung, Geschlecht und Alter - nicht nur am Putzpersonal erkennbar sind, sondern auch auf mittlerer und hoher Führungsebene. Das ist die Kunst.

Gibt es bei diesen Konzepten auch Gefahren?

Diversität kann auch zu Parallelgesellschaft führen. Nehmen wir zum Beispiel die Ethnomedien, die sich gut neben den Mainstream-Medien entwickelt haben. Beide sprechen über Vielfalt. Die Gefahr ist, dass Migrantenmedien und Massenmedien nur nebeneinander existieren. Diversität braucht Mut und Widerspruch. Deswegen sollten beide als unverzichtbare und gleichwertige Teile der Medienlandschaft verstanden werden.

Sie begleiten auch schwarze Frauen bei ihren ersten Schritten in Österreich. Was ist dabei wichtig?

Die unterschiedlichen Aspekte jeder Frau müssen berücksichtigen werden. Über den Spracherwerb hinaus muss man sich ansehen, welche Fertigkeiten, beruflichen Erfahrungen und Karrierevorstellungen sie mitbringen.

Wie sehen Sie die Debatte um "Gendermainstreaming"?

Seit Jahren wird über Gendermainstreaming und Gleichstellung gesprochen. Geändert hat sich wenig. Gender wird oft eindimensional - zum Beispiel weiße/r Frau/Mann - betrachtet, die multidimensionalen Aspekte der Genderidentitäten, etwa ethnische, sprachliche, kulturelle Aspekte, werden kaum berücksichtigt. Bevor Gendermainstreaming zum Thema gemacht wird, sollte die Chancengleichheit, etwa zwischen Hautfarben, hergestellt werden, weil sonst die Gruppe der Migrantinnen weiterhin ungleich behandelt werden würde.

Sie hatten mal erwähnt, dass Sie öfters nicht als "Österreicherin" wahrgenommen wurden.

Ja, ein Beispiel: Ich habe die österreichische Staatsbürgerschaft. Bei der Passkontrolle am Flughafen Schwechat sagte der Beamte zu mir: "Sie sehen aber nicht aus wie eine Österreicherin." Ich erwiderte: "Sie auch nicht". In Kamerun bin ich die Österreicherin, hier die Afrikanerin. Dabei hat sich die österreichische Gesellschaft verändert; heute gibt es andere Gesichter. Das muss verstanden werden. Es geht nicht um Privilegien, die Migranten erhalten sollen, es geht um den Standort Österreich, der sich durch solche abweisenden Umgangsformen unattraktiv macht. Ich kenne viele, die ausgewandert sind. Da muss sich seitens der Politik und Gesellschaft etwas ändern, sonst wird Österreich zu einem Museum. Man kommt her, sieht sich das Land an und geht wieder - das wäre schade für dieses schöne Land.

Wie geht es ihren Kindern damit?

Für einen normalen Österreicher gelten meine Kinder als Afrikaner. Die Kinder fühlen sich aber als Österreicher. Die Definitionen sind dabei das Problem. Wer definiert wen, mit welchen Absichten und Konsequenzen?

Manche Migranten arbeiten in Jobs, die ausdrücklich mit Integration zu tun haben.

Die Gesellschaft ist in Schubladen aufgeteilt, man versucht die Menschen in diese Schubladen hineinzuzwingen. Wer hinaus möchte, hat nicht unbedingt eine Chance. Wir brauchen neue Spielregeln, die Gesellschaft muss sich öffnen. Menschen sollten nicht von vornherein sagen: "Der gehört dorthin, weil er so aussieht."

Ist das der "Integrationsjoker", den Sie in Ihrem Buch beschreiben?

Als Metapher: Es gibt hier viele Afrikaner, die anfangen zu trommeln. Zu Hause haben sie nie getrommelt. Ich selbst habe zehn Jahre lang Kochkurse an der Volkshochschule angeboten, in Kamerun habe ich das nie gemacht. Die Mehrheit traut mir eher das Kochen zu, obwohl ich keine besondere Köchin bin. Nach dem Motto: "Kochen Sie etwas Exotisches." Am Beginn ist es gut, den Joker anzuerkennen. Gefährlich wird es, wenn die Gesellschaft erwartet, dass man in dieser Schublade stecken bleibt. Ich hatte lange Zeit gebraucht, um vom Kochjob wegzukommen.
Woran liegt das?

An den Denkmustern. Die Gesellschaft ist nicht neugierig genug, nicht mutig genug, anzuerkennen, dass es in ihrem Interesse ist, sich zu öffnen. Wenn wir von internationalem Wettbewerb für Österreich sprechen, dann muss sich mehr tun. Andererseits sollten die Migranten offensiver an die Sachen herangehen und sich attraktiv machen - es muss beidseitig funktionieren.

Gut ausgebildete Migranten beklagen, dass sie nicht auf Augenhöhe behandelt werden.

Ich bin ein Beispiel dafür. Ich habe in den letzten fünf Jahren acht Preise bekommen, aber - Sie werden lachen: Ich bin als arbeitslos gemeldet. Mein Verein Afra kriegt keine Förderungen mehr. Laut Unternehmen und Institutionen bin ich zu ideenreich. Ausreden sind schnell gefunden. Migranten müssen als Chance wahrgenommen werden, nicht als mögliches Problemfeld.