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Köder für Schulschwänzer

Von WZ-Korrespondentin Birgit Holzer

Politik

Viel Geld für gut besuchte Klassen. | Lehrer gehen in Problemvierteln auf Patrouille. | Projekte sind sehr umstritten. | Paris. Notorische Schulschwänzer könnten es sich in Frankreich künftig zweimal überlegen, ob sie nicht doch öfter ihre Kurse besuchen wollen. Denn dann steigen die Chancen auf eine staatlich gesponserte Klassenreise - als Belohnung für die gesamte Klasse. Wer unentschuldigt fehlt, entlarvt sich selbst als schlechter Kamerad.


Das ist die Idee hinter einem Pilotprojekt, das drei französische Berufsschulen im Pariser Vorort Créteil gestartet haben, um permanente Blaumacher für den Unterricht zu motivieren. Die Klassen können sich durch eine hohe Anwesenheitsquote zunächst 2000 Euro verdienen, die bei besonderem Fleiß auf bis zu 10.000 Euro ansteigen kann. Versprochen werden ein Klassenausflug oder eine Spritze für den Führerschein für alle am Schuljahresende. Auf ein ähnliches Projekt hat sich im Jahr 2008 Großbritannien eingelassen, das zwischen 11 und 33 Euro an 200.000 Schüler aus sozial schwachen Familien auszahlte, wenn sie regelmäßig den Unterricht besuchten.

Französische Eltern- und Lehrerverbände und die Opposition reagieren entsetzt. Katastrophal nennt Jean-Jacques Hazan, Präsident einer Elternvereinigung, diesen "Lösungsersatz, ein Erziehungsproblem durch Geld zu regeln". Er plädiert für eine inhaltliche Reform der Berufsschulen, die unter hohen Abwesenheitsquoten leiden: Oft fehlt rund ein Viertel der Schüler regelmäßig.

Auch für Elternvertreter Philippe Vrand kann der Bonus-Anreiz keine Antwort darauf sein: "Wie effizient ist das? Die Kinder kommen vielleicht in die Schule, aber werden sie auch arbeiten?"

Schuldirektor Jean-Michel Blanquer verteidigt sich, er wolle nicht die Anwesenheit der Schüler erkaufen, sondern sie zur Verantwortung erziehen: "Wir setzen gemeinsam einen moralischen Vertrag durch. Die Präsenz aller trägt zum Erfolg aller bei." Auch Frankreichs Jugend-Hochkommissar Martin Hirsch und Erziehungsminister Luc Chatel, loben die Idee als gemeinschaftsstiftend. Im Erfolgsfall solle sie im kommenden Schuljahr auf 70 Klassen ausgeweitet werden.

"Das Resultat zählt"

Die Erfahrungen, die eine Berufsschule in Marseille macht, scheinen ihnen Recht zu geben: Dort erhält die Klasse mit den höchsten Anwesenheitszahlen Gratis-Tickets für Fußballspiele des Erstliga-Clubs Olympique de Marseille. "Noch nie hatten wir einen solchen Fleiß. Das motiviert die Schüler, die zusammenarbeiten müssen", freut sich Direktor Pierre Glutron. Wenn er auch anmerkt: "Es ist schade, dass es so weit kommen musste. Aber das Resultat zählt."

Auch eine weitere Maßnahme in einigen Pariser Vorortschulen teilt die Geister: Die erste mobile Einsatztruppe, die für Sicherheit sorgen soll. Unbewaffnete Sicherheitskräfte und Pädagogen, die mindestens eine Verteidigungssportart beherrschen, sind in berüchtigten Problemvierteln unterwegs, um Drogenhandel und Gewalt einzudämmen. Bis zum Jahresende sollen so 500 Stellen geschaffen werden. Lehrer und Elternvereinigungen kritisieren jedoch die Hilfskräfte als "Flicken auf einen zerfetzten Reifen". Zudem sei sie ein Paradox in der Schulpolitik: "Man verringert das Lehrerpersonal, aber schafft diese Brigaden gegen die Gewalt."