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Koka, Mais und Tod

Von Edwin Baumgartner

Wissen

Die Inkas bereiteten Kinder ein Jahr lang auf ihre Opferung vor.


Heute ist Cuzco eine florierende Tourismus-Metropole. An allen Ecken und Enden der peruanischen 350.000-Einwohner-Metropole erinnern Abkömmlinge der Inka mit folkloristischen Liedern und Tänzen an ihre alte Kultur, jener Zivilisation, die in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts der spanischen Gier nach Gold weichen musste.

Für den Touristen beginnen sich bisweilen in der flirrenden Sonne die Räder der Zeitmaschine zu drehen, das führt ihn zurück in jene Zeit, ehe der Conquistador Francisco Pizarro plündernd und mordend eine Blutspur durch das Andenland legte. Der Tourist kommt an in einer fremden und bunten Gesellschaft - er hat Glück, da ist eben ein Fest im Gang. Eine Prozession mit einem Kind, einem Mädchen offenbar, etwa 13 Jahre alt. Es wirkt fröhlich - oder tänzelt es wie in Trance, wie im Rausch. Offenbar ist das Mädchen der Mittelpunkt der Prozession. Es wird zu einem Kultplatz geleitet. Dann spricht es die Worte: "Macht jetzt ein Ende mit mir, die Feierlichkeiten, die für mich in Cuzco gehalten wurden, waren genug." (So überliefert es der spanische Chronist Hernandez de Principe.) Das Kind wird zur Stadt hinausgeführt. Nach einem wochen- bis monatelangen rituellen Weg in die Anden wird es geopfert werden. Die Zeitmaschine bleibt stehen, der Tourist ist wieder in der Gegenwart und überlegt: Ist eine Kultur, die Kinderopfer darbringt, als Hochkultur zu bezeichnen?

Die Inkas haben das Kinderopfer geradezu verfeinert, wie Forscher der britischen Universität Bradford in den "Proceedings" der US-amerikanischen Akademie der Wissenschaften (PNAS) ausführen. Studien an drei Kindermumien aus den argentinischen Anden ergaben, dass die Kinder mit Alkohol und Koka auf ihren Tod vorbereitet wurden.

Die Opfer werden gesellschaftlich erhöht

Für ihre Erkenntnisse untersuchten die Wissenschafter um den Archäologen Andrew Wilson unter anderem die Haare der drei Kinderleichen, die 1999 nahe dem Gipfel des Vulkans Llullaillaco an der Grenze von Argentinien und Chile entdeckt worden waren. Sie waren so gut erhalten, weil sie in der großen Höhe einfroren. Die Rückstände in den Haaren lassen nun genauere Rückschlüsse darauf zu, wie diese Rituale vorbereitet wurden.

Da als Opfer nur Kinder höheren Standes für die Götter annehmbar waren, die Familien höheren Standes ihre Kinder aber nicht opfern wollten, mussten Kinder aus niedrigeren Ständen erhöht werden. Das erfolgte nicht zuletzt durch die Ernährung.

Rund ein Jahr dauert die Vorbereitung auf das Opfer. Das belegen die Wissenschafter durch ihre Untersuchungen an einem 13-jährigen Mädchen. Im Zuge der "Capacocha"-Rituale bekommt das erwählte Kind Fleisch und Mais zu essen, der Speise der hochgestellten Familien, und es werden ihm die Haare geschnitten - auch das ein Privileg der Gutsituierten.

In den Kindermumien wurden ferner Rückstände von Alkohol und Koka gefunden. Beim Alkohol handelt es sich um das Maisbier Chicha. Die Koka-Blätter, der Rohstoff für das Rauschgift Kokain, wurden zusammen mit Asche gekaut und entfalteten dadurch ihre berauschende Wirkung.

Dieser Rauschzustand hatte zwei Funktionen: Einerseits betrachteten ihn die Inkas als Tor zur Welt der Geister, andererseits nahm er dem erwählten Kind auch die Angst vor dem Kommenden. Das war unbedingt wichtig. Die Kinder nämlich, und auch die Erwachsenen, die geopfert wurden, sollten ihr Leben fröhlich und glücklich geben.

Menschenopfer brachten die Inkas während Perioden großer Drangsal wie Dürreperioden und Epidemien, oder wenn der Herrscher erkrankt war, außerdem zur Wintersonnenwende am 23. Juni - sie ertrank überhaupt in Blut: 10.000 Lamas wurden gleichsam als Voropfer dargebracht, ehe als Hauptopfer Kinder erschlagen oder erwürgt wurden. Nach der Vorstellung der Inkas wurden die Geopferten im Moment des Todes zu Göttern.

Als Zugehöriger zur europäischen Gegenwart wendet man sich nun vielleicht angeekelt ab. Für ein besseres Verständnis müssen wir jedoch akzeptieren, dass es in unterschiedlichen Kulturen unterschiedliche Vorstellungen vom Stellenwert des Todes gibt. In einer weitestgehend säkularisierten Gesellschaft, in der Glaube, wenn überhaupt etwas, so vor allem Zweifel bedeutet, hat der Tod durch die mit ihm verbundene Unsicherheit und Angst einen extrem hohen Stellenwert. Die unbeantwortbare Frage, was sein wird, wenn nichts mehr ist, wird bei diesen Überlegungen beherrschend, da sich der Mensch nicht vorstellen kann, nicht mehr zu existieren, und schürt die Angst vor dem Tod.

Die Jenseitsvorstellunglöst das Problem Tod

Bei einer entsprechend starken Hoffnung auf eine freudvolle Existenz im Jenseits schwindet jedoch auch die Angst vor dem Tod: So konnten die frühen Christen furchtlos in den Märtyrertod gehen.

Während im Christentum das Menschenopfer durch das Gebot nicht zu töten ausgeschlossen ist, hatten heidnische Kulturen (darunter auch mitteleuropäische wie Kelten und verschiedene Stämme des germanischen Raums) keine moralischen Probleme, Menschen zu opfern: In ihren Vorstellungen würde der Geopferte in ein besseres Leben eingehen, vielfach erhöht, mitunter sogar vergöttlicht.

Wenn nun die Inkas Kinder opfern, mag das nach den christlich geprägten Moralvorstellungen ein Gräuel sein; auch darf bezweifelt werden, dass die ausgewählten Kinder selbst - und wenn, in
einem klaren, nicht von Alko-
hol und Koka benebelten und obendrein durch endlose Rituale gehirngewaschenen geistigen Zustand - ihrer Opferung zugestimmt haben.

Doch führt ein solches Denken nicht letzten Endes dorthin, wo auch die Spanier im 16. Jahrhundert standen, als ihre Priester die blutige Zerstörung der Indiokulturen mit der Tilgung der als satanisch empfundenen Menschenopfer rechtfertigten? Denn auch wenn es den weltlichen Machthabern vordringlich um Gold ging: Man stelle sich einen fest im christlichen Glauben verwurzelten Europäer vor - was mag er gedacht haben, wenn er sieht, wie Ströme von Menschen- und Tierblut für einen Vielgötterkult vergossen werden?

Gerade das Aufeinandertreffen von Hochkultur und Menschenopfer bei den Hochkulturen Südamerikas kann uns lehren, Kulturen wertfrei beschreibend zu betrachten statt moralisch wertend. Denn die moralische Wertung ist der eigenen Gegenwart und der eigenen Kultur unterworfen. Deren Perfektion übrigens angezweifelt werden darf.