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Kommentar: Im Krieg gefangen

Von Rainer Mayerhofer

Politik

Die Bilder, die das irakische Fernsehen am Sonntag Nachmittag von den ersten amerikanischen Kriegsgefangenen ausstrahlte, erschüttern Amerika, obwohl die meisten Amerikaner sie gar nicht sehen können. Die großen TV-Stationen in den USA zeigen sie nicht. Nur über Internet sind sie in den USA zu empfangen. Mehr noch als Tote auf dem Kampffeld erschüttern solche Bilder die Menschen überall auf der Welt, macht die ungeheure Angst in den Augen der einen Frau und ihrer vier männlichen Leidensgenossen betroffen und zornig. Betroffen, weil einem die armen Teufel leid tun, zornig, weil sie von einer Seite in einen weltweit umstrittenen Krieg geschickt worden sind, fern von ihrer Heimat. Und zornig auch, weil sie von der andereren Seite, deren Heimat überfallen worden ist, für Propaganda missbraucht werden.

Allerdings sind auch die Bilder der irakischen Kriegsgefangenen, die seit dem ersten Tag des Krieges weltweit verbreitet werden, Propaganda, wenn auch der etwas subtileren Art. Ein Kind, das Irakis hinter dem Stacheldraht Zigaretten zuwirft, wie wir es heute auf dieser Seite bringen, soll offensichtlich sagen: "Schaut her, wir behandeln unsere Kriegsgefangenen anständig". Aber wie werden die behandelt, wo keine Kamera dabei ist?

Die Welt war vor einem Jahr erschüttert, als sie Bilder aus dem US-Lager in Guantanamo sah, wo die Amerikaner ihren Gefangenen sogar den Status des Kriegsgefangenen verweigern, um sich nicht an Konventionen halten zu müssen. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Präsident George W. Bush, die sich zu Recht für ihre Soldaten einsetzen - schließlich tragen sie ja auch die Verantwortung dafür, dass amerikanische Soldaten überhaupt in diese Lage gekommen sind -, müssen schon den Vorwurf über sich ergehen lassen, dass sie zweierlei Maß anlegen.

Der Irak könnte einen noch viel besseren Propagandacoup landen, wenn er die Gefangenen sofort dem Internationalen Roten Kreuz übergibt. Aber wahrscheinlich fehlt es in Bagdad an dieser Weitsicht. Wir alle können nur hoffenund beten, dass dieser Krieg bald zu Ende geht und die Gefangenen ohne weiteren Schaden heimkehren können.