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Kommt nach dem "Schwarzen Dienstag" jetzt der große Crash?

Von Helmut Dité

Wirtschaft

Als am "Schwarzen Dienstag" die beiden Türme des New Yorker World Trade Center in einer Staub- und Rauchwolke von nahezu apokalyptischer Dimension in sich zusammenstürzten, hat das Herz der internationalen Finanzwelt zu schlagen aufgehört - wird die Bypass-Operation Erfolg haben oder droht eine große Weltwirtschaftskrise à la 30er-Jahre mit Börsenkrach und tiefer Rezession? Noch ist es zu früh, um die wirtschaftlichen Auswirkungen des Terrors in den USA zu bewerten, sagte der Ecofin-Ratsvorsitzende und belgische Finanzminister Didier Reynders als Sprecher der Europäer am Mittwoch, aber eines sei klar: "Alles, was bis vorgestern über das Wachstum gesagt wurde, gilt nicht mehr". Nichts ist mehr so, wie es vor dem 11. September 2001 war.


Die Schockwellen der verheerenden Terroranschläge in New York und Washington werden die Weltwirtschaft zweifellos erschüttern. Die Ohnmacht der größten Volkswirtschaft der Welt im Angesicht des Terrors könnte die seit Monaten siechenden US-Konjunktur - zuletzt wuchs das US-BIP nur um 0,2% - endgültig in die Rezession stürzen, warnen Experten. Angesichts der ebenfalls Besorgnis erregenden Wachstumsraten in Europa und der bereits manifesten Rezession in Japan wären die weltweiten Konsequenzen fatal. Die Hoffnung, gerade aus den USA kämen die ersten Anzeichen einer Erholung, die "Lokomotive" der Weltwirtschaft würde wieder anziehen, ist großer Nervosität gewichen.

"Das ist ein riesigen Kriegsangriff, der weit reichende wirtschaftliche Konsequenzen haben wird", formulierte der Finanzprofessor der Wharton School of Business, in einem Interview. "Dies ist das, was uns vielleicht in die Rezession stürzen wird", sagte die Chefökonomin einer US-Investmentbank, einer ihrer Kollegen sieht eine "echte weltweite Rezession" als "sehr wahrscheinlich" an: Zuletzt habe sich die Wirtschaft auf einem Drahtseil-Akt zwischen Rezession und schwachen Wachstum befunden. "Dieser Anschlag auf das Vertrauen wird uns in eine Rezession schleudern." Er rechne mit panischen Massenverkäufen, sobald die US-Börsen wieder geöffnet seien.

US-Finanzminister Paul O´Neill hielt dagegen: Die Finanzmärkte seien stark und widerstandsfähig, hätten angesichts der Tragödie "außerordentlich gut" funktioniert, daran werde sich nichts ändern.

Alan Greenspan und die amerikanische Notenbank haben wenige Stunden nach den Anschlägen mit der Schadensbegrenzung begonnen: Die Bank werde den Markt mit aller nötigen Liquidität versorgen, teilte die Fed noch am Dienstag mit - ein Statement, wie es nach dem Börsencrash 1987 veröffentlicht worden war.

Sein europäischer Kollege Wim Duisenberg stellte sich ihm noch in derselben Stunde zur Seite: Auch die EZB werde alles tun, um den Geldmarkt flüssig zu halten. In Spekulationen über Interventionen zur Stützung des Dollars wollte er sich nicht ergehen, aber: "Die USA können von der EZB jede Art von Hilfe erwarten" - der Dollar erholte sich am Mittwoch prompt wieder. Entscheidend sei nun, dass das Vertrauen der Verbraucher und der Wirtschaft stabil bleibt.

Die Fed, die den stotternden US-Konjunkturmotor seit Anfang des Jahres mit bereits sieben Zinssenkungen zu zünden versuchte, werde die Zinszügel jetzt mit Sicherheit weiter lockern, erwarten Experten, vermutlich noch vor der nächsten Sitzung im Oktober. Ökonomen forderten die US-Regierung auf, die Staatskassen zu öffnen. Bei den anstehenden Haushaltsberatungen sollten die selbst auferlegten Ausgabenbegrenzungen unbedingt gesprengt werden.

Mit dem World Trade Center sind am Dienstag auch die Schaltzentralen zahlreicher Finanzinstitute zerstört worden, die in den riesigen Gebäude ihren Sitz hatten. Allein die Investmentbank Morgan Dean Stanley Witter hatte dort 50 Stockwerke gemietet. Auch Commerzbank, Deutsche Bank und die Schweizer Credit Suisse Group hatten dort Büros.

Mit der Schließung sämtlicher amerikanischer Flughäfen kam der Personen- und Güterverkehr am Dienstag praktisch zum Erliegen. Die Kosten für die Luftfahrtindustrie, aber auch für die Unternehmen dürften in die Milliarden gehen: Mitarbeiter strandeten in fernen Städten, Geschäftstreffen wurden abgesagt, hunderttausende Tonnen von Gütern steckten fest. Airline- und Flughafenaktien gehörten neben den Versicherungen - auf die der größte Schadensfall der Geschichte zukommt - zu den größten Verlierern an den Börsen.

In Krisenzeiten suchen Anleger immer sichere Häfen für ihre Gelder. Der Goldpreis schoss folgerichtig auf ein Jahreshoch - bis die Bank von England am Mittwoch einen größeren Posten auf den Markt warf.

Aktien gehören nicht zu den als sicher geltenden Anlagen: Die Börsen in Europa und Asien gerieten am Dienstag in freien Fall, der Absturz in Fernen Osten ging am Mittwoch dramatisch weiter. Amerikanische Aktien waren überall vom Handel ausgesetzt. Wie die Wall Street, die frühestens heute, Donnerstag, wieder öffnet, reagiert, wagten Analysten sich zunächst gar nicht auszumalen - zwischen "mit verbissenem Trotz behauptet" bis zu einem Absturz um 2.000 bis 3.000 Punkte reichten die Einschätzungen. Es ist das erste Mal seit dem ersten Weltkrieg, dass die US-Börse nach einer Katastrophe so lange geschlossen wurde.

Vor allem fürchten Beobachter den psychologischen Effekt der Terrorattacken. Die Entwicklung der US-Konjunktur steht und fällt mit den Verbrauchern. Sie tragen mit ihren Ausgaben zwei Drittel der amerikanischen Wirtschaft. Schon der unerwartete Sprung bei der amerikanischen Arbeitslosenquote von 4,5 auf 4,9% hatte Ökonomen vergangene Woche alarmiert. Die unablässigen Massenentlassungen großer US-Unternehmen schlugen nicht nur auf die Quote durch, sondern auch auf das Gemüt der Verbraucher.

Mit großer Sorge beobachten Banker und Wirtschaftslenker auch den Ölpreis, der schon am Dienstag kräftig in die Höhe ging. Mögliche Vergeltungsattacken der USA im Nahen Osten könnten die Ölquellen versiegen lassen, ist die Befürchtung. Auch vor elf Jahren stürzten der zweite Golfkrieg und die hohen Ölpreise die US-Wirtschaft in die Rezession. Positiv gewertet wurde daher allseits die prompte Ankündigung der OPEC, Preiserhöhungen durch entsprechende Kapazitätsnutzungen kompensieren zu wollen: "Es gibt keine Knappheit, und es wird auch keine Knappheit geben", versicherte Abu Dhabis Ölminister. Der zunächst nach oben geschnellte Ölpreis hat sich daraufhin am Mittwoch wieder deutlich unter 30 Dollar eingependelt, Brent wurde wieder mit 28 Dollar gehandelt.

Die deutsche Regierung ist am Mittwoch Befürchtungen über eine weltweite Wirtschaftskrise entgegengetreten. Finanzminister Hans Eichel formulierte ungewöhnlich drastisch: Entsprechenden Warnungen von Analysten seien "Quatsch". Die größte Gefahr seien nun die "selbst ernannten Katastrophenpropheten" und: "Durch Taten von Verrückten kann die Weltwirtschaft nicht beeinflusst werden".

Noch heftiger in dieselbe Kerbe schlägt der deutsche Börsenexperte Gottfried Heller - langjähriger Weggefährte von "Altmeister" André Kostolany: Er rechnet nicht mit einer Weltwirtschaftskrise. Die Notenbanken in den USA, Europa und Japan würden die Märkte "mit Liquidität fluten", dies werde zunächst die Börsen und später auch die Wirtschaft beflügeln. "Wir werden auf Grund dieser Katastrophe eher ein höheres Weltwirtschaftswachstum haben als ein niedrigeres." Flucht in Gold und Anleihen, das sei alles "von der Angst gesteuert" und nur kurzfristig. Mittelfristig werde die Aktie wieder an Attraktivität gewinnen.

Auch 1963 nach der Ermordung von US-Präsident John F. Kennedy seien die Aktienmärkte zunächst eingebrochen, sagte Heller. Schon am nächsten Tag seien die Verluste aber wieder wettgemacht worden. Auch damals habe sich gezeigt, dass die USA durch Attentate nicht in ihren Grundfesten zu erschüttern seien. Wie damals rückten auch jetzt die Menschen im Westen enger zusammen: "Ein Ruck der Solidarität wird die USA und die Welt erfassen".