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Kommt Rating von raten?

Von Barbara Ottawa

Wirtschaft
Barbara Ottawa ist freie Journalistin und berichtet vorwiegend über Investitionen und Pensionskassen.

Gutachten von Ratingagenturen sind eines jener Finanz-Kartenhäuser, die in der letzten Krise zusammengestürzt sind - aber ganz ohne Fehler war das System nie.


Derzeit sind es nicht nur Anleihe-Emittenten und Investmentfonds, die in ihrer Kredit- oder Glaubwürdigkeit "downgegraded", also herabgestuft, werden, sondern vor allem jene, die bisher solche Einstufungen vorgenommen haben: die Ratingagenturen. Bereits während der Finanzkrise waren die drei größten der Branche (Standard & Poors, Moodys, Fitch), die praktisch ein Monopol auf solche Kreditbewertungen halten, ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, denn es waren ihre Einstufungen von komplexen Anleiheprodukten, die viele Anleger in diesen Bereich investieren ließen.

Es handelte sich dabei vor allem um sogenannte Collateralized Debt Obligations (CDOs), das sind festverzinsliche Wertpapiere, in denen Forderungen an Emittenten verschiedener Bonität, also Zahlungsfähigkeit, jeweils mit anderen Produkten hinterlegt werden. Vielfach wurden auch US-Hypotheken in solche Produkte gepackt, die sich am Ende als viel weniger sicher erwiesen, als es die Ratings vermuten ließen.

Die Ratingagenturen konterten, ihre Methoden und Kriterien seien einsichtig, jeder Anbieter gab an, dass seine Einschätzung ja nicht die einzige am Markt sei und sie niemand zum Investieren gezwungen hätte. Das ist aber nur insoweit richtig, als viele große institutionelle Anleger, inklusive internationaler Pensionsfonds, oft nur in sehr sicher eingestufte Anleiheprodukte investieren dürfen, was damals den bis zum Platzen der Blase sehr lukrativen CDO-Markt für sie öffnete, ihnen aber jetzt die Möglichkeit verwehrt, hoch verzinste griechische Staatsanleihen zu kaufen, weil diese schlechter geratet sind.

Außerdem ließen die Ratingagenturen unerwähnt, dass ihre Bewertungen seit Jahrzehnten von der Industrie als fixer Bestandteil des Investitionsprozesses angenommen und nur selten hinterfragt wurden - was man an sich auch kritisieren muss. Moodys wurde 1909 gegründet und hat heute mehrere Aktionäre, darunter eine Firma, die dem US-Milliardär Warren Buffett gehört. Standard & Poors wurde 1949 gegründet, die Aktien befinden sich im Streubesitz. Fitch-Ratings wurde 1913 eröffnet und ist im Besitz einer französischen Firma.

60 Prozent exzellent

Heutigen Berechnungen zufolge wurden am Höhepunkt des CDO-Hypes 60 Prozent dieser emittierten Wertpapiere mit einem AAA-Rating, also der höchsten Bewertung, ausgezeichnet. Das Verfahren, mit dem die Ratingagenturen zu Einstufungen von CDOs gelangen, wurde bereits 2003 von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die Teile der globalen Währungsreserven verwaltet, als oberflächlich bezeichnet. All das hätte Anleger stutzig machen können, noch dazu, wo den Agenturen schon lange mangelnde Objektivität vorgeworfen wird, weil sie in den meisten Fällen von jenen Emittenten bezahlt werden, die sie einstufen sollen.

Ein Leben ohne "Ratings" kann sich in der Finanzwelt niemand vorstellen. Für viele Fondsmanager sind diese Bewertungen das erste Ein- oder Ausschlusskriterium, um aus Millionen von internationalen Aktien oder Anleihen auszuwählen.

So wurden Abhängigkeiten geschaffen, die viel zu wenig in Frage gestellt wurden, die aber im Frühjahr 2009 noch einmal deutlich wurden, als osteuropäische Unternehmen und mit ihnen österreichische Banken mit Ostbeteiligungen herabgestuft wurden. Die Ratingagenturen beriefen sich damals auf Berechnungen des IWF, die sich im Nachhinein als nicht ganz korrekt herausstellten. Aber viele Anleger ließen sich dadurch beeinflussen und verkauften alles in der Region.

Barbara Ottawa ist freie Journalistin und berichtet vorwiegend über Investitionen und Pensionskassen.Siehe auch:Kritik an Ratingagenturen in Brüssel wächst