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Kommunalkredit - Verstaatlichen "war die einzige mögliche Lösung"

Von Stefan Janny

Reflexionen
Banken-Urgestein Alois Steinbichler: "Es ist richtig, dass Risiken schlagend wurden, die man in dieser Form offensichtlich nicht erwartet hat." Foto: Robert Newald

Bank kann auch als selbständiges Institut bestehen. | Verstaatlichung soll kein Dauer zustand bleiben. | "Wiener Zeitung": Sie waren zuletzt im Vorstand der Bawag, einer Bank, die mit staatlicher Hilfe gerettet werden musste. Jetzt sind Sie Chef der Kommunalkredit, einer Bank, die de facto pleite war. Spezialisieren Sie sich auf derartige Institute? | Alois Steinbichler: De facto pleite, na ja. Beide Institute haben staatliche Hilfe gebraucht. Ob ich mich darauf spezialisiere? Nein, das ergibt sich. Aber es lassen sich bestimmte Erfahrungen, die man bereits gemacht hat, natürlich transferieren.


Welche Erfahrungen aus der Sanierung der Bawag, die ja eine völlig andere Geschäftsstruktur als die Kommunalkredit hat, lassen sich nun bei der Kommunalkredit anwenden?

Die Geschäftstätigkeit ist unterschiedlich, das ist richtig. Umlegen kann man aber unter anderem Grundsätze im Liquiditätsmanagement, in der Bilanzierung und bei der Kapitalausstattung. Diese Themen haben ja dazu beigetragen, die jeweiligen Krisen bei den beiden Banken auszulösen.

Die Krise der Kommunalkredit wurde allerdings ausgelöst, weil die Bank in ihrem eigentlichen Geschäft, der Finanzierung von Gemeinden, nichts verdient und nach einem anderen Einkommensquelle gesucht hat. Diese meinte man in der Veranlagung in strukturierte Finanzprodukte gefunden zu haben.

Das ist zu vereinfacht. Man kann nicht sagen, dass die Bank in ihrem Kerngeschäft, der Kommunalfinanzierung, nichts verdient hat. Aber manche Geschäftsfelder, die man darüber hinaus betrieben hat, waren vor allem durch die Verfügbarkeit von Liquidität und die Refinanzierungsmöglichkeit dank einer guten Bonitätseinstufung getrieben.

Das Haus hat ein ziemlich großes Wertpapierportfolio aufgebaut, das vor allem über die Begebung besicherter Anleihen, sogenannter Covered Bonds, refinanziert wurde. Die Marge war zwar nicht sehr hoch, aber das Eigenkapitalerfordernis war gering, da die erworbenen Papiere hohe Bonität aufwiesen.

Auf der Basis hat das funktioniert. Als dann aber weltweit die Liquiditätsströme zum Erliegen kamen, hat das zu Problemen bei der Refinanzierung geführt und dazu beigetragen, dass die Bank relativ rasch in eine Krisensituation geriet.

Und zudem sind die Wertpapierportfolios, die man eingekauft hat, stark im Wert gefallen.

Das ist richtig. Wobei man aber darauf hinweisen muss, dass der Anteil jener strukturierten Papiere, die nun überall diskutiert und kritisiert werden, in der Kommunalkredit nicht so übermäßig groß ist. Es war mehr ein Problem der Liquidität als ein Problem komplex strukturierter Papiere. Das Bewertungsthema gibt es natürlich.

Was aber nichts anderes heißt, als dass Ihre Vorgänger eine der Grundregeln des Bankgeschäfts außer Acht gelassen haben; nämlich, dass die Refinanzierung annähernd fristenkonform erfolgen muss.

Ich möchte kein Urteil über meine Vorgänger abgeben. Die Frage ist immer, was situativ die richtige Vorgangsweise ist. Fristentransformation gehört zum Wesen des Bankgeschäfts und Geschäftsmodelle der Art, wie wir sie hier diskutieren, basieren stark auf Fristentransformation.

Man kann das mit einer Fahrt auf der Autobahn vergleichen, wo sie wissen, alle 50 oder 60 Kilometer ist eine Tankstelle. Wenn dann aber zwei von drei Tankstellen wegen eines Streiks geschlossen sind, dann kann es sein, dass ihnen das Benzin ausgeht.

Faktum ist aber, dass Risiken eingegangen wurden, indem langfristige Verpflichtungen kurzfristig refinanziert wurden. Und dieses Refinanzierungsrisiko wurde anscheinend deutlich unterschätzt?

Es ist richtig, dass Risiken schlagend wurden, die man in dieser Form offensichtlich nicht erwartet hat. Das hat viele andere Banken in ähnlicher Form auch betroffen. Am Ende war die Verstaatlichung die einzige mögliche Lösung in dieser Situation.

Viele Banken hatten und haben hohe Abschreibungen und Probleme bei der Refinanzierung. In die Verstaatlichung mussten sich aber nur wenige flüchten.

Das stimmt. Allerdings sind Spezialinstitute wie die Kommunalkredit, die nicht über Spareinlagen verfügen, besonders stark vom Geld- und Kapitalmarkt als Liquiditätsquellen abhängig. Wenn diese Quellen zum Erliegen kommen, wird es naturgemäß schwierig.

Haben solche Spezialinstitute, die über keine eigene Refinanzierungsbasis verfügen, damit eigentlich noch eine Existenzberechtigung?

Ich bin überzeugt, dass sie das haben, wenn sie ihr Geschäft primär aus ihren Kundenkontakten und ihrer Expertise für die Kunden ableiten.

Die Kommunalkredit besorgt sich über Anleihen und andere Emissionen Geld und verleiht dieses an Gemeinden. Ist das ein Geschäftsmodell, das Zukunft hat?

Es gibt ein Geschäftsmodell, das Zukunft hat. Die Städte und Gemeinden haben großen Finanzierungsbedarf. Wir sind das Kompetenzzentrum für kommunale Finanzierungsthemen mit starker Betonung auf Infrastruktur und kommunalnahes Projektgeschäft.

Wird die Verstaatlichung der Kommunalkredit ein Dauerzustand bleiben?

Nein, aber der Zeithorizont ist vorerst nicht definiert. Über das Finanzministerium müssen wir der EU-Kommission auf Basis der Verstaatlichung einen Restrukturierungsplan vorlegen. Diese Übung läuft jetzt an und soll etwa bis Jahresmitte beendet sein. Dann wird man genau sagen können, wie der Zeithorizont aussieht.

Die Kommunalkredit war zuerst eine Investkredit-Tochter und gehörte dann zur Volksbank AG. Kann sie - nach Ende der Verstaatlichung - als eigenständiges Institut bestehen oder wird irgendeine andere Bankengruppe die Mehrheit übernehmen?

Wir sind zuversichtlich, dass es auf Basis einer redefinierten Geschäftsbasis und mit starkem Fokus auf das Kerngeschäft möglich sein wird, auch als selbständiges Institut zu bestehen.

Heißt das, die Entstaatlichung soll über einen Börsegang erfolgen?

Da gibt es mehrere Möglichkeiten, die auch von den Bedingungen an den Kapitalmärkten abhängen.

Aber es gibt ja nicht viele Möglichkeiten: Entweder das Institut gehört dann einer oder mehreren Banken oder die Aktien notieren an der Börse.

Eine Aktionärsstruktur muss es immer geben. Das kann entweder der Staat sein oder es sind strategische Aktionäre oder es ist börsenotierter Streubesitz - oder eine Kombination aus diesen Möglichkeiten.

Wie hoch war der Verlust der Kommunalkredit 2008?

Das wissen wir bereits ziemlich genau. Ich kann die Zahlen aber vor der Beschlussfassung über die Bilanz noch nicht nennen.

Was wird die Kommunalkredit-Rettung die Steuerzahler voraussichtlich kosten?

Vorläufig kostet es gar nichts, weil wir auf Basis einer Garantie der Republik bilanzieren und es daher keines Bareinschusses bedarf.

Die Republik garantiert also den Wert bestimmter Aktiva, die derzeit wesentlich weniger wert sind.

Die man sonst abwerten müsste. Mittelfristig erwarten wir, dass unsere Anstrengungen dazu führen, dass die Steuerzahler an der Sache etwas verdienen. Diese Chance besteht auch deshalb, weil wir ja schon jetzt laufend Gebühren für die Leistungen der Republik bezahlen.

Wir haben beispielsweise zwei bundesgarantierte Emissionen über insgesamt 2,5 Milliarden Euro begeben, um unseren Liquiditätsbedarf zu decken, und zahlen dafür eine Garantiegebühr von knapp einem Prozent.

Das bedeutet, dass Sie in Ihrer bankwirtschaftlichen Kalkulation jetzt zusätzlich auch noch die Garantie an die Republik unterbringen und verdienen müssen. Wie soll das funktionieren, wenn die Kommunalkredit schon vorher nicht so toll verdient hat?

Es gibt einen Refinanzierungsmix, und die Frage ist: Wie viele neue, teure Refinanzierungen muss ich aufnehmen? Mittelfristig muss man diese Kosten natürlich in der Produktstruktur weitergeben können, sonst gibt es ein negatives Ergebnis. Es gibt aber Anzeichen dafür, dass die Kreditmargen insgesamt besser werden.

Von Bankern ist das seit mehr als 20 Jahren zu hören. Warum sollte das ausgerechnet jetzt sein?

Klar, das Thema existiert schon lange. Die Märkte waren da nicht sehr diszipliniert, auch weil immer ein Überangebot an Liquidität existiert hat. Jetzt hat sich aber die Situation geändert, Liquidität ist knapp. Und das treibt die Preise.

Zur PersonAlois Steinbichler wurde am 28. Februar 1953 geboren, studierte an der Wirtschaftsuniversität und danach an der Purdue University im US-Bundesstaat Indiana. Seine berufliche Karriere begann er bei der Continental Illinois Bank in Wien, Chicago, London sowie Zürich und war dann für die State Street Bank in Zürich tätig. 1987 wechselte Steinbichler als Abteilungsdirektor für Kreditrisikokontrolle zur Creditanstalt (CA) und übernahm später die Leitung der Filiale London. 1995 wurde er zum Bereichsleiter für das Internationale Geschäft der Bank bestellt und 1998 - nach der Übernahme der CA durch die Bank Austria (BA) - zum Vorstand der BA-CA International sowie zum Mitglied des BA-Konzernvorstands berufen. 2001 wechselte Steinbichler zur italienischen Großbank UniCredit, wo er unter anderem mit dem Aufbau der Osteuropa-Aktivitäten des Instituts befasst war. 2003 wurde er stellvertretender Vorstandschef der UniCredit-Tochter Zagrebacka Banca in Kroatien.

Ab 2006 gehörte er als Mitglied des Sanierungsteams dem Vorstand der angeschlagenen Bawag PSK an, wo er für das Treasury und Auslandsgeschäft der Bank verantwortlich war. Im November 2008 wurde er zum Vorstandsvorsitzenden der Kommunalkredit bestellt, nachdem diese in Liquiditätsschwierigkeiten geraten und von der Republik Österreich übernommen worden war.