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Kommune in Tarnkleidung

Von Jürgen Hatzenbichler aus Erbil

Politik
"We the People" , den ersten Satz der US-Verfassung, trägt ein Kämpfer als Aufnäher - samt Beil und Muskete (l.). Ihre Munition bringen die ausländischen Kämpfer selbst mit.
© jh

Männer aus westlichen Staaten kämpfen an der Seite der Peschmerga gegen den IS.


Erbil. Südlich von Erbil, wo die Gebirge auslaufen und das Land flacher wird, weicht der Friede dem Krieg. Die Auto-Distanzen von der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan im Irak sind kürzer, als sie auf den Landkarten scheinen. 45 Minuten bis Mosul im Islamischen Staat (IS), die Front wäre bei Minute 30. Und 45 Minuten bis Kirkuk. Dahinter reicht der IS bereits an die Autostraße heran. "Der Rauch hinten", meint der Fahrer, "da sitzt IS."

General Aras und seine Peschmerga, die kurdische Armee, verteidigen diesen Abschnitt. Er sitzt in einem holzgetäfelten Büro, kurdische Würdenträger sind zu Besuch. "Wir müssen hier gemeinsam die Verteidigung organisieren, jeder hilft mit", betont der General, der in Schweden studiert hat und dessen Frau Genetikerin ist. Die Tür geht auf, ein Untergebener bringt eine Meldung: Autobombe, Explosion, Tote, Verletzte. IS hat wieder zugeschlagen - trotz aller Sicherheitsmaßnahmen. "Es ist nicht leicht hier", meint er, als müsse er eine Entschuldigung vorbringen.

Trotzdem sei die Front stabil, sagt der General, auch wenn man mit dem Nachschub und der Versorgung der Truppe Schwierigkeiten habe. Kurdistan erlebt die erste tiefe Rezession in der Geschichte dieser autonomen irakischen Provinz. Die größere Sorge aber: Seine Soldaten haben seit März keinen Sold erhalten. Dass gleichzeitig alle "Staatsangestellten" im vom IS besetzten Mosul ihr Geld erhalten haben, stößt auf schwerstes Unverständnis. Geld, das der irakische Staat direkt an den Islamischen Staat bezahlt hat. Auch die vermeintlichen Verstärkungen mit schiitischen Milizen sieht man im Hauptquartier nicht gern: Es sei schon zu Zusammenstößen gekommen, ein Kurde getötet worden. Überhaupt besteht die Befürchtung, dass die vom Iran unterstützen Shia-Milizen jenes Territorium, das sie im Moment gegen die IS-Milizen verteidigen, auf Dauer besetzt halten werden. Die Schiiten patrouillieren auch durch Kirkuk, eine wegen der reichen Ölvorkommen wirtschaftlich bedeutende Region.

"Mein Krieg ist nicht vorbei"

Dort sind auch die Amerikaner unterwegs. Keine offiziellen US-Streitkräfte. "No boots on the ground", keine Stiefel auf irakischem Boden, versichert das Weiße Haus. Aber Freiwillige aus dem Westen schließen sich kurdischen Peschmerga im Kampf gegen den Islamischen Staat an. Zahlenmäßig hält diese Bewegung aber nicht einmal ansatzweise mit dem Zustrom ausländischer Kämpfer zum IS mit. Dennoch begegnet man ihnen im Nordirak bei den irakisch-kurdischen Peschmerga oder in Syrien bei der syrischen Kurdenmiliz YPG immer wieder oder hört, dass hier und dort Belgier, Franzosen und Deutsche sowie häufiger Amerikaner und Briten zu finden seien, die mitkämpfen gegen die IS-Dschihadis, die man hier Daish nennt.

Die meisten der 15 angetroffenen Männer sind US-Amerikaner, ein paar Kanadier, ein Osteuropäer. Einige von ihnen sind ehemalige Marines, einer trägt die Infanteriekampfspange der US-Armee, ein anderer meint, er habe vorher noch nie mit dem Militär zu tun gehabt. Die Mehrheit ist um die 30 Jahre alt. "Ich will hier gegen den Islamischen Staat kämpfen", bekennt einer. Er sei zweimal vorher mit den Marines im Land gewesen. "Mein Krieg ist noch nicht vorbei." Wenn der IS nicht besiegt werde, sei alles, was die Amerikaner vorher in dem Land gemacht hätten, sinnlos gewesen. "Man muss die bekämpfen", meint ein anderer: "Ich bin jetzt hier. Wenn nichts mehr los ist, werde ich nach Syrien gehen, dann nach Libyen." Ein weiterer war in der Armee. Die wollte ihn nach zwei Sprengfallenexplosionen und vermutlichem posttraumatischem Stresssyndrom nicht mehr. Jetzt ist er wieder bei seiner "Familie", der Truppe. Er habe zu Hause nichts, was ihn halte, bekennt der Osteuropäer.

Alles verkauft, das Geld mitgenommen und in Waffen und Munition umgesetzt, dieser Teil der Geschichte ist bei vielen ähnlich. "Wir haben alle Leute, die zu uns gekommen sind, bei den Behörden abgeklärt", meint der General später. "Wir wollen genau wissen, wer da kommt." Die CIA und die europäische Polizei wollen das auch. Bis zu sechs Monate sind die Freiwilligen bereits im Land. Manche meinten, sie würden gerne ganz in Kurdistan bleiben. Andere gehen wieder in die Heimat. Die Peschmerga rekrutieren inzwischen über eine Webseite. Militärisch machen die Mitkämpfer aus dem Westen vermutlich keinen großen Unterschied, den propagandistischen Wert haben die Kurden aber erkannt.

In Kurdistan bekommen die "Freiwilligen" eigentlich nichts, behaupten sie. Auf skeptische Nachfrage heißt es, sogar die Munition kaufe man selbst. Und: Sie wollen auch auf keinen Fall als "Söldner" bezeichnet werden. Aber es gebe Kost und Quartier - traditionelles kurdisches Essen und eine Schlafmatte im Stützpunkt. Auf die Frage, was sie bräuchten, meint einer von den Amerikanern als Erstes: "Militärrationen." Die sonst ungeliebte Schnellverpflegung der US-Armee ist kalorienreich und erinnert ihn an die Heimat. Die Kämpfer wirken wie eine fröhliche Kommune. Eine Kommune in Tarnkleidung.

IS vergräbt sich

Der Konvoi setzt sich in Bewegung. Mit Pick-up-Geländefahrzeugen geht es durch kleine Ortschaften. Die vorderste Front ist ein Stützpunkt, der aufgeschüttet wurde, damit er die Ebene überragt. Mit seinen Bunkern aus Hohlziegeln und einem Turm, der zur Beobachtung und als Quartier dient, wirkt das Ganze wie eine kleine, schwer bewaffnete Burg, Sandsäcke auf den Wällen inklusive. "Siehst Du die schwarze Fahne?" Tatsächlich ist sie schwer zu erkennen. Auf halber Entfernung weht eine kurdische Flagge. Im Dorf dahinter sitzt IS.

Aber der Islamische Staat verhält sich an jenem Nachmittag ruhig. Man habe es mit einem militärisch kompetenten Gegner zu tun, erzählen US-Freiwillige mit Kampferfahrung im Irak. Man sei einmal in einen planmäßig aufgesetzten Hinterhalt der Dschihadisten gelaufen und mit knapper Not entkommen. Die Gegner hätten auch Nachtsicht- und Wärmebildgeräte. Wie er zu dem Schluss komme? "Die wissen nachts immer genau, wo wir uns bewegen." Bei Tag ist es ruhig, was vielleicht auch damit zu tun hat, dass der IS sich verbirgt. "Wir finden in den Ortschaften, die wir zurückerobern, Tunnel, manchmal einen Kilometer lang", erzählt ein anderer. Die Dschihadisten verbergen sich so vor der Luftüberlegenheit der Koalitionstruppen. In intensiven Gefechtsphasen tauchen französische oder kanadische Beobachterteams auf, die lasergeleiteten Bomben mit bis zu 1000 Kilogramm in ihr Ziel dirigieren.

Entscheidend durchgesetzt hat sich bisher keine der beiden Seiten. "Die Islamisten erobern ein Dorf, dann erobern wir es zurück", sagt ein Kämpfer. Die Kurden sind wenig anfällig für die Heilsversprechen des Islamischen Staates, der in Syrien und vor Bagdad weiter Gebiete erobert hat. Bisher haben sich die IS-Dschihadisten an den Kurden die Zähne ausgebissen, auch wenn die kurdischen Kämpfer zum Teil schwere Verluste hinnehmen mussten. Sie sind dankbar für die internationale Unterstützung, die sie bekommen, aber es fehlt an schweren Waffen und Munition.

Die Wirtschaftskrise - wegen der niedrigen Ölpreise kommt weniger Geld in die Kassa - schwächt die kurdische Regionalregierung, viele Firmen und Investoren haben den Nordirak wieder verlassen. Wie es mit dem Krieg weitergeht? "Wir bekämpfen uns in diesem Raum seit Jahrhunderten gegenseitig", meint General Aras. "Warum sollte sich das ändern?"