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Kondom, Pille und Co: Verhütung als Luxus

Von Anja Stegmaier

Politik
© rcfotostock - stock.adobe.com

In Frankreich gibt es Pille und Kondom auf Rezept, doch hierzulande werden weder Verhütungsmittel noch Schwangerschaftsabbrüche von den Kassen mitfinanziert.


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Wien/Paris. Die Nachricht sorgte für einige Lacher: "Franzosen erhalten Pariser künftig auf Rezept", meldete die Austria Presseagentur. Dabei handelt es sich eigentlich um eine weniger lustige Angelegenheit: Jedes Jahr werden in Frankreich 6000 neue HIV-Infektionen gezählt. Deshalb sollen sich alle Franzosen ab dem 10. Dezember Kondome von Arzt oder Hebamme verschreiben lassen können und die Gummis in der Apotheke dann kostenfrei erhalten.

Damit baut Frankreich eine weitere Hürde des Zugangs zu Verhütungsmitteln ab.

In Frankreich gibt es bereits die meisten Verhütungsmittel, wie etwa die Anti-Baby-Pille, auf Kasse - wie etwa auch in Großbritannien und den Niederlanden. Auch in Bosnien und Herzegowina werden die Kosten für Verhütungsmittel teilweise erstattet.

In Rom unternahm die populistische Fünf-Sterne-Bewegung vor wenigen Tagen auch einen Vorstoß zum Thema - wenn auch heftig umstritten. Unter anderem wegen den sehr punktuellen Förderkritierien. So will die Regierungspartei italienischen Jugendlichen unter 26 Jahren einen kostenlosen Zugang zu Verhütungsmitteln - allerdings nur Kondome und Diaphragma - garantieren. Auch Asylwerber und Personen mit sexuell übertragbaren Krankheiten sollen in Italien kostenfreie Verhütungsmittel bekommen.

Kondome, wie auch das Diaphragma, gehören allerdings beide zu den weniger wirksamen Empfängnisverhütungsmitteln.

Anti-Baby-Pille in Mitteleuropa kaum subventioniert

Bekommt man ein Präservativ bereits um rund einen Euro, so ist das häufigste Mittel der Wahl zur Verhütung - gerade bei jungen Frauen - die Pille. Hier erschweren die Kosten durchaus den Zugang. Bis zu 15 Euro müssen Frauen etwa in Österreich dafür aufbringen. Günstige Generika gibt es hierzulande ab vier Euro.

Laut "pro familia"-Untersuchung sind die Preise für Verhütungsmittel in Deutschland relativ hoch. Bei den absoluten Pillenpreisen (Kosten für erforderliche Arztbesuche mit einberechnet) ist das Nachbarland mit 27 Euro gleich hinter Finnland und Irland Spitzenreiter unter EU-Ländern mit einem durchschnittlich hohen Pro-Kopf-Einkommen. Bei Ländern mit niedrigerem Einkommen führen Zypern, Bulgarien und Ungarn die Liste an. Die Ländern mit den höchsten Preisen, Zypern und Irland, bieten allerdings Ermäßigungen für finanziell Schwache.

Problematisch beim Zugang ist in Ungarn, Irland, Luxemburg und der Slowakei, dass Jugendliche die Zustimmung der Eltern einholen müssen. In Ungarn scheint es zudem schwierig zu sein, nach Ladenschluss an Kondome zu kommen, da es nur wenige Automaten gibt.

In Westeuropa bekommen Frauen in allen Ländern Verhütungsmittel und Schwangerschaftsabbrüche von der Kasse zumindest teilfinanziert - nur in Österreich gar nicht.

Allein in Österreich wären es 10.000 Abbrüche weniger

Dabei hätte der erleichterte Zugang zu Pille und Co gerade für Jugendliche und finanziell schwache Menschen zur Folge, dass rund 10.000 Schwangerschaftsabbrüche pro Jahr vermeidbar wären, wie aus dem Österreichischen Verhütungsreport hervorgeht. Des weiteren würde sich bei der Kostenübernahme für Verhütungsmittel durch die Krankenkassen gut die Hälfte der Befragten für eine andere und meist wirksamere Methode entscheiden. Und immerhin 42 Prozent derjenigen Befragten, die gar nicht verhüten, würden dann doch zu einem Mittel greifen.

Noch sicherer als die tägliche Einnahme der Antibaby-Pille sind Langzeitmethoden, wie Sterilisation, Kupferspirale oder andere hormonelle Methoden, die je nach Methode bis zu fünf Jahre wirksam sind.

Wirksame Langzeitmethoden können sich viele nicht leisten

"Vor allem Frauen mit Kindern, beziehungsweise geringem Einkommen überfordern die hohen Kosten zu Beginn, auch wenn diese langfristig gesehen günstig sind", sagt Christian Fiala, ärztlicher Leiter der Gynmed Ambulatorien in Wien und Salzburg, der "Wiener Zeitung". Das bedeutet in Österreich 400 Euro für eine Kupferspirale, 500 Euro für eine Hormonspirale. Die Sterilisation von Frauen kommt auf mehr als über 1000 Euro, die Vasektomie für Männer gibt es um 800 Euro. Bei den Vasektomie-Kosten ist Österreich EU-Spitze.

Eine Übernahme der Kosten für diese wirksamen Langzeitmethoden hält Fiala am sinnvollsten. Der Arzt, der selbst Schwangerschaftsabbrüche durchführt und tagtäglich mit Verhütungsunfällen konfrontiert ist, gibt zu bedenken, dass rund ein Drittel der Frauen, die einen Abbruch vornehmen, eigentlich mit Kondomen verhütet hat und die meisten auch bereits Kinder haben.