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Konflikt mit Türkei einte die PKK - "doch jetzt kommt die Realpolitik"

Von Michael Schmölzer

Politik
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Politologe Günay weist auf verschiedene Fraktionen in der PKK hin.


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"Wiener Zeitung": Wird die PKK Öcalans Aufruf zum Waffenstillstand überhaupt umsetzen?Cengiz Günay: Es ist auf alle Fälle ein wichtiger Schritt, dass der Waffenstillstand jetzt ausgerufen wurde. Das geschieht nicht zum ersten Mal. Was diesmal anders ist, ist, dass die türkische Regierung die PKK erstmals als Gesprächspartner akzeptiert hat.

Aber wie groß ist die Autorität Öcalans? Er sitzt seit 14 Jahren auf einer Insel hinter Gittern.

Er ist eine Person, die eine enorme Symbolkraft für die Kurden weit über die PKK hinaus hat. Wieweit er im Organisatorischen und Operationellen die Kontrolle hat, werden wir sehen. Man weiß von verschiedenen Fraktionen innerhalb der PKK - und die sind nicht alle begeistert. Die Frage ist, ob sich nach einiger Zeit Personen oder Gruppen selbständig machen und ihre eigene Politik betreiben.

Kann man hier eine Parallele zur IRA in Nordirland ziehen? Da gab es nach dem historischen Karfreitagsabkommen plötzlich eine "Wahre IRA", die weiter zur Gewalt gegriffen hat.

Der Unterschied ist, dass es bei der IRA nicht so einen Mann mit einer derartigen Symbolkraft wie bei der PKK gegeben hat. Aber wir werden sehen. Was die PKK bis jetzt geeint hat, war die Feindschaft gegen den türkischen Staat. Jetzt kommt aber die Realpolitik.

Premier Erdogan kommt den Kurden entgegen, sonst wäre der Aufruf Öcalans gar nicht möglich. Da gibt es aber Kräfte - vor allem die türkischen Nationalisten -, denen das nicht gefällt. Wie viel Risiko geht Erdogan mit der Annäherung ein? Schafft er sich nicht neue, gefährliche Feinde?

Erdogan ist ein sehr geschickter Machtpolitiker und Pragmatiker. Er hat es in den letzten zehn Jahren geschafft, sämtliche Institutionen und Zentren so weit zu entmachten und zu entmündigen, dass ihm aus diesem "tiefen Staat" wenig Gefahr droht. Er dominiert auch den politischen Diskurs im Land sehr stark, der hat sich in der Türkei in den letzten Jahren stark geändert.

Die Sehnsucht nach Frieden ist größer geworden?

Ganz sicher. Vor allem durch das jüngste Wiederaufflammen dieses Konfliktes mit der PKK. Und auch die Syrien-Krise. Da ist die Sorge, dass alles rundherum im Umbruch ist. Also ist der Wille, dass im eigenen Land endlich Frieden ist, größer. Man weiß, dass das Kurden-Problem das größte Hemmnis für eine Weiterentwicklung und einen weiteren Aufstieg der Türkei ist.

Wie sind eigentlich die Verbindungen zwischen den türkischen, den syrischen und den irakischen Kurden? Entsteht da ein großer, zusammenhängender kurdischer Raum? Oder sogar ein eigener Kurdenstaat?

Ich glaube, es ist nicht die Zeit für großräumige Grenzverschiebungen. Die bestehenden Grenzen werden aber eine geringere Bedeutung haben.

Wie tief sind eigentlich die Wunden, die in dem Konflikt geschlagen wurden? Eine Million Kurden wurden zwangsweise umgesiedelt, ist das irgendwie vergleichbar mit den Sudetendeutschen? Wie lange wird das brauchen, bis das heilt?

Der türkische Nationalismus hat zwar ein sehr starres Bild der türkischen Nation gezeichnet, aber es war kein rassistischer Nationalismus. Es sind Kurden nicht aufgrund ihrer Herkunft verfolgt worden. Öcalan selbst war auf einer der Elite-Schulen in Ankara. Der türkische Nationalismus ist aber auf Assimilierung aus. Kurdische Namen wurden getilgt, weil man eine einheitliche türkische Nation kreieren wollte. Die Wunden sind zwar tief, es ging aber nie so weit wie etwa in Bosnien, wo Nachbarn zu Feinden wurden, weil der eine Serbe und der andere Bosniake war. Es ist nie zu Pogromen der einen gegen die andere Bevölkerungsgruppe gekommen.

Zur Person



Cengiz Günay

ist Senior Fellow am Österreichischen Institut für Internationale Politik (oiip) und Lehrbeauftragter an der Universität Wien.