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Konflikt um japanische Geschichtsbücher

Von Dirk Godder

Politik

Seoul - Der seit Monaten andauernde Streit zwischen Japan und Südkorea um umstrittene japanische Schulgeschichtsbücher hat sich weiter verschärft. Seoul warf der einstigen Kolonialmacht (1910 bis 1945) Ignoranz gegenüber dem koreanischen Volk und eine unkorrekte Darstellung der Geschichte vor. Tokios Freigabe der acht Bücher für den Unterricht im April hatte in Südkorea eine Welle von Protesten ausgelöst und in der Bevölkerung vorhandene antijapanische Gefühle verstärkt.


Südkoreas Präsident Kim Dae Jung fürchtet um die Früchte seiner Bemühungen um eine Verbesserung des historisch schwer belasteten Verhältnisses zum Nachbarland.

Die südkoreanische Regierung kündigte eine Reihe von Protestmaßnahmen an, die sich auf den Austausch zwischen den beiden Ländern auswirken. So legte das Verteidigungsministerium die militärischen Kontakte auf Eis. Nach Angaben von Kulturminister Kim Han Gill wird die weitere Öffnung für japanische Kulturprodukte, die sich seit zwei Jahren schrittweise vollzieht, nicht mehr wie geplant in Betracht gezogen. Seoul reagierte damit vor allem auf die Weigerung Tokios, die auch von Peking geforderten Änderungen in den Schulbüchern vorzunehmen. Darin wird nach Auffassung von Kritikern Japans Militäraggression gegen asiatische Nachbarländer vor und während des Zweiten Weltkrieges gerechtfertigt und vereinfacht dargestellt. Tokio ließ Südkorea wissen, dass wegen fehlerhafter Darstellung von Fakten nur zwei Passagen modifiziert werden. Ansonsten enthielten die Bücher keine "eindeutigen Fehler". Südkorea hatte 35 Änderungswünsche vorgebracht. Auch wies Tokio darauf hin, dass der ehemalige Regierungschef Tomiichi Murayama in einer Erklärung 1995 im Namen Japans eine Entschuldigung für das von seinem Lande verursachte Leid geäußert habe.

Auf Unverständnis stieß in Südkorea vor allem die fehlende Erwähnung von mehreren zehntausend koreanischen Frauen, die von der kaiserlichen japanischen Armee in Soldatenbordelle gezwungen wurden. Bis heute kämpfen diese Frauen um Ausgleichszahlungen von der japanische Regierung. Auch stößt sich Seoul an der Darstellung der früheren koreanischen Kaiserdynastie, deren Eigenständigkeit in den Textbüchern nach südkoreanischem Empfinden negiert wird.

In der Auswahl von "Gegenmaßnahmen" ist Südkorea nach Ansicht von Experten allerdings beschränkt. "Wir können nicht weit gehen", sagt Lee Sook Jong vom privaten Sejong-Institut. Vor allem die enge Verflechtung mit der Wirtschaftsgroßmacht, Japans wichtige Unterstützung für Seouls Annäherungspolitik an Pjöngjang und die gemeinsame Austragung der Fußball-WM im nächsten Jahr lassen bei der südkoreanischen Regierung Vorsicht walten. Insbesondere von einer erfolgreichen Fußball-WM erhoffen sich beide Länder verbesserte Beziehungen und einen größeren Besucheraustausch. Seoul befürchtet, die Beziehungen könnten auf den Stand von vor drei Jahren zurückfallen. Bei seinem Besuch in Japan im Oktober 1998 hatte Südkoreas Präsident mit dem damaligen japanischen Premier Keizo Obuchi eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, durch die der Austausch in vielen Bereichen ausgebaut wurde.

Am Dienstag sagte Kim Dae Jung, er sei angesichts der Haltung Japans in der Schulbuch-Frage schockiert. Seoul werde seine Forderung nach einer Revision der Bücher niemals aufgeben.