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Kongo-Rebellen richten Blutbad an

Von WZ-Korrespondent Philipp Hedemann

Politik

Dutzende Menschen getötet. Regierung spricht von Racheaktion der ADF.


Beni. Sie kamen mit Messern, Macheten und Gewehren und töteten alle Kinder, Frauen und Männer, die nicht schnell genug weglaufen und sich in der Dunkelheit verstecken konnten. Mehrere Stunden metzelten Angreifer die Bewohner von Rwangoma am südlichen Stadtrand der ostkongolesischen Stadt Beni nieder. Als die Kämpfer sich nach Gefechten mit der Armee in den Busch zurückzogen, waren nach Angaben von Augenzeugen bis zu 100 Menschen tot. Die ostkongolesischen Streitkräfte sprechen von rund 50 Opfern, die Zahl könne sich jedoch noch erhöhen. Die Regierung macht die ugandische Rebellen-Gruppe ADF für das schlimmste Massaker seit zwei Jahren verantwortlich.

Militärsprecher Mak Hazukay Mongba sagte, die Rebellen hätten die Zivilbevölkerung aus Rache niedergemetzelt und Häuser angezündet. Die ostkongolesische Armee war in den letzten Wochen verstärkt gegen die Rebellengruppe vorgegangen, die seit über 20 Jahren im Osten des Kongos aktiv ist. Drei Tage vor dem Massaker in unmittelbarer Nähe des wegen seiner Berggorillas weltberühmten Virunga-Nationalparks hatte Präsident Joseph Kabila die Region besucht. Nach einem Treffen mit Yoweri Museveni hatte er versprochen, zusammen mit dem ugandischen Präsidenten stärker gegen die Rebellen vorzugehen. Rund um Beni wurden bei Überfällen, die die Regierung meist der ADF zuschreibt, seit Oktober 2014 mindestens 600 Menschen getötet.

Zynisches Kalkül Kabilas?

Doch immer mehr Kongolesen glauben den Versprechen ihres Präsidenten nicht mehr. Sie wollen endlich wissen, warum die Armee und die in der Region stationierten Blauhelmtruppen oft - so wie jetzt in Rwangoma - erst spät oder gar nicht eingreifen, wenn Dörfer angegriffen werden. Viele vermuten, dass Kabila ein Interesse daran hat, die Region nicht zur Ruhe kommen zu lassen, um die ursprünglich für November geplante Wahl immer weiter nach hinten verschieben zu können. Laut Verfassung darf er nicht für eine dritte Amtszeit kandidieren. Als die schrecklich zugerichteten Leichen aus Rwangoma am Sonntag auf Militär-Pick-Ups in das Leichenhaus des Krankenhauses in Beni gebracht wurden, warfen wütende Anwohner Steine. Die Polizei setzte Tränengas ein, um die Demonstration aufzulösen.

Kurz vor dem Massaker hatte der Tischler Kambale (Name geändert) prophezeit, dass der Krieg bald auch nach Beni kommen würde. Bislang hatten die nächtlichen Massaker in der Region sich meist in abgelegenen Dörfern, die von der kongolesischen Armee und den Blauhelm-Truppen nur schwer zu erreichen sind, zugetragen. Um Schutz zu suchen, waren deshalb in den letzten Jahren Tausende Menschen in die Städte geflüchtet. Viele Felder liegen seitdem brach, die Versorgung mit Lebensmitteln wird immer schlechter, vor allem Kinder auf dem Land leiden bereits unter Mangel- und Unterernährung.

Rwangoma hingegen liegt nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum der Großstadt Beni entfernt. "Der Krieg kommt immer näher. Hier wird es niemals Frieden geben. Wenn die Kämpfe an einer Stelle aufhören, flammen sie an einer anderen Stelle auf", sagte Kambale drei Tage vor den Morden von Rwangoma in seiner kleinen Werkstatt in Beni. Kambale war früher selbst mitverantwortlich für das Morden im Nordosten des Kongos. Im Alter von acht Jahren wurde er entführt und gezwungen, sich als Kindersoldat einer der rund 70 bewaffneten Gruppen in der Region anzuschließen. Als er zehn Jahre alt war, lernte er zu töten. "Wir hatten einen Feind gefangen. Die älteren Kämpfer zeigten uns, wie man einen Menschen ersticht. Dann haben wir Kinder mit Messern immer und immer wieder auf den gefesselten Mann eingestochen", berichtet der ehemalige Kindersoldat. An seinen ersten Mord kann er sich genau erinnern. Wie viele Menschen er danach mit Messer, Machete und Speer umbrachte, weiß er nicht.

Auch die ADF, die von der Regierung für das Massaker in Rwangoma verantwortlich gemacht wird, soll Kindersoldaten in ihren Reihen haben. Vor allem Waisen schließen sich den Rebellen bisweilen freiwillig an, die meisten Buben und Mädchen werden jedoch wie Kambale zwangsrekrutiert. "Wir Kinder waren leicht zu beeinflussen. Sie haben uns Drogen gegeben und uns gesagt, dass wir unverwundbar sind, wenn wir uns mit einem heiligen Wasser einreiben. Ich habe das geglaubt und war ein guter Kämpfer", sagt der ehemalige Kindersoldat. Wofür er kämpfte, war dem manipulierten Jungen unklar. "Ich wusste nur, dass wir gegen die Regierung und die anderen Rebellen kämpfen mussten. Wir wollten an die Macht. Wir wollten alle töten, die uns davon abhalten wollten", sagt der heute 24-Jährige, der immer noch nicht weiß, wofür er mordete.

Nach zehn Jahren und ungezählten Kämpfen gelang es Kambale, zu fliehen. Er vertraute sich einem Priester an, der ihn zu World Vision schickte. Im Osten des Kongos bildet die christliche Hilfsorganisation ehemalige Kindersoldaten und Mädchen, die Armut und Krieg zur Arbeit in Bordellen gezwungen hatte, zu Mechanikern, Schustern, Tischlern, Schneidern und Friseuren aus. Nach einem einjährigen Training erhielt Kambale Werkzeug und ein paar hundert Dollar. Mit dem Startkapital eröffnete er seine kleine Werkstatt. Mittlerweile zeigt er anderen Buben, wie man Betten, Stühle und Tische baut. "Wenn sie einen Beruf lernen, von dem sie leben können, schließen sie sich hoffentlich nicht den Rebellen an", sagt der Tischler, der an sechs Tagen in der Woche in seiner kleinen Werkstatt hobelt, hämmert und sägt. Am Sonntag geht er in die Kirche. Dort bittet er Gott um Vergebung und betet für Frieden.

Friedensgebete

Auch Roger Abbé Kubuyaka, Priester in einer der größten katholischen Kirchen in Beni, betet am frühen Sonntagmorgen mit Hunderten Gläubigen, dass der Krieg endlich aufhören möge. Zu diesem Zeitpunkt weiß der 47-Jährige noch nicht, dass sich in der vergangenen Nacht nur wenige Kilometer von seiner Kirche entfernt eines der schlimmsten Massaker der vergangenen Jahre zugetragen hat. "Wenn wir in der Früh aufwachen, machen wir als erstes das Radio an und rufen Freunde und Verwandte an, um zu erfahren, ob in der Nacht wieder gemordet wurde", sagt der Priester. Um Panik zu vermeiden, hatte die Armee jedoch zunächst nur sehr zögerlich Informationen zum Massenmord in Rwangoma herausgegeben. Kubuyaka erfuhr erst nach seiner Predigt von den vielen Toten.

Der Priester weiß, dass viele seiner Gemeindemitglieder durch die immer wiederkehrenden Massaker in ihrem Glauben erschüttert werden. Sie fragen ihn: "Hört Gott unsere Gebete nicht? Wie kann er es zulassen, dass immer wieder unschuldige Kinder, Frauen und Männer getötet werden?" Der Mann mit dem gütigen Gesicht hat darauf keine einfachen Antworten. Oft sagt er dann: "Wir dürfen nicht aufhören zu beten. Aber wir dürfen uns nicht nur auf Gott verlassen. Unsere Regierung muss endlich selbst Frieden schaffen."