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Kongo: Rebellen starten nächste Offensive

Von WZ-Korrespondentin Simone Schlindwein

Politik

Nun soll verhandelt werden - doch Kongos Aufständische sind misstrauisch.


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Goma. Der Operationskommandeur der M23-Rebellen im Kongo wirkt gestresst. Er steigt aus seinem Militärfahrzeug, das Funkgerät am Ohr. Er brüllt Befehle, dann schickt er seine Soldaten los. Wenige Minuten später fallen die ersten Schüsse.

Goma gehört bereits den Rebellen, nun setzen sie ihren Vormarsch fort.
© Schlindwein

Die Kleinstadt Sake, 26 Kilometer westlich der ostkongolesischen Provinzhauptstadt Goma, wird jetzt zum entscheidenden Schlachtfeld zwischen den Rebellen der M23 (Bewegung des 23. März) und der Armee. Am Dienstag hatten die M23-Rebellen die Millionenstadt Goma im rohstoffreichen Ostkongo erobert, sind dann nach Sake vorgerückt. Am Mittwoch nahmen sie die Kleinstadt ein, ohne einen Schuss abzufeuern. Die Soldaten der Regierung hatten sich zurückgezogen - doch scheinbar nur ein wenig. Von den umliegenden Hügeln aus feuern sie jetzt zurück, mit Maschinengewehren und Mörsergranaten. Sake ist strategisch wichtig: Von hier aus zweigen Wege ab, in südlicher Richtung in die Provinz Süd-Kivu sowie nördlich nach Masisi. Sake ist entscheidend, um Goma zu halten.

Kaum hallen die Schüsse durch die Gassen, packen die Einwohner ihre Habseligkeiten und fliehen. Im Laufschritt sind sie die Straße entlang in Richtung Goma unterwegs - tausende, fast die ganze Bevölkerung der Kleinstadt.

Flüchtlinge im Elend

Dabei sind die Flüchtlingslager am Stadtrand von Goma bereits überfüllt. Das Lager Mugunga, acht Kilometer von Goma entfernt quoll bereits zu Beginn des Krieges im Juni über. Seitdem vergangene Woche die M23 nach Goma vorrückt, suchen dort täglich weitere zehntausende Vertriebene Schutz. Fast 50.000 Menschen hausen dort im Elend. Die Hangars aus Zeltplanen sind bis auf den letzten Platz belegt, die Menschen schlafen auf dem nackten Boden aus kantigen Lavasteinen. "Wir müssen unter freiem Himmel übernachten", sagt Espere Pakanie. Der 25-Jährige war zu Beginn des Krieges aus seinem Heimatdorf in ein Lager nördlich von Goma geflüchtet. Dann schlugen dort die Mörser ein. "Ich musste hierher übersiedeln", seufzt er und hält sich den Bauch: "Ich würde ja nach Hause zurückkehren, aber ich habe solchen Hunger, ich kann niemals nach Hause laufen", sagt er.

Nicht nur militärisch, sondern auch politisch gerät die M23-Bewegung jetzt zunehmend unter Druck - noch am Vortrag hatte sie großspurig mit dem Sturm auf die 2000 Kilometer entfernte Hauptstadt Kinshasa gedroht.

Die Präsidenten Ugandas, Ruandas und des Kongo hatten sich in Uganda getroffen, um eine Lösung der Krise zu diskutieren. Kongos Regierung und die UNO werfen Uganda und Ruanda vor, die Rebellen zu unterstützen. Scheinbar kamen die Staatschefs zu einer ersten Einigung: "Selbst wenn es legitime politische Forderungen seitens der als M23 bekannten meuternden Gruppe gäbe", so die drei Präsidenten, Joseph Kabila (Kongo), Paul Kagame (Ruanda) und Yoweri Museveni (Uganda), in ihrer Erklärung, "muss die M23-Gruppe ihre Offensive sofort beenden und sich aus Goma zurückziehen". Die Reaktion der Rebellen gegenüber der "Wiener Zeitung": "Uganda und Ruanda haben uns nicht nach Goma geschickt, sie können uns auch nicht aus Goma zurückbeordern."

M23-Präsident Runiga wurde am Donnerstag mit einem ugandischen Hubschrauber aus der Grenzstadt Bunagana ausgeflogen, um in Uganda den Verhandlungen beizutreten. Ob er dort mit Kongos Regierungsdelegation oder gar mit Präsident Kabila sprechen wird, ist noch unklar: "Ich bin auf dem Weg und kann noch nichts Genaues sagen", sagt Runiga am Telefon, kurz bevor er den Hubschrauber besteigt.

Sturz von Kabila gefordert

"Wir haben wochenlang in Kampala auf Verhandlungen mit der Regierung gewartet und daraus ist nichts geworden. Warum sollen wir diesem Angebot jetzt glauben?", hatte er noch am Vormittag telefonisch erklärt. "Wir wollen über eine Ablösung Kabilas verhandeln", sagt ein hochrangiger M23-Kommandeur kurz nach Runigas Abflug.

Auch Verhandlungen zwischen der M23-Militärführung und der UNO-Mission seien essenziell, fügt er hinzu: "Wir müssen nachts dringend gemeinsame Patrouillen arrangieren, um die Bevölkerung zu schützen", fordert er. Die M23 weiß: Kann sie die Sicherheit, vor allem nachts, in Goma nicht aufrechterhalten, dann wird sich die Bevölkerung nicht lange mit ihr zufrieden geben. Der UNO wird von allen Seiten vorgeworfen, die Stadt nicht ausreichend verteidigt zu haben und damit ihr Mandat verletzt zu haben, die Bevölkerung vor den Rebellen zu beschützen. Indes hat der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag die Festnahme zweier ranghoher Aufständischer verlangt. Bosco Ntaganda und Sylvestre Mudacumura seien für Gewalttaten im Kongo verantwortlich.