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Konsequenz hat ihren Preis

Von Heiner Boberski

Analysen

In ihrem "Aufruf zum Ungehorsam" haben vor mehr als einem Jahr die mittlerweile rund 400 Mitglieder der Pfarrerinitiative ihre Anliegen an die Leitung der römisch-katholischen Kirche formuliert. Sie treten unter anderem dafür ein, dass Priester heiraten, Frauen kirchliche Weihen und wiederverheiratete Geschiedene die Kommunion empfangen dürfen. Umfragen in Österreich zeigen, dass die Mehrheit der Katholiken sich solche Reformen gut vorstellen kann. Und der austro-brasilianische Bischof Erwin Kräutler stellte in einem Interview fest, dass derartige Fragen nicht nur Österreich und Europa, sondern die Weltkirche betreffen.

Für die Spitze der Hierarchie ist freilich allein das Wort "Ungehorsam" ein rotes Tuch, das "so nicht stehen bleiben" kann, wie der Wiener Erzbischof, Christoph Kardinal Schönborn, erklärt. Auf dieses Wort zu verzichten und es durch "kritische Loyalität" zu ersetzen, wie es etwa der für Reformen durchaus aufgeschlossene Propst von Herzogenburg, Maximilian Fürnsinn, angeregt hat, fällt der Pfarrerinitiative um Helmut Schüller aber anscheinend genauso schwer wie der Piusbruderschaft die Zustimmung zum Zweiten Vatikanischen Konzil.

Klar ist, dass in keiner Gemeinschaft jeder tun kann, was er will. Wo aber nicht nur Einzelne, sondern ganze Gruppen auftreten, muss sich die Leitung der Gemeinschaft entscheiden: Ignoriert sie die Kritiker in der Hoffnung, die Sache irgendwie auszusitzen, sucht sie den Dialog mit ihnen oder fährt sie - auch eine Spaltung in Kauf nehmend - mit ihrer ganzen Autorität über die Dissidenten drüber? In der katholischen Kirche ist übrigens weiterer Dissens absehbar, wenn das neue deutsche Messbuch in Kraft tritt, in dem die Wandlungsworte dann so übersetzt sind, dass Jesus Christus sein Blut nicht "für alle", sondern "für viele" vergossen hat.

Während Rom mit den Piusbrüdern seit Jahren permanent verhandelt, gab es für die Pfarrer bisher vor allem eine päpstliche Rüge am Gründonnerstag und jetzt die erste Sanktion von Kardinal Schönborn. Da er Mitglied der Pfarrerinitiative bleiben wollte, wurde Pfarrer Peter Meidinger als Dechant von Piesting nicht verlängert. Für die einen ist das ein konsequenter Schritt des Kardinals, weil ein Dechant nicht die innere Einheit der Kirche gefährden dürfe, für die anderen ein Signal, dass kirchliche Karrieren nur noch Ja-Sagern offenstehen, die ihr Ohr in Rom und nicht bei den Sorgen der Menschen haben. Damit wird aber auch dem Kirchenvolk die Hoffnung auf Veränderungen in der Zukunft geraubt.

Ob das auf die Dauer ohne Aderlass für die Kirche funktionieren kann, ist eine Frage, die sich für viele, nicht für alle, von selbst beantwortet.