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"Konservative Mullahs sind das Problem"

Von Veronika Eschbacher

Politik
Ministerin Dilbar Nazari räumt ein, dass die Lage der Frauen in Afghanistan alles andere als rosig ist.
© Stanislav Jenis

Nach einer Serie von Fällen brutaler Gewalt an Frauen in Afghanistan beklagen Liberale wachsende Intoleranz. | Die "Wiener Zeitung" sprach mit Frauenministerin Dilbar Nazari über die Lage in ihrem Land.


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Umzingelt von hunderten Männern flehte Farchunda um ihr Leben. Eine halbe Stunde lang wurde auf die 27-jährige Afghanin am helllichten Tag im Zentrum Kabuls eingeschlagen, sie mit Holzlatten malträtiert, wurden ihr Steine auf den Kopf geworfen, während Männer dabei jubeln. Verwackelte Videoaufnahmen von Mobiltelefonen zeigen, dass ihr Einreden auf die Horde, sie sei zu Unrecht beschuldigt worden, einen Koran verbrannt zu haben, ungehört verhallen. Ein Täter überfährt sie schließlich mit dem Auto, andere stecken ihren Körper in Brand und werfen ihn in das Bett des nahezu ausgetrockneten Kabul-Flusses. Polizisten beobachten das Treiben teilnahmslos.

Der Lynchmord an Farchunda, die, wie sich nachher herausstellte, keine Gotteslästerin war, sondern eine tiefreligiöse Studentin, die sich gegen abergläubische Praktiken von selbsternannten Mullahs wehrte, hat Afghanistan aufgewühlt. Dieser Mord und weitere Fälle brutaler Gewalt gegen Frauen, die in vergangenen Monaten publik wurden, werfen die Frage auf, wie es trotz zahlreicher Bildungs- und Aufklärungsinitiativen seit dem Fall der Taliban im Jahr 2001 um die Toleranz gegenüber Frauen und ihren Rechten bestellt ist.

Zweifellos wurden im Bereich der Frauenrechte seit 2001 große Fortschritte erzielt. Frauenrechte werden aber weiter gerne als etwas dem Land Fremdes, vom Westen Aufoktroyiertes abgelehnt. Frauenaktivisten fürchten nun auch Rückschritte durch den Rückzug der internationalen Gemeinschaft aus dem Land. Sie pochen darauf, dass das sogenannte "Evaw"-Gesetz, das Gesetz zur Eliminierung von Gewalt an Frauen, nach über sieben Jahren Debatte endlich vom Parlament abgesegnet wird, um die Fortschritte so rasch wie möglich abzusichern. 2009 wurde das Gesetz während der Parlamentsferien per Präsidenten-Dekret noch von Hamid Karzai erlassen. Da laut Verfassung aber auch die Zustimmung des Parlaments notwendig ist, stellen viele Richter die Gültigkeit des Gesetzes infrage und wenden es nicht an. Konservative Parlamentsmitglieder lehnten bisher vor allem ab, dass das Gesetz Strafen für Verwandte bei der Verheiratung von Minderjährigen vorsah und sowie unter bestimmten Bedingungen für Vielehe. Frauenrechtler wiederum fordern zusätzlich höhere Strafen für Ehrenmorde ein. Gleichzeitig beklagten weibliche Parlamentsmitglieder, die für das Gesetz lobbyieren, auch weibliche Kolleginnen würden Engagement in der Sache vermissen lassen.

Die "Wiener Zeitung" sprach mit der neuen afghanischen Frauenministerin Dilbar Nazari über das Gesetz, den Einfluss der Konservativen im Land und die Bedeutung der Friedensgespräche mit den Taliban für die Frauenrechte.

"Wiener Zeitung": Der Lynchmord an einer Studentin in Kabul hat die afghanische Gesellschaft aufgewühlt. Die Liberalen sehen darin einen weiteren Beleg für eine zunehmende Intoleranz gegenüber Frauenrechten im Land. Ist dem so?Dilbar Nazari: Das war wirklich eine der schlimmsten Taten in Afghanistan seit langem. Die Regierung hat die Tat aufs Schärfste verurteilt. Die Täter sind mittlerweile verhaftet und verurteilt. Ich setze große Hoffnungen in das Evaw-Gesetz (Gesetz zur Eliminierung von Gewalt an Frauen, Anm.), dass dieses künftig solch erschütternde Geschehnisse verhindert.

Das Gesetz wird aber seit 2009 diskutiert. Wann, glauben Sie, wird es endlich auch vom Parlament angenommen?

Aufgrund von vielfältigen Problemen konnten wir das Gesetz noch nicht verabschieden - die Lage der Frauen in Afghanistan ist nicht gut, in Wirklichkeit geht es höchstens in Kabul Frauen gut. Ich arbeite aber sehr hart daran, ich habe in meinen bisher 100 Tagen im Amt mit Dorfältesten und Religionsvertretern gesprochen, dem Nationalen Sicherheitsrat, eigentlich der gesamten afghanischen Gesellschaft. Ich erwarte, dass das Gesetz bald vom Parlament abgesegnet wird.

Traditionell wird in der afghanischen Gesellschaft die Familie als der sicherste Ort geschätzt, vor allem für Frauen. Wieso sehen wir dennoch so viel häusliche Gewalt?

Afghanistan ist ein Land mit sehr vielen Traditionen. Ein sehr großes Problem ist, dass der Großteil unserer Bevölkerung ungebildet ist, vor allem in den ländlichen Gebieten. Unser größtes Problem ist, dass sich ständig konservative Religiöse in alle Angelegenheiten einmischen, auch von außerhalb Afghanistans. Das hindert uns daran, Frauen mehr Macht zu geben.

Die Regierung führt Friedensgespräche mit den Taliban, über die aber nicht viele Details bekannt sind. Fürchten Sie, dass um des Friedens mit den Islamisten willen Frauenrechte geopfert werden?

Über die Köpfe der Frauen hinweg wird hier nichts entschieden werden. An den Gesprächen mit den Taliban in Doha haben auch drei Frauen teilgenommen, und Frauen werden auch bei weiteren Gesprächen dabei sein. Wir werden unsere Rechte verteidigen.

Gäbe es weniger Gewalt gegen Frauen in Afghanistan, wenn Ehre in der Gesellschaft eine weniger wichtige Rolle spielen würde?

Ja, definitiv. Ich kann Ihnen aber versichern, dass sich Frauen heute ihrer Rechte nicht mehr berauben lassen. Ich kämpfe dafür, dass Frauen in allen wichtigen Regierungsentscheidungen gleichberechtigt mitentscheiden.

Zur Person

Dilbar Nazari

wurde 1958 in der Provinz Balkh geboren, ist Ministerin für Frauenangelegenheiten in Afghanistan. Davor war sie fünf Jahre lang Parlamentsabgeordnete und für diverse internationale Nichtregierungsorganisationen tätig.