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Köpenickiade am Balkan

Von Ulrich Zander

Wissen

Vor 100 Jahren, am 15. Februar 1913, landete der deutsche Schausteller und Abenteurer Otto Witte seinen größten Coup: Er ließ sich zum König von Albanien krönen. Der Spuk währte fünf Tage.


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Klein Otto, geboren am 16. Oktober 1871 in Diesdorf bei Magdeburg, wuchs bei seinen Großeltern in Berlin auf, da die Eltern ständig mit ihrem Wanderzirkus auf Achse waren. Als er acht wurde, nahmen sie ihn mit.

"König von Albanien" Otto Witte mit Tochter Elfriede.
© Foto: Archiv Zander

Der Knirps lernte wie der Teufel zu reiten, zu jonglieren, Feuer zu schlucken. Schon bald glänzte er durch eine eigene Dressurnummer (mit ausgewachsenen Tigern), erfreute das Publikum mit Clownerien und Zaubertricks. Und als "Wahrsager" legte er schließlich den Grundstein für seine spätere Fähigkeit, den Leuten die wildesten Bären aufzubinden. Lesen und Schreiben allerdings lernte er nie.

Ein Weltabenteurer

An seinem 24. Geburtstag gastierte der fesche Otto Witte am Hofe des Kaisers Menelik II. von Abessinien und verliebte sich prompt in dessen vierzehnjährige Tochter. Das junge Paar floh, wurde aber von den Häschern in Somaliland geschnappt. Witte landete im finstersten Verlies von Addis Abeba. Doch bevor ihn der Henker einen Kopf kürzer machen konnte, gelang ihm die Flucht.

Nun verdingte er sich als Tierfänger und Großwildjäger in Kenia, streifte mit den Beduinen durch die Sahara, tafelte mit Menschenfressern und versuchte sich als Touristenführer im Heiligen Land. Später entdeckte er sein Herz für Frankreich, ging zur Fremdenlegion und desertierte nach kurzer Zeit.

Die nächsten Jahre verbrachte der Herumtreiber in Südamerika. In Argentinien soll er den Einheimischen gezeigt haben, wie man Tango tanzt. Heimweh nach dem alten Europa führte ihn dann in die Schweiz, wo er mit Lenin (dessen Hang zur Vernachlässigung der Garderobe Witte im Übrigen missbilligte), politische Fragen diskutierte. Man kann getrost annehmen, dass Ottos Anregungen ihren Niederschlag in der Oktoberrevolution fanden.

Major in der Türkei

Nach Intermezzi als Taucher im Mittelmeer, Zierfischhändler und Geisel einer Räuberbande in den Schluchten des Balkans zog es Witte in die Türkei. In Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, landete er schließlich in der Armee und machte als Geheimdienst-Mann Karriere. Er brachte es bis zum Major.

Es gehörte nun zu Ottos dienstlichen Pflichten, die politische Entwicklung, insbesondere jene auf dem unruhigen Balkan, im Auge zu behalten. Im November 1912 hatte sich Albanien nach mehr als 400 Jahren Türkenherrschaft befreit und für unabhängig erklärt. Serben, Bulgaren wie Griechen nutzten das Machtvakuum und okkupierten Teile des neuen Staates (der im Mai 1913 von den Großmächten anerkannt wurde). Auch osmanische Truppen bewegten sich noch auf dem Territorium.

Inzwischen war die "Republik Albanien" ausgerufen worden. Und da eine gerade ins Leben getretene Republik nichts dringlicher benötigt als einen König, wurden in alle Richtungen diplomatische Fühler ausgestreckt. Da die Mehrheit der Albaner jedoch auf einem moslemischen Staatsoberhaupt bestand, blieb als Königslieferant einzig das Osmanische Reich übrig. All das will Analphabet Otto Witte durch das intensive Studium von "Geheimakten" erfahren haben. In den gut unterrichteten Geheimdienstkreisen am Bosporus wurde derweil indes kund, dass der Neffe des Sultans, Prinz Halim Eddine, als König von Albanien vorgesehen sei.

Als Witte ein Foto des Prinzen betrachtet, stockt ihm der Atem: "Der war mir wie aus dem Gesicht geschnitten, wie ein Zwillingsbruder, nur ein wenig gelber." Otto Witte kommt der Gedanke seines Lebens, er will das Ungeheuerliche wagen. Und verliert keine Zeit. Gemeinsam mit seinem alten Kumpel, dem Schwertschlucker Max Hoffmann (der seine Nachnamen ständig wechselte, dabei dem "Max" aber immer treu blieb) begibt er sich nach Wien.

Dort erwerben die beiden in einem Kostümverleih prächtige Phantasieuniformen, schwer mit Orden behängt. Dann reisen sie nach Triest, von wo sie mit einem österreichischen Schiff in die albanische Hafenstadt Durazzo (Durrës) gelangen. Ihre Ankunft als Prinz Halim Eddine nebst Sekretär hatten die Hochstapler zuvor telegrafisch angekündigt.

Hyperaktiver Monarch

Der albanischstämmige Interimsregent Essad Pascha sinkt vor Otto auf die Knie. Mit Paraden, Feuerwerk, Ehrensalut und Rosenblätter streuenden Frauen huldigt man dem neuen Herrscher. Nach einigen Quellen fand hier die feierliche Krönung statt. Otto will aber in der Nachbetrachtung in einem Triumphzug, flankiert von Tausenden jubelnder Menschen, nach Tirana gefahren sein - und erst dort die Krone erhalten haben. Dumm nur, dass Tirana erst sieben Jahre später zur Hauptstadt erhoben wurde.

Auf jeden Fall nimmt "Prinz Etti" (so spricht Witte, der nach eigener Einschätzung sämtliche Sprachen und Dialekte des Balkans beherrscht, den Namen seines Alter Ego aus) den westlichen Herrschernamen Otto I. an. Solch diplomatische Finesse findet in ganz Europa dankbare Anerkennung. Als erste Amtshandlung ernennt Otto Kumpel Max zum Minister, setzt Regierung und Generalstab ein, gibt Pläne für Kriege gegen Montenegro und Serbien in Auftrag und lässt einen Aufstand niederschlagen. Dann entschwindet er in den eigens für ihn eingerichteten Harem, der elf der schönsten minderjährigen Töchter des Landes beherbergt.

Wittes Grab im Parkfriedhof von Hamburg-Ohlsdorf.
© Foto: Wikimedia

Die Sache mit dem neuen Potentaten spricht sich in Windeseile herum und erreicht auch das Ohr des echten Halim Eddine. Der lässt wissen, ER sei nicht zum König gekrönt worden. Und verlangt Aufklärung. Nun, am 19. Februar, wird es für Otto höchste Zeit zu verschwinden. Er und sein Minister Max verkleiden sich als Bettler, nehmen so viel vom Staatsschatz mit, wie sie schleppen können, und verlassen das Land der Skipetaren mit einem Fischerboot in Richtung Italien.

Da die Schauplätze der Balkan-Köpenickiade damals durch serbische Truppen besetzt waren (und die Geschichte folglich so nicht stattgefunden haben kann), versuchte Witte sein Abenteuer später in den August 1913 zu verlegen - ohne dafür Gehör zu finden. Presse und Publikum liebten die ursprüngliche Version. Otto führte zwischenzeitlich eine Abdeckerei, machte allerlei Handelsgeschäfte und gründete 1921 im Rheinland und in Hessen (wo er mittlerweile auch wohnte) die "Partei für den Mittelstand, die Bauern, Kleinhändler und Schausteller". Später stellte er großzügig seine politischen Ambitionen hintan, "da er Hindenburg keine Konkurrenz machen wollte".

Künstlername "König"

Die Behörden erkannten den Titel "Ehemaliger König von Albanien" als Künstlername an. Ottos Pass trug diesen Zusatz im Kaiserreich, während der Weimarer Republik, der Nazizeit und in der Bundesrepublik. Im Übrigen tingelte er weiterhin durch die Zirkuswelt, verkaufte seine Geschichte als "der größte Weltabenteurer" und trat gemeinsam mit seiner schmucken Tochter "Prinzessin Elfriede" als orientalischer Edelmann auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ er sich in Hamburg und im Norden Berlins nieder.

1956 sorgte er noch einmal für Schlagzeilen, als die amerikanische Filmschönheit Grace Kelly den Fürsten Rainier III. von Monaco ehelichte. Otto I. schrieb einen beleidigten Brief, weil er nicht zur Hochzeit eingeladen worden war.

Otto Witte starb am 13. August 1958 in Hamburg und wurde im berühmten Parkfriedhof des Stadtteils Ohlsdorf begraben, wo u.a. auch Hans Albers, Gustaf Gründgens, Wolfgang Borchert oder Tierparkgründer Carl Hagenbeck ihre letzte Ruhestatt fanden. Auf Otto Wittes Grabstein ist vermerkt: "Ehemaliger König von Albanien".

Nachsatz zur realen Historie: Prinz Halim Eddine wurde nicht König von Albanien. Vielmehr wurde Wilhelm Friedrich Heinrich Prinz zu Wied 1913 von den Großmächten zum Fürsten von Albanien bestimmt.

Im März 1914 betrat dieser albanischen Boden. Die Einheimischen mochten den Regenten, einen deutschen Protestanten, jedoch nicht. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs verließ er den kleinen Balkanstaat für immer. Abgedankt hat er nie.

1928 erhielten die Albaner dann doch noch einen lokalen Adeligen als König: Ahmed Zogu I. Dem wurde, wie seinem falschen Amtsvorgänger, ein Hang zu schrägen Superlativen nachgesagt. So will er pro Tag 240 Zigaretten geraucht haben. Das macht 10 Zigaretten pro Stunde. Also alle sechs Minuten eine. Ohne Pause. Zum Schlafen kann er so nicht gekommen sein. . .

Ulrich Zander, geboren 1955, lebt als freier Journalist in Berlin und ist spezialisiert auf historische, insbesondere kriminalhistorische Themen.