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Kopftuch und Jungfernhäutchen

Von Alexander U. Mathé

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Eine ägyptische Journalistin prangert die frauenfeindlichen Systeme in der Arabischen Welt an.


Wie frustrierend muss es sein, im Verband für die Freiheit zu kämpfen, zu gewinnen und letztlich zu realisieren, dass sich an der persönlichen Freiheit nichts geändert hat? Als während des Arabischen Frühlings ein Land nach dem anderen seine Machthaber stürzte und das politische System aufbrach, waren Frauen mit an vorderster Front der Proteste. Doch nachdem sich der Wirbel gelegt hatte, waren sie in derselben Situation wie vorher. Eine Ungerechtigkeit, die Mona Eltahawy nicht müde wird, hinauszuschreien. "Wir arabischen Frauen leben in einer Kultur, die uns grundsätzlich feindlich gegenüber steht", erklärt die gefeierte Journalistin aus Ägypten. Die 48-Jährige hat für mediale Schwergewichte wie die Nachrichtenagentur "Reuters", die Zeitungen "The Guardian" und "Washington Post" oder auch die "BBC" gearbeitet. Sie berichtete 2011 live von den Protesten am Tahrir-Platz in Kairo. Dort wurde sie von der Polizei verhaftet, eingesperrt und misshandelt - auch sexuell. Mit gebrochenem Arm und einer einer doppelt gebrochenen Hand wurde sie schließlich aus dem Gefängnis entlassen. Wenn sie heute durch die arabische Welt reist, sieht sie nach wie vor die Unterdrückung der Frauen.

"Wir werden auf das reduziert, was wir auf dem Kopf haben, und das, was wir zwischen den Beinen haben", sagt Eltahawy. Und genau darum geht es auch in ihrem neu erschienen Buch "Headscarf and Hymen" (Kopftuch und Jungfernhäutchen). Deutscher Titel: "Warum hasst Ihr uns so?" Die Unterdrückung erfolgt systematisch und auf allen Ebenen: Staat, Straße, Heim. So schreibt Eltahawy über Jordanien, wo Männer nicht wegen Vergewaltigung verurteilt werden, wenn sie das Opfer heiraten. Sie schreibt über Ägypten, wo Mädchen auf der Straße dermaßen bedrängt werden, dass sie von ihrer Familie mit einem Ausgangsverbot belegt werden. Und sie schreibt über den Libanon, wo kürzlich der Paragraf zu Vergewaltigung in der Ehe abgeschafft wurde. Eltahawy, die im Alter von 7 Jahren mit ihren Eltern nach Großbritannien zog, wurde im Alter von 15 Jahren traumatisiert. Da zog die Familie weiter nach Saudi Arabien. Ihre Mutter, die bis dahin die Familienversorgerin war, war auf einmal völlig entrechtet. Sie durfte nicht Auto fahren, war völlig abhängig vom Vater.

"Als Frau hast Du in Saudi Arabien nur zwei Möglichkeiten: Entweder du wirst verrückt - das ist mir zuerst passiert, weil ich in eine tiefe Depression verfallen bin - oder Du wirst Feministin" , sagte sie gegenüber dem "Guardian". Ein wenig skeptisch steht sie westlichem Beifall gegenüber. Kommt er doch manchmal von Menschen, die dahinter lediglich ihre Islamfeindlichkeit verstecken. Und letztlich geht es für sie in allen abrahamitischen Religionen darum, die Sexualität der Frau zu kontrollieren. Um das zu bekämpfen, brauche es schon eine sexuelle Revolution, ist Eltahawy überzeugt.