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Körper statt Kommunismus

Von Anton Holzer

Reflexionen

Von der Propaganda zur eigenständigen Kunstform: Die österreichische Kulturwissenschafterin Ingrid Fankhauser präsentiert in einem Studienband die Geschichte und Gegenwart der kubanischen Fotografie.


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Im Dezember 2013 war der amerikanische Präsident Barack Obama zur Trauerfeierlichkeit Nelson Mandelas nach Südafrika gereist. Am 10. Dezember dieses Jahres entstand eine denkwürdige Aufnahme, die um die Welt ging: Der amerikanische Präsident schüttelte am Rande der Veranstaltung dem kubanischen Präsidenten, Raúl Castro, kurz die Hand. Nach fünf Jahrzehnten der Feindschaft war dies ein erstes, äußeres Zeichen der Annäherung.

Fast genau ein Jahr später, am 17. Dezember 2014, verlautbarte Barack Obama, die Beziehungen zu Kuba normalisieren zu wollen. "These 50 years have shown that isolation has not worked", war der zentrale Satz seiner Rede. Die Ankündigung Obamas kam einem politischen Erdbeben gleich. Die über fünf Jahrzehnte währende Gegnerschaft der beiden Länder begann zu bröckeln. Nach monatelangen Geheimverhandlungen war eine Freilassung von politischen Gefangenen vereinbart worden. Die Öffnung des Landes und der zögernde Beginn einer Zusammenarbeit zeichnen sich (trotz des nach wie vor geltenden Embargos) ab.

Politische Ikone Che

Der tiefe Einschnitt in den amerikanisch-kubanischen Beziehungen ist ein guter Anlass, das gesellschaftspolitische Experiment in der Karibik Revue passieren zu lassen. Genau das hat die Kulturwissenschafterin und Kubaspezialistin Ingrid Fankhauser in einer neuen Publikation gemacht. "Mi cuerpo es mi país", so der Titel ihre Studie, widmet sich nicht der Geschichte Kubas als Ganzem, sondern der Rolle der Fotografie, die diese seit den Jahren der Revolution eingenommen hat.

Besonderes Augenmerk legt die Autorin auf die jüngeren Vertreter der kubanischen Fotoszene und die künstlerische Fotografie der Gegenwart. Das Buch, das Ende 2014 erschien, trägt der jüngsten epochalen Wende in den amerikanisch-kubanischen Beziehungen noch nicht Rechnung. Das tut dem Wert der Publikation freilich keinen Abbruch: denn sie bietet, genau an der Schwelle zu einer neuen Epoche, einen differenzierten Rückblick auf die wechselvolle Kultur- und Fotogeschichte des Landes.

Es gibt ein Foto, das wie kein anderes stellvertretend für die kubanische Revolution steht: Alberto Kordas Aufnahme des Revolutionsführers Ernesto Che Guevara: Hoch geschlossene Jacke, das Gesicht vom Bart, dem wallenden Haar und der Baskenmütze umrahmt. Der Blick Ches ist in die Ferne gerichtet. Diese Aufnahme, die der Fotograf 1960 während einer Trauerfeier im Hafen von Havanna aufnahm, entwickelte ein allseits bekanntes Nachleben.

Als der Fotograf den Abzug in den 1960er Jahren dem italienischen Verleger Giangiacomo Feltrinelli schenkte, der Sympathien für die revolutionäre Linke hatte, konnte er von der bevorstehenden massenhaften Verbreitung des Motivs noch nichts ahnen. Seit dem frühen Tod des Revolutionärs, der 1967 in Bolivien erschossen wurde, begann das Motiv weltweit zu zirkulieren. Zunächst als Plakat, das Feltrinelli in Umlauf brachte, bald in millionenfacher Vervielfältigung als Ikone der linken und alternativen Bewegungen in den 1970er und 80er Jahren - und später als politisch entleertes Signet, das T-Shirts und allerlei Souvenirs zierte.

Dieses Foto freilich verstellt den Blick auf die kubanische Fotografie eher als dass es sie erhellt. Denn Korda war, wie Fankhauser zeigt, keineswegs der einzige wichtige Fotograf, der das Bild der kubanischen Revolutionszeit prägte. Als er 1956 zusammen mit einem weiteren Fotografen in Havanna das Fotoatelier "Korda Studios" gründete, war die politische Revolution noch nicht in Sicht. Korda orientierte sich an den großen kubanischen Fotografen der Zwischen- und Nachkriegszeit, etwa an Constantino Arias Miranda, der mit seinen Reportagen im sachlichen Dokumentarstil die Entwicklung und Veränderung des Landes festgehalten hatte.

Revolutions-Fotografie

In der Silvesternacht des Jahres 1958 hatte der kubanische Diktator Fulgencio Batista unter dem Eindruck militärischer Erfolge der Revolutionäre das Land fluchtartig verlassen. Am 8. Jänner 1959 zogen die Führer des Aufstandes, Fidel Castro und Che Guevara, mit ihren siegreichen Truppen in Havanna ein. Die Revolution hatte gesiegt. Der Versuch einer militärischen Invasion der USA in der sogenannten "Schweinebucht" wurde im April 1961 zurückgeschlagen.

Im ersten Jahrzehnt des neuen Regimes wurde, so Fankhauser, die Fotografie als Teil einer kulturellen und politischen Aufbruchsbewegung und als populäres, "volksnahes" Medium gesehen. Fotografen wie Alberto Korda, Raúl Corrales oder Osvaldo und Roberto Salas trugen dazu bei, den revolutionären Führern des jungen Regimes ein heldenhaftes fotografisches Gesicht zu verleihen.

Auf diese bildlichen Hymnen auf das Personal der Revolution folgte in den 1970er Jahren die stärkere Hinwendung zu Themen des Alltags. Nun wurde von Fotografen wie Enrique de la Uz, Ivan Cañas oder José A. Figueroa dem einfachen "Volk", das in der offiziellen Lesart die Revolution getragen hatte, ein Denkmal gesetzt, indem einzelne Vertreter, ihre Arbeit und ihr Alltag in Sozialreportagen geschildert wurden.

Öffnung, Abschottung

In den 1970er Jahren war der revolutionäre Elan bereits der starren kommunistischen Bürokratie, dem Dogmatismus, der Kontrolle und Zensur gewichen. Die Freiräume für die Kultur insgesamt und auch für die Fotografie wurden kleiner, Fotoateliers verstaatlicht oder geschlossen.

Gegen Ende dieses Jahrzehnts entstand eine neue geistige und kreative Freiheit. 1976 wurden die Kunstuniversität und das Kulturministerium gegründet, und 1978 gründete die Fotografin María Eugenia Haya (Marucha) die "Fototeca de Cuba" in Havanna, die schließlich mit maßgeblicher Unterstützung des Staates zur wichtigsten Fotoeinrichtung des Landes wurde. Hier werden bis heute wichtige historische Fotoarchive des Landes aufbewahrt.

Die Geschichte Kubas ist seit der Revolution von teils heftigen Pendelbewegungen zwischen vorsichtiger Öffnung und Abschottung geprägt. Als kommunistische Vorhut des sowjetischen Blocks litt das Land im Kalten Krieg unter den Wellen westlicher Blockaden. Auf Phasen des Aufbruchs folgten solche der Stagnation. Das betrifft auch die Fotoszene. Während es in den 1980er Jahren zu einem erneuten Aufschwung kam, folgte in den 90er Jahren wieder der Absturz in die gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Lähmung. Unter dem Eindruck der implodierten Schutzmacht Sowjetunion kam es in der Kultur- und Fotoszene erneut zur Krise, die vor allem die professionelle Fotografie traf: Ateliers wurden geschlossen, Fotomaterial war teuer und kaum zu bekommen.

Neue Hoffnung

Spätestens in den 1980er Jahren hatten sich die jungen Fotografen in ihren Themen und ihrer Arbeitsweise von den Heroen der ersten Revolutionsjahre abgewandt. Viele von ihnen studierten an den Kunstuniversitäten und verstanden sich nicht mehr als Fotojournalisten, sondern als Fotokünstler. In den letzten Jahren hat sich die Situation der Fotografen wieder stabilisiert.

Die vorsichtige Öffnung des Landes nach dem Abtritt des schwerkranken Fidel Castro im Februar 2008 ließ unter vielen kubanischen Fotografen neue Hoffnung aufkommen. Während die großen staatlichen Museen weiterhin an der altehrwürdigen klassischen Fotografie festhielten, boten junge Kunstgalerien der jungen Fotoszene eine neue Öffentlichkeit. Die kubanische Gegenwartsfotografie fand allmählich wieder Anschluss an die internationale Fotoszene.

Die jüngere kubanische Fotografie hat, so konstatiert Ingrid Fankhauser, die Epoche der heroisch-propagandistischen Fotografie der frühen Revolutionszeit hinter sich gelassen. Nicht mehr die Revolution, der Kommunismus oder das mythenumrankte Volk sind nun Thema und Schauplatz der Fotografie, sondern der menschliche Körper in all seinen Prägungen. Die Themen der gegenwärtigen kubanischen Fotografie - zu denen Künstler wie René Peña, Jorge Luis Àlvarez Pupo, Juan Carlos Alom, Eduardo Hernández Santos oder Alain Pino gehören - schließen an kritische Diskurse der internationalen Kunstszene an. Es sind Fragen der Identität, des Rassismus, der Religion oder des Geschlechts. Aber auch magische, mystische und traditionell-archaische Elemente finden Eingang in die zeitgenössische kubanische Fotokunst. Erstmals haben sich nun auch Frauen ihren Platz in der Kunstszene erobert, wie etwa Marta Maria Pérez oder Cirenaica Moreira.

Nach der spektakulären Kehrtwende in den US-amerikanisch-kubanischen Beziehungen stehen die kubanischen Künstler nun vor neuen Herausforderungen. Wie die Fotografen auf diese neue politische Situation reagieren, werden die nächsten Monate und Jahre zeigen.

Ingrid Fankhauser: Mi cuerpo es mi país. Der
Körper als Schauplatz in der aktuellen kubanischen Fotografie. LIT
Verlag, Wien, Berlin 2014, zahlreiche Abb. in Farbe und S/W, 24,90 Euro.