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Körpersignale

Von Rotraud A. Perner

Wissen

Wann immer ich Seminare und Workshops zum Thema "Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz" abgehalten habe, wurde ich mit den verzweifelten Fragen verunsicherter Schreibtischcharmeure konfrontiert: "Ja, woran soll ich denn merken, dass sich eine Frau belästigt fühlt?" Ich habe dann oft zurückgefragt: "Ja, wollen Sie das denn überhaupt merken?" Daraufhin folgte meist verlegenes Schweigen.

Man braucht einen Menschen nur genau wahrzunehmen - wahr (!) zu nehmen -, dann merkt man schon deutlich genug, ob sich diese Person wohlfühlt oder nicht. Auch ohne Intensivschulung in NLP! Dort lernt man nämlich unter anderem, exaktest zu beobachten - allerdings trauen sich das dann die wenigsten im Alltag einzusetzen, weil sie nicht "aufdringlich" wirken wollen... und genau diese rücksichtsvolle Zurückhaltung wäre auch beim vorgeblichen sexuellen Umtändeln angebracht!

Vorgeblich deshalb, weil der Unterschied zwischen Flirt und sexueller Belästigung das bedrohliche Machtungleichgewicht ist, das vielfach unbewusst verleugnet oder bewusst abgestritten wird. Transaktionsanalytisch gesprochen: wenn zwei im Zustand des heiteren "Kindheits-Ich" miteinander blödeln, sich necken, sozusagen miteinander "spielen", kann das als Flirt durchgehen - in der Freizeit. Nicht am Arbeitsplatz! Denn mit Ausnahme eines einzigen Berufs wird man ja nicht für sexuelle Dienstleistungen oder Tauschgeschäfte bezahlt.

Agiert aber einer aus dem machtgewohnten "Eltern-Ich", besteht immer die Gefahr, dass die andere Person komplementär aus dem sogenannten angepassten "Kindheits-Ich" reagiert - eingeschüchtert still hält, verwirrt blockiert ist oder sich "brav" unterwirft. Rebellisches Aufbegehren wird üblicherweise sogar noch in der Pubertät - der Zeit, in der die Ablösung von den Elternidealen geschehen sollte - abgewürgt, weil Eltern ihre Erziehungskompetenz noch immer an der Gehorsamkeit ihrer Kinder ablesen und nicht an deren Mut zu Widerstand und Eigenständigkeit.

"Ja, warum hat sie sich denn nicht gewehrt?" lautet oft die naive Frage derjenigen, die erfahren, dass irgendwo ein Vorgesetzter wegen sexueller Belästigung, Nötigung oder anderer Gewalttaten verurteilt wurde. Das Fehlverhalten der mächtigen Person wird nicht kritisiert, sondern die Ohnmacht der Machtlosen - ein Mechanismus, der auch im Umgang mit sexuell ausgebeuteten Kindern oder vergewaltigten Menschen immer wieder zu beobachten ist. Würde man sich nämlich an die Seite dieser Gewaltopfer stellen, hieße das, den Gedanken zuzulassen, dass man selbst auch in Situationen kommen könnte, in denen das gewohnte Repertoire der Selbstverteidigung versagt!

Tagtäglich werden wir von Klischeebildern dienstbarer Weiblichkeit umgaukelt und damit mit Fantasien genährt, was "richtiges" weibliches Verhalten männlichen "Machern" gegenüber wäre. Diese geheimen Erziehungsprogramme stammen noch aus dem 19. Jahrhundert, als Frauen nur in der Ehe oder "im Dienst" Existenzsicherung erlangen konnten und Eltern froh waren, wenn sie ihre Töchter aus dem Haus und weg vom Esstisch bekommen hatten. Tüchtig im Haushalt sollten sie sein, die am Heiratsmarkt angebotenen Mädchen, und brav - ohne Widerrede. Denn welche war schon so schön, dass sich einer "der Widerspenstigen Zähmung" antun wollte?

Die heutige Arbeitswelt braucht nicht nur neue Männer mit sozialen Kompetenzen - vor allem Respekt vor den ganz Anderen - sondern auch neue Frauen, die von vornherein klar stellen, dass sie nicht auf Männerfang aus sind und - einander beistehen, wenn das Ewiggestrige nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Es gehört zu den Fürsorgepflichten des Arbeitgebers, darauf zu achten, dass Mitarbeiter/innen ungestört arbeiten (können), und nicht durch unerwünschte - oder auch erwünschte - "Zuwendung" abgelenkt werden.