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Körpersprache: Wie schlagen sich die Spitzenkandidaten?

Von Daniel Bischof

Politik

Ein untalentierter Kurz, eine falsche Rolle für Rendi-Wagner: Experte Stefan Verra analysiert die Körpersprache der Kandidaten.


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"Wiener Zeitung": Warum ist die Körpersprache eines Politikers von Bedeutung?

Stefan Verra: Das Parteiprogramm ist enorm wichtig. Damit allein gewinnt man aber keine Wahlen. Es braucht jemanden an der Spitze, der die Emotionen der Wähler trifft. Sind die Menschen auf die Regierung angefressen, muss ein Oppositionspolitiker das mit seiner Körpersprache widerspiegeln - und zwar deutlich. Dadurch fühlen die Unzufriedenen: "Der hat meinen Ärger verstanden!"

Wie schneidet hier SPÖ-Spitzenkandidatin Pamela Rendi-Wagner ab?

Rendi-Wagner hat die Körpersprache eines Alphas. Sie ist souverän, erhaben, blickt gerade und klar in die Kameras. Für eine Vorstandsvorsitzende oder eine Bundeskanzlerin ist das wunderbar, nicht aber für die Oppositionsrolle. Die Wähler, die auf die türkis-blaue Regierung angefressen sind, holt sie mit dieser Zurückhaltung und Intellektualität nicht ab. Dem Arbeiter in Simmering hält sie die Tür zur SPÖ verschlossen.

Also müsste Sie mehr auf den Tisch hauen?

Ihr wurde offenbar geraten, mehr aus sich herauszugehen. Und dadurch kam es zu etwas befremdlichen Auftritten. Denn wenn ein Mensch etwas macht, das nicht seinem Temperament entspricht, wirkt das unbeholfen. Rendi-Wagner ist einfach keine, die auf den Tisch haut. Aus meiner Sicht hätte sie diese Rolle nicht annehmen dürfen. Da ist Beate Meinl-Reisinger ein anderes Kaliber. Ihre Auftritte haben eine unglaubliche Kraft.

Warum?

Wenn wir zornig sind, schiebt sich der Unterkiefer nach vorne. Bei Meinl-Reisinger geschieht das von Haus aus. Sie hat einen kräftigen Unterkiefer, der ein bisschen nach vorne geschoben ist. Sie macht immer kleine, zackige Handkantenschläge und beutelt ihre Worte mit einem Kopfschütteln hinaus. Sie sagt dann Sachen wie: "Net bös’ sein, aber das haben wir jetzt schon jahrelang besprochen." Das sind die Bewegungen und Worte der Opposition.

Sie kanalisiert sozusagen den Zorn der Angefressenen?

Ja, denn wer im Wirtshaus sitzt und mit der Regierung unzufrieden ist, macht die gleichen Bewegungen, sagt das Gleiche. Natürlich haben die Neos eine zu kleine Parteibasis, um in einen relevanten Bereich zu kommen. Aber von der Körpersprache her holt Meinl-Reisinger die Angefressenen besser ab als Rendi-Wagner.

Wie lässt sich ÖVP-Spitzenkandidat Sebastian Kurz einordnen?

Kurz wiegt uns in Sicherheit. Seine Bewegungen sind langsam und sehr eng am Körper. Wenn er spricht, formt er seine Hände oft so, als würde er eine Salatschüssel halten. Das beruhigt, schläfert manchmal aber fast schon etwas ein. Zudem wirkt er damit eher alt, was wiederum erklärt, warum seine Worte so überlegt wirken. Insgesamt ist Kurz körpersprachlich kein überragendes Talent.

Inwiefern?

Es ist sehr einfach, ihn aus der Rolle zu bringen. Solange er auf etwas vorbereitet ist, macht er das wunderbar. Mit einer unerwarteten Situation kann er aber nicht selbstbewusst genug umgehen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Als EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker ihn mit einem Bussi links und rechts begrüßte, ist Kurz knallrot angelaufen und hat unbeholfen reagiert. Er ist auch körpersprachlich aus der Rolle gefallen, als er darauf angesprochen wurde, dass er mit Tal Silberstein (umstrittener Politikberater, Anm.) einmal im Flugzeug gesessen ist und ein längeres Gespräch geführt hat. Jörg Haider hätte in dieser Situation das Ruder schnell herumgerissen - dank seiner körpersprachlichen Vielfalt.

Macht diese Vielfalt eine gute Körpersprache aus?

Ja. Eine Person muss so viele Verhaltensmöglichkeiten haben, dass sie selbstbewusst aussteigt, wenn sie mit einer Grenzüberschreitung oder einem unangenehmen Vorwurf konfrontiert wird.

Wer ist hier ein Vorbild?

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zum Beispiel. Er kann mit einem Donald Trump, einem Boris Johnson und einem Wladimir Putin gleichermaßen souverän umgehen. Wenn Macron auf einem Parkplatz zu reden beginnen würde: Innerhalb kürzester Zeit würden aufgrund seiner körpersprachlichen Wirkung 25 Personen bei ihm stehen.

Gehen wir zurück nach Österreich. Wie sehen Sie Spitzenkandidat Norbert Hofer (FPÖ)?

Bei Hofer wirkt alles so wahnsinnig kontrolliert. In ihm brodelt innerlich eine Energie, die einfach nicht rauskommt. Man hat das Gefühl, dass er gerne lauter sprechen würde, er sich aber zurücknimmt. Diese Harmlosigkeit kauft man ihm nicht ab. Er hat auch eine unglaublich subtile Aggressivität in seinem starren Blick. Hier hat die FPÖ generell ein Problem.

Wie meinen Sie das?

Die FPÖ-Wähler sind vielfach Protestwähler. Heinz-Christian Strache hat das mit seiner zackigen, hochfrequenten Körpersprache gut abgefangen. Wenn Hofer nun so ruhig und verbindlich daherkommt, wo fühlt sich der Angefressene da noch beheimatet? Das zerreißt die FPÖ, auch wenn ein relativ gutes Wahlergebnis das vielleicht überdecken wird.

Wie steht es um den grünen Spitzenkandidaten Werner Kogler und Peter Pilz von der Liste Jetzt?

Sie unterscheiden sich von den restlichen Kandidaten. Beide sind anderes gekleidet, sie buhlen nicht um Eleganz. Sie sind älter und langsamer in ihrer Körpersprache, Kogler schaut fast schon grantig drein. Es ist auch von Vorteil, wenn alle hektisch sind, und Pilz und Kogler die Ruhe symbolisieren. Eine gar nicht so kleine Zielgruppe, die keine geschleckten Typen will, fühlt sich da verstanden. Pilz hat aber insofern ein Problem, als er bei der letzten Nationalratswahl noch der einzige Kandidat war, der diese Körpersprache hatte. Dieses Alleinstellungsmerkmal hat er nun aber verloren.

Schöpfen die Grünen denn ihr Potenzial aus?

Nein. Ich glaube, dass Kogler mit seinem Auftreten außerhalb der grünen Stammwählerschaft nicht unbedingt die Massen erreicht. Man merkt ihm auch an, dass er im Fernsehen nervös ist, er kann keinen Augenkontakt halten, schaut schnell nach unten. Das ist schlecht, es erzeugt keine Verbindung.

Die Grünen in Deutschland sind da schon weiter - mit Politikern wie Winfried Kretschmann (Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Anm.). Er ist ein knorriger Typ und erreicht nicht nur grüne Stammwähler: Er vermittelt mit seiner Körpersprache, dass er denen in Berlin zeigt, wie es geht. Der haut auf den Tisch, der wird auch mal laut. Mit seinem strengen Blick gibt er seinen Worten Gewicht.

Sie leben seit geraumer Zeit in München. Wie beurteilen Sie die Körpersprache der deutschen Politiker?

Generell ist das körpersprachliche Niveau in Österreich etwas höher als in Deutschland. Die neue CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer ist körpersprachlich ein Desaster. Sie punktet weder mit Sympathie noch erscheint sie besonders kompetent. Mittlerweile wartete die Öffentlichkeit nur noch darauf, sie wieder in ein Fettnäpfchen treten zu sehen. Fehler passieren zwar, wer es aber nicht geschafft hat, vor diesen Fehler eine Bindung aufzubauen, der wird abgestraft.

Was ist mit der Alternative für Deutschland (AfD)?

Die AfD hat ja keine Talente an der Spitze. Sie hat keine Menschenfänger wie Jörg Haider, ja nicht einmal einen Strache. Alice Weidel und Alexander Gauland sind (führende AfD-Politiker, Anm.) körpersprachlich untalentiert. Die Stärke der AfD sagt weniger über die AfD als über die anderen Parteien aus: Wie schwach müssen sie sein, dass sie derart durchschnittlichen Präsentatoren nichts entgegenzusetzen haben?

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

An den Parteistrukturen. Sie lässt zu selten Talente nach vorne. Viele, die vor Energie explodieren, werden kleingemacht. Es kommen die Menschen an die Spitze, welche die Körpersprache der Gremien sprechen. Damit schaufeln sich die Altparteien ihr eigenes Grab. Sie treten gegenüber Bewegungen zurück, wie der Fünf-Sterne-Bewegung Beppo Grillos oder La République en Marche von Macron. Das kann aber wiederum problematisch sein: Denn diese Bewegungen gründen vielfach auf keinem stabilen Fundament. Sie bieten den Menschen keine Stabilität und Sicherheit.