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Koryphäe im Zwielicht

Von Edwin Baumgartner

Wissen

Hans Heinrich Eggebrechts NS-Vergangenheit nachgewiesen. | Täterschaft im Massaker von Simferopol ist umstritten. | Frankfurt/Wien. Zuerst ein Schock, dann Unglaube, doch zunehmend häufen sich die Hinweise: Hans Heinrich Eggebrecht (1919-1999), der herausragende Musikwissenschafter des deutschen Sprachraums nach 1945, der die Werke Gustav Mahlers propagierte und im Unterschied zu gleichaltrigen Fachkollegen stets ein brennendes Interesse an der Neuen Musik hatte, war möglicherweise ein NS-Kriegsverbrecher.


Die Vorwürfe sind nicht neu: Der derzeit an der Frankfurter Goethe-Universität lehrende Musikwissenschafter Boris von Haken erhob sie bereits im Vorjahr. Nun, da die Veröffentlichung von Hakens Buch "Holocaust und Musikwissenschaft - Biografische Untersuchungen zu Hans Heinrich Eggebrecht" bevorsteht, kocht die Sache abermals hoch.

Zuverlässiger Nazi

Zur Feldgendarmerie kamen nur ideologisch zuverlässige Nationalsozialisten. Tatsache ist, dass Eggebrecht bei jener Feldgendarmerie-Abteilung war, die 1941 bei der Eroberung der Krim eingesetzt wurde. Am 14. November 1941 erreichte sie Simferopol. Vom 9. bis 13. Dezember 1941 verübte die SS-Einsatzgruppe D ein Massaker an mindestens 5000 Menschen aus Simferopol. Da die SS-Einsatzgruppe personell unterbesetzt war, wurde sie von jener Feldgendarmerie-Einheit unterstützt, deren Mitglied Eggebrecht war.

Doch Hakens Argumentationslinie, die von den meisten Medien der Bundesrepublik mitgetragen wird, ist auf musikwissenschaftlicher Seite nicht unwidersprochen. Die Hamburger Musikwissenschafterin Claudia Maurer-Zenck etwa bezweifelt, dass Eggebrecht zum Zeitpunkt des Massakers Dienst tat. Er sei, so Maurer-Zenck, dienstbefreit gewesen, um sich auf die Unteroffiziersprüfung vorzubereiten.

Auch der Hamburger Musikwissenschafter Friedrich Geiger zweifelt an Hakens Anklage gegen Eggebrecht: Geiger wirft Haken vor, von der Maximalschuld Eggebrechts auszugehen und die Argumentation dem Ziel des Schuldbeweises unterzuordnen, ohne mögliche Gegenargumente angemessen zu berücksichtigen. Geigers knallharte Formulierung: "Seit Hakens Forschungen wissen wir somit, dass Hans Heinrich Eggebrecht im Zweiten Weltkrieg der Feldgendarmerieabteilung 683 angehörte, mit Sicherheit von Kriegsverbrechen auf der Krim wusste und wir nicht ausschließen können, dass er selbst in solche involviert war. Das ist bedrückend genug und hätte Anstoß zu einer notwendigen Diskussion über die Vergangenheit des Musikwissenschafters sein können. Doch damit wollte sich Haken offenkundig nicht begnügen, sondern eine Darstellung präsentieren, die Eggebrecht in der öffentlichen Wahrnehmung von einer unbescholtenen Fachkoryphäe zum Massenmörder machte. Der Vorwurf des Mordes jedoch, des Massenmordes zumal, darf ohne hinreichenden Beweis nicht erhoben werden."

Dass Eggebrecht ein zuverlässiger Nationalsozialist war, steht nach derzeitiger Lage der Fakten außer Frage. Ob ihm allerdings auch die Teilnahme an NS-Kriegsverbrechen bewiesen werden kann, wird Hakens Buch enthüllen, das im September erscheinen soll. Das Erscheinungsdatum hat der Verlag freilich schon einmal verschoben.

Link: Bundesarchiv, Bild 183-B18164