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Kosmische Antimusik

Von Oskar Aichinger

Reflexionen

Vom Gehen und Verweilen in Wien: Erkundung eines speziellen Biotops, des Weinhauses Sittl, wo das Altwiener Leben haust und still steht.


Auf den Wiener Gürtel kam ich zuallererst der Sünde wegen. Eine ganze Kindheit lang wurde mir in der Kirche die Sünde schmackhaft gemacht, sie erschien mir schließlich so attraktiv, dass ich lieber in der Hölle schmoren wollte als eine ganze Ewigkeit lang im Himmel langweilige Gesänge mit ebenso langweiligen Engeln zu singen, die ich mir in etwa so vorstellte wie die Biedermänner und -frauen in den Kirchenbänken vor, hinter und neben mir.

Sündigste Meile

Der Gürtel war weithin bekannt als sündigste Meile von Wien, ja von ganz Österreich, wo, wenn nicht hier, musste ich fündig werden. Tatsächlich stöckelte hier die Sünde in vielfacher Ausführung und in unzweifelhaft sündigem Aufzug gemächlich über das sündige Pflaster. Nach aufgeregter Annäherung entpuppte sie sich jedoch als herbe, ja niederschmetternde Enttäuschung.

Entweder stellte sie sich als sehr einfaches Mädchen mit breitem Slang und billigstem Parfüm heraus, sodass die Sünde auf der Stelle von ihm abfiel und direkt durch das sündige Pflaster hindurch in die Hölle verschwand oder ich ließ mich in ein Gespräch mit der Sünde verwickeln, in dessen Verlauf die traurige Geschichte hinter der Sünde auftauchte, Drogen, Gewalt, Migration, Armut, und die Sünde verwandelte sich in einen gefallenen Engel, der mein Mitgefühl erweckte.

So stand ich dummerweise höchst tugendhaft auf der sündigsten Meile von Wien und wusste nicht wohin. Ich brauchte dringend einen Zufluchtsort, wo ich das Erlebte verarbeiten, sprich vertrinken konnte, und so entdeckte ich die fremde Welt der sogenannten Gastarbeiter, die sich hier in einer Fülle von Balkan-Lokalen manifestierte. Anfangs wurde ich ein wenig skeptisch beäugt, wenn ich als einziger Inländer, als der ich hier flugs zum Ausländer mutierte, an der Schank stand. Doch mit der Zeit kam man ins Gespräch, radebrechte sich durch ein paar Geschichten, stieß die Gläser zusammen und verbrüderte sich schließlich in einer gemeinsamen Schnapsrunde.

So gewöhnte ich mir eine gewisse Regelmäßigkeit meiner Ausflüge in diese Welt an, in deren Mittelpunkt zunehmend die Musik stand. Ich kannte und bewunderte die Musik von Béla Bartók, eine Kunstmusik, oft basierend auf den Volksmusiken Ungarns und des Balkans, die ich hier erstmals ungeschminkt in ihrer Urform erleben konnte. Hier wurden oft Feste gefeiert, Geburtstage, Hochzeiten, Begräbnisse, bei denen meist aberwitzige Kapellen aufspielten, die in mir einen begeisterten Zuhörer fanden, die dies aber gar nicht verstehen konnten, weil diese Musik für sie doch völlig selbstverständlich war.

Am Ende war ich meist in ein Trinkgelage verwickelt, bei dem man sich gegenseitig einlud und hochlizitierte, was die Brieftasche wegen der Größe der Runden oft ähnlich belastete, als hätte ich mein Geld draußen mit den Schönen der Nacht verprasst. Die sogenannten Szene-Lokale verließ ich damals oft nach Stunden, ohne ein einziges Wort gewechselt zu haben, die New-Wave-Generation wollte cool und unnahbar erscheinen, hier aber war das pralle Leben und stieß mich nicht von seiner Seite, dafür bin ich noch heute dankbar.

Summen & Sirren

Irgendwann verschlug es mich dann auch ins nahe Weinhaus Sittl, hier hauste das Altwiener Leben, still und kaputt. Kaum hatte ich die Tür hinter mir zugemacht, nahm ich eine Art Summen oder Sirren wahr, ganz leise, aber doch vernehmbar, so als läge hier eine Art Antimusik in der Luft, so wie es Antimaterie gibt, von der ich schon gehört hatte.

Mag sein, dass es eine ganz profane Ursache in Form eines irgendwo versteckt laufenden Fernsehapparats gab, mag sein, dass es in meinem Kopf war, sozusagen als Widerhall des draußen tobenden Straßenlärms und nur für mich wahrnehmbar. Später verstieg ich mich zu dem Gedanken, hier, und nur hier könne man die kosmische Hintergrundstrahlung hören, ein Phänomen, das mich schon lange faszinierte und das ich mir als eine Art von Passepartout vorstellte, auf dem das Universum stattfindet.

Der Raum hatte etwas Sakrales an sich, ein paar verwahrloste Männer lungerten an der Theke und schwiegen, nur hin und wieder erhob sich eine raue Stimme wie zum Gebet, um um ein weiteres Glas des Göttertranks zu bitten, um einen weiteren Schritt in Richtung Nirwana. Nur einmal erlebte ich in diesen Tagen Lärm und Aufruhr im Sittl. Es war kurz vor Weihnachten, also in einer Zeit, in der Trinker unruhig werden, da einer, womöglich sogar mehrere Ruhetage bevorstehen.

Christbaum-Fight

Wahrscheinlich aus diesem Grund war das Lokal schon am Nachmittag gut gefüllt, man hatte für die freie Zeit vorzuarbeiten, da stürzte eine nicht mehr ganz nüchterne Dame mittleren Alters durch die Tür und bestellte lautstark ein Viertel Wein. Ihre sündige Vergangenheit war ihr deutlich anzumerken, in der Hand hielt sie einen offenbar soeben erstandenen Christbaum, den sie jetzt, da sie den ersten Schluck genommen hatte, mit einem Seufzer der Erleichterung neben sich stellte.

Ein paar Minuten später, bei Einbruch der Dämmerung, in einem Moment also, da im Sittl eine Art von blauer Stunde von besonderer Innerlichkeit einsetzt, platzte eine weitere Dame herein, mit der es sich ganz ähnlich verhielt wie mit der ersten, auch sie hatte, nebst einer Fülle von Paketen, einen Christbaum bei sich und ließ ihre ganze Last sofort mit großem Trara auf den Boden fallen. Die beiden waren offenbar verabredet, schienen sich auch gut zu verstehen, unterhielten sich aber in einer Lautstärke, die ich in diesem Haus für absolut unangemessen hielt.

Ein paar Viertel später hatte ihr Disput einen immer aggressiveren Charakter angenommen bis sie schließlich von ihren Sesseln aufsprangen und miteinander in offenen Streit gerieten. Eine hatte ihren Christbaum vor sich, den sie in höchsten Tönen pries, während sie den ihrer Kontrahentin heruntermachte. Daraufhin schnappte die andere den ihren, stellte ihn daneben und hob ihrerseits zu einer Lobpreisung ihres Baumes an: "Na, welcher ist denn jetzt größer, dichter, und überhaupt, schöner? Und noch dazu billiger als diese Witzfigur!"

Dabei trat sie mit dem Fuß gegen den Baum der anderen, die wiederum ihrerseits den ihren mit beiden Händen packte und mit ihm als Waffe und Schutzschild zugleich vorging. So hatte sich binnen Kurzem eine veri-
table Rauferei entwickelt, für die anderen Gäste eine willkommene Abwechslung, der sie amüsiert und mit fallweisen Zurufen folgten. Als dann schließlich auch Sessel als Kampfgeräte ins Spiel kamen und die Einrichtung des Lokals in Gefahr geriet, griff der Herr Kremser ein und beendete souverän die Auseinandersetzung. Die beiden Damen setzten sich brav hin und tranken weiter, als ob nichts gewesen wäre.

Viele Jahre später, ich hatte den Gürtel samt Balkan und Sittl längst aus den Augen verloren, kam ich als Zuhörer zu einem Konzert in die Gegend. Mittlerweile hatte sich in den Stadtbahnbögen eine kleine Lokalszene entwickelt, es musste zur Zeit des Booms der Wiener Elektronikszene gewesen sein, da hatte man vor einem der Lokale einen Glaswürfel aufgestellt, in dessen Inneren die Musiker beziehungsweise Laptop-Maschinisten agierten. Man konnte sie zwar sehen, was allerdings aufgrund ihrer Bewegungsarmut nicht sonderlich viel hergab, aber nicht hören, es sei denn, man setzte einen der vielen bereitstehenden Kopfhörer auf.

Das Ganze nannte sich folgerichtig ein Kopfhörerkonzert, das einigermaßen skurrile Setting war aber doch ein paar Assoziationen wert: In der Verkehrshölle des Gürtels ist Musik zwar machbar, aber praktisch nicht hörbar, daher muss man zu diesem Zweck die Luken dichtmachen, das Publikum muss sich vereinzeln, um via Kopfhörer zu folgen, das Konzert als unmittelbares Gemeinschaftserlebnis von Akteuren und Publikum ist nicht mehr möglich.

So weit konnte ich einigermaßen folgen, auch die ersten zehn Minuten mit einigermaßen geschlossenen Kopfhörern fand ich reizvoll, auf einmal war der Verkehrslärm weit weg und der Fokus richtete sich weg von den Autos hin zum gläsernen Kubus. Hin und wieder schwenkte der Blick zwar wieder zurück zur Straße, wo die Autos aber nur mehr als stumme Statisten agierten. Mit der Zeit begann mich allerdings die Musik zu langweilen, und mit abnehmender Konzentration und zunehmendem Ärger begann ich nach Alternativen zu suchen. Da fiel mir das Sittl mit seiner Antimusik ein, ich nahm erleichtert den Kopfhörer ab und wechselte flugs die Straßenseite. Kaum hatte ich die Tür geschlossen, stellte ich zufrieden fest, dass sich nichts verändert hatte, fast nichts.

Die Trinker waren an ihrem Platz, die Antimusik war da, nur hinter der Theke, mitten unter den Spirituosen, stand tatsächlich ein kleiner Fernseher, auf den die schweigenden Männer gebannt starrten. Es lief nicht etwa ein Fußballspiel, ein Thriller oder ein Western, sondern eine Ausgabe von "Universum", die sich dem Leben im Hohen Norden widmete: Robben, Eisbären, und, eben gerade, da ich auch begann hinzuschauen, Wale. Und als dann das erste Walfischbaby ins Bild kam, geschah etwas völlig Unerwartetes: Die stummen Männer begannen leise ein paar Worte zu sprechen, Dinge wie "So lieb!", "Aber schon ganz schön groß, der Bankert" oder "Ui, der hat einen Durst!", als es an der Mutter saugte.

Kaum war der Nachwuchs aus dem Bild, kehrte wieder Stille ein und nur mehr vereinzelt waren, wie üblich, die Bestellungen wie "Noch ein Bier!", "Ein Achterl!", "Ein Jägermeister!" zu hören. Aber tauchte wieder ein Junges auf, sei es von Grizzlybären, Elchen, Seelöwen, hob auch der zärtliche Singsang wieder an, um gleich darauf wieder zu verebben.

Ich hätte mir keine schönere und stimmigere Inszenierung vorstellen können, ohne dass eine solche je beabsichtigt gewesen wäre, das angestrengte Kunstwollen im Kubus da draußen war augenblicklich desavouiert. Es war übrigens mein erster Besuch im Sommer, für mich war das Sittl ein reines Winterlokal, ich kam gar nicht auf die Idee, im Sommer hierherzukommen.

Bei einem Gang zur Toilette, der einen unweigerlich ins Freie führt, entdeckte ich den Gastgarten und konnte mich vor Entzücken kaum fassen: Inmitten eines kleinen Innenhofs stehen unter einer riesigen, Schatten spendenden Akazie ein paar Tische, umrahmt von einem Biedermeierensemble, teilweise mit Pawlatschen, auf denen deren Bewohner, unter ihnen auch der Herr Kremser, Paradeiser, Paprika und Zucchini züchten. Das Pelikanstüberl ist ein separater Holzbau im Hof, auf dessen Dach sich der Garten von den Pawlatschen aus fortsetzt, ein wucherndes Blühen und Grünen, wie es in einem ländlichen Vorgarten nicht schöner sein könnte.

Es gibt kaum einen Ort, der die Bezeichnung Oase eher verdient als dieser hier, inmitten einer lärmenden Stein- und Asphaltwüste. Nur mehr als mildes Rauschen ist die wilde Jagd zu vernehmen, die draußen tobt, ein paar Vogelstimmen vermischen sich mit dem Gemurmel der Gäste und dem Klirren der Essbestecke, ein wunderbarer Platz, um den mitunter sehr heißen Wiener Sommer zu überdauern. Es gibt hier Amseln, Rotschwänze, kreischende Sittiche hinter offenen Wohnungsfenstern und auch ein paar Tauben, die man gewähren lässt und die sich dafür bedanken, indem sie sich anständig benehmen: kein aufdringliches Picken in Speiseresten, keine Fäkalien auf verdutzten Köpfen.

Wucherndes Wunder

Ich war nie ein Anhänger des heute üblichen Taubenbashings, gut, man braucht sie vielleicht nicht extra zu füttern, aber die Beschimpfung als fliegende Ratten haben sie nicht verdient. Woanders gelten sie als Sinnbild für die Liebe und stehen für eine zauberhafte Atmosphäre, man denke nur an die Tauben am Markusplatz in Venedig oder jene vor der St. Paul’s Cathedral in London, denen in "Mary Poppins" ein Denkmal gesetzt wurde.

Und überhaupt, meine Herrschaften: Tauben und Ratten gehören zu einer Stadt wie Huren und Taschendiebe. Werft sie nur ja alle hinaus, die euch nicht in den Kram passen, Menschen wie Tiere, und ihr werdet bekommen, was ihr verdient: eine sterile Ansammlung von Häusern mit sauberen, misanthropischen Insassen. Nein, nein, eine Stadt muss wuchern dürfen, samt ihren Bewohnerinnen und Bewohnern, all die pittoresken Altstädte, durch die man heute die Touristen schleust, sind so entstanden. Nehmt euch ein Beispiel an diesem kleinen, wuchernden Wunder hier!

Nebenstehender Text (und die Suite) sind Auszüge aus dem Buch "Ich bleib in der Stadt und verreise. Vom Gehen und Verweilen in Wien" des in Wien lebenden (Jazz-)Pianisten und Komponisten Oskar Aichinger, einem unorthodoxen, individuellen Wiener Reisebuch mit autobiografischen, historischen und philosophischen Zügen. (Picus Verlag, 196 Seiten, 20,- Euro, ab 11. 9.).

Das Buch wird am 14. September im Liebharstaler Bockkeller (Gallitzinstraße 1, 1160 Wien) präsentiert.

Allergen-Suite

Musik in der Art der Tonreihenbildung nach den Auflistungen der Allergene auf der Speisekarte des Weinhauses Sittl.

Text (und Tonsetzung in musikalischer Fassung): Oskar Aichinger

1. Leberknödelsuppe (AC)

lewaknedlsuppn, des is wos feins mein hea

do schwimd a lewaknedl in da suppn dahea

auf da nudlsuppn san scho vüle geschwuman

mia olladings vu gaunz woaundas kumman

2. Bauernschmaus (ACFGLM)

bauernschmaus des is da kompromiss

wiar a hoid bei uns so üblich is

schweinsbrodn, wiaschdl und a nu a gsöchds

is de inkarnation unsara koalition

3. Grillkotelette mit Pommes frites (G)

grillkotlett mit pom frit

a kriagl mit aquavit

ein viatal weiß apree

mein hea de wöd is sche

4. Faschierte Laibchen mit Petersilerdäpfeln (ACFGL)

faschiade laibchen mit bedersüerdepfen

und salat

de bim vua de fensda auf regnnosse gleis

_ _ _

des is is mei sölichkeid, des is mei

trost und rat do

mochd ma kana wos aundares weis

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5. Schweizer Schnitzel mit Pommes frites (ACFGHLMNO)

schweiza schnitzl mit pom frit

bringt viele allergene mit

drum bleim mia hoid doch beim wiena

wäus so gsund is, gschamsda diena

6. Marmeladepalatschinken (ACG)

marmeladepalatschinken

nimd de dame zu meina linken

moa im hemd nimd dea blasse hea

weid rechds vu mia sich zum desse