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Kosovo 2000: Wann ist ein Land kein Land?

Von Antonia Young

Politik

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Obwohl die Albaner 90 Prozent der Bevölkerung des Kosovo ausmachten, war von 1989 bis 1999 die offizielle Landessprache zuerst Serbokroatisch und dann Serbisch. Albanisch oder eine ausländische Sprache zu sprechen bedeutete, einen Angriff herauszufordern. Sogar sehr kleine Kinder waren sich dessen bewusst und mussten sich danach richten. Ausländer waren nicht willkommen. Auch für Journalisten war es besser, wenn sie vorgaben, sich für serbische Standpunkte zu interessieren.

Heuer fand ich im Kosovo die umgekehrte Situation vor. Ich besuchte eine albanische Frau, die ursprünglich aus dem serbischen Novi Pazar stammt. In ihrem Haus logiert eine albanische Studentin vom montenegrinischen Ulcinj. Albanisch ist die Muttersprache beider. Dennoch mussten sie serbokroatisch sprechen, weil sie in Gebieten wohnten, in denen es die vorherrschende Sprache war. Daher können sich die beiden Frauen heute tatsächlich besser serbokroatisch verständigen als in ihrer Muttersprache, denn ihre albanischen Dialekte weichen sehr stark voneinander ab. So unterhielten wir uns im Haus serbokroatisch. Ich fühlte mich wie gelähmt, als mir der Terror bewusst wurde, den es bedeutet, in der Sprache der Unterdrücker angesprochen zu werden.

Heute ist es Pflicht, dass jede Konversation im Kosovo albanisch geführt wird, obwohl auch Englisch akzeptabel ist. Das Ganze hat einen sehr ernsten Hintergrund, der noch nicht vergessen ist: Valentin Krumov, ein bulgarischer UNO-Mitarbeiter wurde letzten Oktober im Kosovo ermordet. An seinem ersten Tag im Einsatz. Albanische Jugendliche, die ihn verdächtigten, Serbe zu sein, fragten ihn in serbischer Sprache nach der Uhrzeit. Seine Antwort nahmen sie als Bestätigung, dass er ihr Feind war - und schossen.

Von 1989 an, als der Kosovo seine erst 1974 gewonnene Autonomie verlor, verschlechterten sich die Lebensbedingungen für Kosovo-Albaner drastisch. Tapfer behielten sie anfangs eine gewaltfreie Haltung bei und unterhielten parallele Institutionen, als ihre Ärzte, Lehrer und andere an die Luft gesetzt, und die Kinder von den Schulen verwiesen wurden.

Im Moment befindet sich der Kosovo in einer Übergangszeit zwischen unakzeptabler Unterdrückung und umstrittener Unabhängigkeit. Die Menschen spüren in allen Lebensbereichen die ständigen Spannungen. Zwar unter dem Schutz der UNO, aber ohne Regierung, da funktionieren die Gerichte nicht ordentlich und auch nicht die Post. Die an sich schon schwache Infrastruktur wurde schwerstens beschädigt, zuerst durch die serbische Armee und anschließend durch die Bomben der NATO. Die serbischen Landminen und die Streubomben der NATO fordern bis heute noch Menschenopfer.

Abgesehen von alldem spüren Kosovo-Albaner sicher eine immense Verbesserung ihrer Lebenssituation, während heute Serben, Roma und andere Minderheiten in ständiger Angst leben müssen. Es ist verständlich, dass nach so viel und so langem Leiden es einige gibt, die noch immer nicht damit beginnen können, zu vergeben und noch viel weniger damit zu vergessen. Es ist nur eine kleine Minderheit, die noch immer auf Vergeltung sinnt für die brutalen Morde an ihren Angehörigen. Nur einige wenige sind so verbittert, dass sie ihre albanischen Mitbürger angreifen, sobald diese die Idee einer multikulturellen Gesellschaft auch nur in Betracht ziehen.

Aber die Stärke dieser Gefühle, wenn auch nur von sehr wenigen, hat auf allen Ebenen Auswirkungen. In einer stabilen Gesellschaft formen Sprache und Kultur die Basis der Identität. Wenn wir das Glück haben, damit aufzuwachsen, können wir die Vielfalt der Welt unbeschwert kennenlernen, mit der Gewissheit, dass wir jederzeit zu unseren Wurzeln zurück kehren können. Aber leider trifft das für immer mehr Menschen immer weniger zu, da die moderne Kriegsmaschinerie gerade auf Unterdrückung, Vertreibung und schließlich das Töten von immer mehr Menschen, von immer größeren Massen gleichzeitig abzielt.

Antonia Young ist Lektorin an der Colgate Universität mit langjährigen Aufenthalten in Albanien.

Das Österreichische Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung (ÖSFK) ist ein privater, gemeinnütziger und parteiunabhängiger Verein zur Förderung von Friedensforschung, Friedenserziehung und Friedenspolitik. Schwerpunkte sind die Friedensuniversität und die Trainingskurse für zivile Konfliktbearbeitung.