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Kosovo-Premier als Organhändler?

Von WZ-Korrespondent Zarko Radulovic

Europaarchiv

Albaner soll in Auftragsmorde und Drogenschmuggel verwickelt sein. | Europäische Mächte als schweigende Mitwisser? | Pristina/Wien. Hashim Thaci, der starke Mann des Kosovo, ist oft mit kriminellen Machenschaften in Verbindung gesetzt worden. Jetzt könnte es erstmals seriöse und stichhaltige Beweise gegen den Kosovo-Premier geben. Thaci soll während des Kosovo-Krieges (1998/99) Chef einer mafiaähnlichen Organisation gewesen sein, die Serben entführte, ihnen Organe entnahm und diese an Kliniken im Ausland verkaufte. Zudem sei Thaci in Auftragsmorde, Drogenschmuggel und andere Verbrechen verwickelt. Das schreibt der Europarats-Sonderberichterstatter Dick Marty in seinem neuesten, 55 Seiten starken Bericht.


Der Schweizer deckte nach zweijährigen Ermittlungen auf, dass der ehemalige Anführer der "Kosovo-Befreiungsarmee" (UCK) Ende der 1990er Jahre im Norden Albaniens Gefängnisse errichtet hatten. Dort seien aus dem Kosovo entführte Serben und einige Albaner "unmenschlicher und erniedrigender Behandlung" ausgesetzt gewesen, "bevor sie schließlich verschwanden".

Als "extremistischste Fraktion" innerhalb der UCK, die im Kampf gegen Serbien insbesondere von den USA uneingeschränkt unterstützt wurde, bezeichnet Marty die "Gruppe von Drenica". Diese von Thaci angeführte "kleine, aber unvorstellbar mächtige Gruppe von UCK-Mitgliedern" habe seit 1998 die organisierte Kriminalität unter ihre Kontrolle gebracht. Die diplomatische und politische Unterstützung der USA und anderer westlicher Länder habe Thaci nach dem Kosovo-Krieg den Eindruck vermittelt, "unberührbar" zu sein.

Vom Westen gedeckt?

Schwerwiegend ist auch jener Vorwurf Martys, der einige westliche Staaten in Erklärungsnotstand bringen könnte: Internationale Kräfte im Kosovo hätten für die Verbrechen Beweise gehabt, blieben jedoch untätig. Thaci wurde von den USA und wichtigen EU-Staaten unterstützt und hofiert - vor allem bei der Unabhängigkeitserklärung im Februar 2008.

Thaci ging erst am Montag als Sieger bei der Parlamentswahl hervor. Gegen seine Demokratische Partei wurden Vorwürfe des massiven Wahlbetrugs erhoben. Dennoch bastelt die "Schlange", wie Thaci von vielen im Kosovo genannt wird, bereits an der neuen Regierung.

Thacis Partei wies die "seichten und bizarren" Vorwürfe "von Menschen ohne irgendeine moralische Glaubwürdigkeit" als "unbegründet und verleumderisch" zurück. Man wolle nur der UCK und ihren Führern sowie dem weiteren Fortschritt des Kosovo Schaden zufügen.

Belgrad reagierte nicht überrascht. Serbiens Außenminister Vuk Jeremic sieht "keine politische Zukunft" für Thaci. Die Belgrader Justiz geht davon aus, dass etwa 300 Kosovo-Serben allein im Jahr 1999 nach Albanien verschleppt wurden. Dort sollen vor allem jüngeren Menschen Organe entnommen worden sein. Die Opfer, denen zunächst eine Niere entnommen wurde, seien in einem "gelben Haus" gefangen gewesen - bis ihnen weitere lebenswichtige Organe entnommen und sie getötet worden seien. Die Opfer sollen in Massengräbern im Norden Albaniens verscharrt sein. Die Ermittlungen Belgrads wurden von Pristina und Tirana stets als "serbische Propaganda" abgetan. Die serbische Sonderstaatsanwaltschaft hatte 2008 Ermittlungen zum Organhandel eingeleitet. Den Anlass dafür lieferte ein Buch der Ex-Chefanklägerin des UNO-Kriegsverbrechertribunals, Carla del Ponte. In "La Caccia" hatte die Schweizer Juristin berichtet, dass sich die Tribunalsanklage auch mit dem Handel von Organen serbischer Zivilisten in Albanien befasst habe.

Marty, der an der Enthüllung geheimer CIA-Gefängnisse in Europa beteiligt war, berichtet, viele Zeugen der kriminellen Machenschaften von Thaci seien ermordet worden. Jene, die noch leben, würden aus Angst schweigen. Nun gebe es ausreichend Beweise, um die Verantwortlichen vor Gericht zu bringen.