Zum Hauptinhalt springen

Kosovo - was nun ?

Von Christine von Kohl

Politik

Ein Satz geistert durch die politischen Kreise im Westen, man sprich ihn in Washington und in Berlin und hört ihn auch in Wien. Er lautet: "Wenn Belgrad und Pristina sich auf eine Teilung des Kosovo einigen sollten, so wird die internationale Gemeinschaft dies akzeptieren." Das interessanteste an diesem beunruhigenden Satz aber ist, dass "man" in politischen Kreisen des Kosovo von keinen Verhandlungen zu diesem Thema etwas weiß.

Wohl aber steht die spontane Äußerung von Harri Holkeri, Chef der UN-Interimsverwaltuung des Kosovo, Unmik, in Pristina, nach den jüngsten Unruhen wie eine Rute im Fenster: "Das Konzept eines multiethnischen Kosovo muss als gescheitert betrachtet werden". Das kann bedeuten, dass die internationale Gemeinschaft jetzt keine andere Lösung sieht als eine ethnische Kantonisierung des Kosovo. So wie es sich der serbische Präsident Kostunica vorstellt und mancher westliche Politiker auch...

Vor allem die jungen Intellektuellen unter den kosovarischen Albanern mit westlicher akademischer Bildung sind schlicht und ergreifend "verzweifelt" über die Ereignisse Mitte März , nach denen eine fast unwirkliche Ruhe eingekehrt zu sein scheint. Sie sind sich vollkommen darüber im Klaren, dass alle bis dahin von internationaler und auch von albanischer Seite unternommenen Bemühungen, das kleine Land in ein normaleres Fahrwasser zu manövrieren, vergeblich waren. Gleichzeitig ist man sich darüber im Klaren, dass nur die Serben von der entstandenen Situation profitieren könnten - während die Albaner im Westen jeden Rest von Sympathie oder Verständnis für ihr Verhalten, für ihr Schicksal verloren hätten.

Dem gegenüber steht die Meinung der naiven (oder der militanten) Kosovaren: "Jetzt müsste der Westen doch verstehen, dass er sein bisheriges Konzept im Umgang mit uns ändern muss, dass es eine Stabilisierung im Kosovo nur und ausschließlich im Zeichen einer unbedingten Selbständigkeit geben kann und wird."

So falsch diese Einschätzung auch ist, so hat sie doch einen konkreten Hintergrund. Es ist nicht zu leugnen, dass die Albaner schon einmal in der jüngsten Geschichte erlebt haben, dass Blutvergießen tatsächlich die internationale Aufmerksamkeit auf diese Region lenkt. Sie hatten nach den Richtlinien gehandelt, die den kosovarischen Politikern schon unmittelbar nach der Eliminierung der Autonomie des Kosovo 1989/90 durch die "Machtergreifung" Serbiens zur Kenntnis gebracht worden waren: "Erst, wenn bei Euch Blut fließt, wird sich die internationale Gemeinschaft für die Situation interessieren!"

Nach Jahren der Parole des Präsidenten Rugova: "Nicht mit Gewalt auf Provokationen reagieren", nahm das Ausland immer noch keine Notiz von der katastrophalen Lage der albanischen Bevölkerung in der ersten Hälfte der neunziger Jahre - schließlich riss einer damals noch kleinen Gruppe junger Menschen die Geduld. Die UCK (Kosovo-Befreiungs-Armee) trat mit Angriffen auf die serbische Polizei auf den Plan. Nun floss tatsächlich das sozusagen erforderliche Blut - siehe da, die westliche Welt reagierte ziemlich prompt. Und ließ schließlich die Nato agieren.

Mit dem Gewaltausbruch vor ein paar Wochen scheint sich so etwas wie eine Wiederholung dieser Erfahrung manifestiert zu haben. Mit dem Unterschied, dass die Gewalt, die dieses Mal nicht begrenzt war auf eine kleine radikale Gruppe, sondern Massen auf die Straßen gingen. Obwohl die Gewalt nicht im selben Masse organisiert war, wie seinerzeit die UCK , so war doch eine Koordinierung der Reaktionen zu erkennen.

Der heutige Hintergrund ist leider der Lage vor dem seinerzeitigen Eingreifen der Nato sehr ähnlich.

Die Situation könnte kaum schlimmer sein. Wir kennen zwar die Zahlen schon, es ist aber wichtig, sie sich immer wieder vor Augen zu halten:

70 Prozent der albanischen Bevölkerung sind jung, nämlich zwischen 18 und 25 Jahren; unter diesen wird offiziell eine Arbeitslosigkeitsrate von 80 (achtzig !) Prozent registriert. Im ganzen Land liegt sie bei 50 bis 60 Prozent.

Dazu kommen zwei Faktoren, die die Realität des "Protektorates" betreffen.

Erstens verhindert die Forderung nach "Standards vor Status" ausländische Investitionen, aber auch inländische. Das bedeutet, dass für die Menschen keine Perspektiven einer besseren Zukunft in greifbarer Nähe gegeben sind.

Zweitens fühlen die Kosovaren sich vom Westen insofern betrogen, als sie mit einem gewissen Recht davon ausgingen, dass der Nato-Eingriff 1999, der durch "Verletzungen der Menschenrechte" gerechtfertigt worden war, sich auf die massiven Menschenrechtsverletzungen an den Albaner im Kosovo durch die gezielte Politik Serbiens bezog. Und sie mussten dann zur Kenntnis nehmen, dass unmittelbar nach Kriegsende zuerst die Serben im Kosovo "geschützt" wurden von den Internationalen.

Dass sie, die Albaner, dazu den Anlass lieferten, verstehen die Radikalen unter ihnen nicht. Auch bei vielen nicht-radikalen Menschen besteht die Welt aus Schwarz und Weiß?, Möglichkeit und Wert von Kompromissen sehen sie nicht. Für sie sind die Serben schwarz und sie selber weiß (nicht unähnlich etwa der kroatischen Ansicht, dass es keine kroatischen Kriegsverbrecher gebe, denn der Befreiungskrieg war "edel" (!). Darum sehen viele Albaner es als ihr Recht, mit den Serben so umzugehen, wie einige von ihnen das auch tun.

Es ist den Kosovaren, seien sie auch noch so unbedarft in Bezug auf politisches Verständnis, nicht entgangen, dass es ein unsauberes politisches Spiel zwischen den radikalen UCK-Angehörigen und den Vertretern der internationalen Gemeinschaft 1999 gab und immer noch gibt. Zu diesem "Spiel" gehört erstens, dass es zu keiner internationalen Reaktion auf das höchst bemerkenswerte Votum bei den ersten Wahlen im Kosovo kurz nach dem Krieg kam, nämlich auf die Tatsache einer Mehrheit nicht für die "Helden der UCK", sondern für Ibrahim Rugova - womit die Albaner ein unmissverständliches Zeugnis ablegten für ihren Wunsch nach einer Zukunft ohne Gewaltanwendung. Hätte die Welt dieses Signal zur Kenntnis genommen, wäre möglicherweise vieles anders verlaufen.

Zweitens: Nach dem Muster "Eine Hand wäscht die andere" wurde die militärische Unterstützung für die Nato von Seiten der UCK in den Monaten des Krieges stillschweigend damit belohnt, dass man sie nicht daran hinderte nach dem Krieg in zahlreichen lokalen Bereichen Macht zu erhalten und bis heute zu behalten. Sie terrorisieren sowohl die eigenen Landsleute, als auch - letzten Endes - die Unmik. Die Verbrechen, die von diesen Kreisen vor allem in den ersten Jahren, aber in geringerem Masse auch bis heute, begangen wurden und werden, versucht man auf internationaler Seite, der in- und ausländischen Öffentlichkeit - so weit es geht - zu verschweigen oder herunter zu spielen. Wird dennoch ein albanischer Täter von der Unmik verhaftet, gibt es wütende Proteste.

Damit wird einerseits das Verständnis innerhalb der Bevölkerung für "Gerechtigkeit", (oder in unserer Terminologie für "Rechtsstaatlichkeit") gröbstens verletzt, und andererseits wird eben deshalb unser Image nicht weniger schwer beschädigt. Mit diesem Deal wurden Geister auf das politische Niveau gerufen, von denen man heute nicht weiß, wie sie zu bannen wären...

Können wir uns unter diesen Voraussetzungen darüber wundern, dass das Bewusstsein der Albaner für die von uns verlangten "Standards" noch immer ziemlich unterentwickelt ist ?

Der Kosovo war schon zu Titos Zeiten das Armenhaus seines Jugoslawien. Von Seiten der internationalen Gemeinschaft hat es nach dem Abkommen von Rambouillet 1999/2000 keinen Ansatz eines Konzeptes zur Unterstützung der wirtschaftlichen Entwicklung im Kosovo gegeben. So ist das Armenhaus heute noch viel ärmer.

Auch die so genannte, auch von uns verordnete, Privatisierung trägt das ihre zur allgemeinen Misere bei. Junge Menschen haben nur die Chance bei der Mafia irgendwie mitzumachen oder Steine zu werfen, sich bewaffnen zu lassen, die Destabilisierung der Region als Mittel zum Zweck zu sehen: Nämlich die internationale Gemeinschaft mit solchen Methoden davon zu überzeugen, dass die Unabhängigkeit das einzige Heilmittel darstelle. Manchmal können die Naiven gefährlicher sein als die Intellektuellen. Militant wird so mancher schnell, wenn er Waffen - oder Steine - in die Hand bekommt.

Nun aber zurück zu dem anfangs zitierten Satz.

Tatsächlich müssten die Herren in Washington und in Berlin längst begriffen haben, dass irgendeine Mauschelei mit den serbischen Politikern in Bezug auf eine Teilung des Kosovo nicht nur sofortige und künftige Unruhe im Kosovo bedeuten würde und damit die Gefahr der Kettenreaktion in den Nachbargebieten, sondern auch spätestens übermorgen zwangsläufig ein Groß-Albanien als alle vereinendes Ziel. Eine Lösung, die heute keiner der Betroffenen haben möchte, die aber unter den hier skizzierten Voraussetzung eine alleinige Alternative für ein Überleben der Albaner in der Region darstellen würde.

Will man das in Washington und in Berlin ? Oder hat man nur nicht verstanden, worum es geht ?

Was kann denn noch getan werden, so der Seufzer der geplagten politisch Verantwortlichen in den westlichen Zentren, hin und her gerissen wie sie sind zwischen Irak, Israel, Afghanistan und vielem mehr.

Die Antwort:

1. Arbeitsplätze schaffen und Geduld üben (keine sofortigen Erfolge erwarten),

2. Geduld üben und Arbeitsplätze schaffen (kleine, individuelle Initiativen der Bevölkerung unterstützen),

3. Arbeitsplätze und Geduld aufbringen.

und dann Dialog und Mediation (nicht wie kürzlich initiiert und fehlgeschlagen auf höchster politischer Ebene beginnen) anbieten und pflegen.

Dieser Weg setzt unser eigenes Demokratieverständnis voraus!

Die Balkan-Expertin Christine von Kohl ist Herausgeberin der in Wien erscheinenden Zeitschrift "BALKAN/Südosteuropäischer Dialog".