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"Kosovos Unabhängigkeit ist Realität"

Von Michael Schmölzer

Europaarchiv

Albaniens VizeEuropaminister Gajo im "WZ"-Interview. | "EU-Beitrittsgespräche ab 2011". | "Wiener Zeitung":Nächste Woche starten in Wien die Verhandlungen darüber, ob die serbische Provinz Kosovo unabhängig wird oder nicht. Wie ist die offizielle Haltung Tiranas in dieser Frage?


Albert Gajo: Wir sind der Ansicht, dass Kosovos Unabhängigkeit de facto Realität ist. Was diskutiert werden muss, sind Details - etwa jene, die sich auf den Status von Minderheiten beziehen. Ich persönlich glaube, die Unabhängigkeit des Kosovo in den bestehenden Grenzen stößt mittlerweile auf breite Akzeptanz. Kosovo, das lange für seine Freiheit gekämpft hat, wird eine andere Lösung nicht akzeptieren.

Wie soll es zur Unabhängigkeit des Kosovo kommen? In einem schrittweisen Prozess oder sofort?

Tirana, um das festzuhalten, wird jedes Verhandlungsergebnis anerkennen. Ich glaube aber, es wäre für alle beteiligten Parteien das Beste, Kosovo direkt in die Unabhängigkeit zu entlassen. Man sollte eine Situation, in der die UNO das Land verwaltet, nicht ewig prolongieren. Die Kosten für die Aufrechterhaltung der UN-Verwaltung sind hoch, auch für den europäischen Steuerzahler. Man sollte den kosovarischen Institutionen eine Chance geben und sie stärken.

Wie kann aus Sicht Tiranas der Schutz der serbischen Minderheit im Kosovo gewährleistet werden?

Da gibt es bereits gute Beispiele am Balkan, zum Beispiel die griechische Minderheit in Albanien, die voll integriert ist. Die wichtigsten Prinzipien des Minderheitenschutzes sind hier voll umgesetzt. Und das gleiche müsste doch auch im Kosovo möglich sein. Der Hass nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa hat sich nicht über Nacht aufgelöst. Es müssen Institutionen geschaffen werden, die das Vertrauen zwischen den Ethnien festigen.

Albanien strebt einen Beitritt zur EU an. Wie sieht der Weg dorthin aus?

Wir haben die Verhandlungen über ein Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen mit Brüssel beendet. Das Abkommen muss jetzt noch von den EU-Außenministern abgesegnet werden. Wir hoffen, dass das im April der Fall sein wird. Das ist ein wichtiger Schritt in Richtung Beitrittsverhandlungen mit der EU. Jetzt müssen wir den Vertrag umsetzen.

Welche Punkte müssen genau umgesetzt werden?

Tirana soll die Voraussetzungen dafür schaffen, dass ein freier Warenaustausch zwischen Albanien und der EU möglich wird. Vor allem darum geht es.

Wie lange, denken Sie, wird es dauern, bis Brüssel mit Tirana EU-Beitrittsgespräche aufnimmt?

Es wird einige Zeit in Anspruch nehmen, bis das Stabilisierungsabkommen von den Parlamenten der EU-Länder ratifiziert worden ist. In vier Jahren werden wir einen Versuch starten, Kandidatenstatus wie Mazedonien zu erreichen. Aus unserer Sicht ist es möglich, dass wir 2011 Beitrittsgespräche aufnehmen.

Der 43-jährige Ökonom Albert Gajo ist seit dem Vorjahr stellvertretender Europaminister Albaniens.