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Krawalle für echte Serben

Von Martyna Czarnowska

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Die Ausschreitungen serbischer Hooligans in Genua und Belgrad sind mehr als nur Hooliganismus.


Auf dem rechten Arm die Jahreszahl 1389, auf der linken Brust ein orthodoxes Kreuz. Die Tattoos sollen Terrain markieren, in dem Fall den Ort, von dem der Träger stammt. Die Botschaft lautet: "Ich bin stolzer Serbe." Dazu gehören Nationalismus, Religion und die kollektive historische Erinnerung an Ereignisse wie die Schlacht auf dem Amselfeld vor mehr als 600 Jahren. Bei der trugen zwar die Osmanen den Sieg davon, allerdings deuten sie auch Serben als einen Triumph - nämlich des christlichen Heldentums und Martyriums.

Doch ist Raserei bei einem Fußballmatch auch Teil der Strategie zur Verteidigung des Serbentums? Für den erwähnten Tattooträger offenbar schon. Es ist jener Hooligan, dessen Bilder nach dem abgebrochenen Ländermatch Italien gegen Serbien in Genua um Europa gingen. Dass bei dem Spiel auch albanische Fahnen verbrannt wurden, hatte ja auch nichts mit der gegnerischen Mannschaft zu tun. Es war eine politische Aussage: "Den Kosovo geben wir Serben nicht her." Und dass es in der Realität anders ausschaut, spielt da keine Rolle.

Auch in anderen Ländern sind politische Ideologien und Hooliganismus nicht immer zu trennen. Etliche Hooligans sind Nationalisten, oft Rechtsnationalisten, doch in erster Linie sind sie Hooligans. Bei den serbischen Randalierern aber scheint das Serbentum im Vordergrund zu stehen. Das können sie nun auch außerhalb ihres Landes leichter demonstrieren, nachdem die Visumpflicht für Reisen in die EU gefallen ist.

Vielleicht waren einige der Nationalisten, die beim Match tobten, wenige Tage zuvor auch bei den Krawallen dabei, die in Belgrad als Kontrapunkt zur Schwulenparade gesetzt wurden. Auch da wollte so mancher zeigen, was in seinen Augen ein echter Serbe ist - und in dieses Bild passt offen gezeigte Homosexualität nun einmal nicht rein.

In beiden Fällen schienen die Ausschreitungen organisiert. Und sie zeugen von einer Mentalität, die jahrzehntelang genährt wurde - von politischen aber auch kirchlichen Kräften. Nach den Ausschreitungen in Belgrad sprach das die serbische Justizministerin Snezana Malovic an. Sie bezeichnete die Aussagen einiger Politiker und Journalisten aber auch Repräsentanten der serbisch-orthodoxen Kirche als "unstatthaft". Sie wies damit darauf hin, dass reaktionäre Popen das gesellschaftliche Klima ebenso vergiften können.

Es war eine Mischung, die besonders ab den späten 1980er Jahren und in Zeiten des Milosevic-Regimes verabreicht wurde: die Propaganda von der Überlegenheit des serbischen Volkes, das zugleich immer wieder Opfer historischer Ungerechtigkeit war und - wie die christlichen Märtyrer - darunter zu leiden hatte. Die nationalistische Hetze war nicht nur gegen andere Volksgruppen gerichtet, sondern etwa auch gegen Schwule. Sie war in so mancher Zeitung zu lesen und in einigen Kirchen zu hören.

Die junge Generation kannte das alte Jugoslawien nicht mehr, wo das Credo vom friedlichen Zusammenleben im Vielvölkerstaat gepredigt wurde. Sie wuchs in einer Atmosphäre des bevorstehenden Krieges und Zerfalls auf. Die Arbeitslosigkeit wuchs, und von wirtschaftlichen Problemen lenkten Politiker mit nationalistischen Sprüchen ab. Alles wurde politisch missbraucht, auch der Fußball. So rekrutierten die Mannen von Zeljko Raznatovic, besser bekannt als Arkan, den Kern ihrer paramilitärischen Truppe aus den Reihen der Hooligans von Roter Stern Belgrad.

Die Folgen all dessen sind noch heute sichtbar. Daran ändert auch die gestern erfolgte Entschuldigung des Hooligan-Anführers beim Match gegen Italien nichts.