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Kreative Konfliktlösung ohne ermüdende Machtkämpfe

Von Rosa Eder-Kornfeld

Wirtschaft
Lautstarker Meinungsaustausch: Fliegen im Meeting erst mal ordentlich die Fetzen, rücken tragfähige Entscheidungen in weite Ferne.
© fotolia

Systemisches Konsensieren nutzt die Energie der Vielfalt zwischen Menschen.


Wien. Wenn in Gruppen Entscheidungen gefällt werden müssen, geht es oft heiß her. Viel Energie und Zeit werden in hitzigen Debatten zugebracht, und am Ende setzt sich trotz heftiger Gegenwehr einzelner oder mehrerer Beteiligter klassischerweise derjenige durch, der mit seinen Argumenten alle anderen niedergemacht hat.

Doch es geht auch anders. "Bei uns wird weder geschubst noch gezogen. Den Versuch, einander zu überschreien, gibt’s bei uns auch nicht. Und schließlich wird niemand versuchen, die Aussagen und Argumente des anderen zu zerstören." So stimmt das Grazer Beratungsunternehmen Business Konsens auf seiner Homepage auf das Prinzip des "Systemischen Konsensierens" ein.

Jeder kann sich in den Prozess einbringen

"Es ist ein kreativer Prozess, und jeder Beteiligte kann sich einbringen", sagt der Berater und Chef von Business Konsens, Dominik Berger, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Das SK-Prinzip wurde von den Technikern Erich Visotschnig und Siegfried Schrotta entwickelt. Sie schrieben auch das Buch "Das SK-Prinzip - Wie man Konflikte ohne Machtkämpfe löst". Und so funktioniert es: Die Gruppe entwickelt möglichst viele Vorschläge zu einem Thema. Dann wird aber nicht - wie üblich - mithilfe des Mehrheitsprinzips die Zustimmung, sondern der Widerstand gemessen. Jedes Gruppenmitglied bewertet seinen Widerstand gegen jeden Vorschlag mit Null bis zehn Stimmen. Null Stimmen bedeuten: kein Widerstand, 10 Stimmen hingegen totale Ablehnung.

Die Widerstände je Vorschlag werden zusammengezählt und ergeben dessen Gruppenwiderstand. Daraus wiederum kommt eine Reihung der Vorschläge hinsichtlich ihrer Nähe zum Konsens zustande: Der Lösungsvorschlag mit den wenigsten Stimmen ruft den geringsten Gruppenwiderstand hervor und wird demnach von allen gemeinsam am leichtesten angenommen. Und ist natürlich auch derjenige mit dem geringsten Konfliktpotenzial. Was wiederum die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass das Projekt umgesetzt wird - und das mit geringen Reibungsverlusten.

Auch wenn sich in einer Gruppe alle lieb haben, heißt das nicht zwangsläufig, dass kein Konflikt besteht. Es gebe auch Gruppen, die so harmonieorientiert seien, dass sie vor lauter Nett-Zueinander-Sein in Entscheidungsprozessen auch auf keinen grünen Zweig kommen, so Berger. Aber wer die Auseinandersetzung scheut, vergibt die Chance auf Verbesserungen, daher eignet sich Systemisches Konsensieren auch für konfliktscheue Gruppen.

"Bereitschaft, sich darauf einzulassen"

Wichtig im Zusammenhang mit Konsensieren: "Man braucht die Bereitschaft, sich darauf einzulassen, denn es fördert natürlich den Diskurs. Für einen Vorgesetzten, der lauter Ja-Sager will, ist es nicht die richtige Methode", betont Berger. Wer mit der "Energie der Vielfalt zwischen Menschen" richtig umgehen könne, schaffe kraftvolle Lösungen und erhöhe die Motivation der Mitarbeiter.

Auch im privaten Bereich ist Konsensieren anwendbar, wie das von Business Konsens gezeigte Beispiel von vier jungen Männern demonstriert, die - anfangs - in vier unterschiedliche Restaurants essen gehen wollen. Rainer, Volker, Aron und Xaver einigen sich schließlich auf jenes Lokal, gegen das niemand Einwände hat.

"Konsensierte Vorschläge sind keine faulen Kompromisse", betont Berger. Denn nur Vorschläge, die auf die Wünsche und Bedürfnisse der anderen eingehen, stoßen auf geringen Widerstand und werden konsensiert.

Die Anwendung des Prinzips tut offenbar auch Familien gut. "Einer unserer Kunden hat nach einem Business Workshop, den wir begleitet haben, in der Familie zu einem Thema konsensiert", erzählt Berger. Seine fünfeinhalbjährige Tochter habe danach gefragt: "Papa, wann konsensieren wir wieder?"