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Kreative Zerstörung

Von Adrian Lobe

Gastkommentare
Adrian Lobe ist freier Journalist.

Auf den Trümmern des griechischen Gemeinwesens kann ein neuer Ordnungsrahmen entstehen.


160 Prozent Verschuldungsquote, 21 Prozent Arbeitslosigkeit, 7 Prozent Haushaltsdefizit - die ökonomischen Kennzahlen verheißen nichts Gutes für Griechenland. Trotz Rettungsschirm und Schuldenschnitt steht das Land am Abgrund. Nach Meinung vieler Experten ist Hellas nicht mehr in der Eurozone zu halten und der "Grexit" unausweichlich. Doch ein Austritt aus der Eurozone muss keine Sackgasse sein. Er könnte eine heilsame Wirkung haben. Die Wiedereinführung der Drachme - ob als Parallelwährung oder als primäres Zahlungsmittel - hätte den Vorteil, dass das Land wieder wettbewerbsfähig wäre. Die Währung würde abgewertet, die Produkte würden billiger. Die Volkswirtschaft bekäme neue Impulse.

Gleichwohl will die Politik einen Austritt Griechenlands um jeden Preis verhindern. "Scheitert Europa, scheitert der Euro", dekretierte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Gewiss, die Ansteckungsgefahr ist nicht gebannt. Doch Europas Prägekraft hängt nicht von einer Währung ab. Mit der Einführung des Euro waren ohnehin rein monetäre Motive verbunden: Geldwertstabilität, keine Preise für Wechselkursschwankungen, Erleichterung des Warenverkehrs. Zweifelsohne hat die Währungsunion den Binnenmarkt vorangetrieben. Nur: Europa ist mehr als der Euro. Wir sind nicht nur eine Währungs-, sondern allen voran eine Wertegemeinschaft. Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit - das sind die Werte, auf die unser Gemeinwesen gründet. Und dieses Erbe gilt es in Erinnerung zu rufen. Die gegenwärtige Krise verdeckt den Blick auf diese kulturelle Klammer. Die EU wird auf eine ökonomistische Funktionslogik reduziert. Europa erscheint einmal mehr als ein Elitenprojekt, das den Bürgern seinen Willen - in diesem Fall das Spardiktat - aufzwängt. Doch der "Permissive Consensus" scheint allmählich aufgekündigt zu werden. Die Bürger begehren gegen die Brüsseler Bürokraten auf, gegen die doktrinäre Austerität und ihre wachstumshemmende Wirkungen. So wütend und gewaltsam die Proteste sein mögen - sie sind ein Fanal des Aufbruchs.

Die Destruktion der Volkswirtschaft kann nach dem Schumpeter’schen Diktum der "Creative Destruction" zur Konstruktion einer neuen Wirtschaftsordnung führen. Krisen, schrieb Joseph Schumpeter 1926, sind "Wendepunkte der wirtschaftlichen Entwicklung". Sie markieren also keinen Niedergang, sondern einen Neuanfang. Der Prozess der industriellen Mutation zerstört alte Strukturen und schafft unaufhörlich neue. Schöpferische Zerstörung als Ergebnis eines evolutionären Wandels. Aus dieser Dynamik speist sich die Innovationskraft der Wirtschaft.

Und dieser Prozess lässt sich auch auf die Politik projizieren. Die Organisation des Gemeinwesens ist nicht in Stein gemeißelt, sondern einem steten Wandel unterworfen. Grenzen werden porös, Entscheidungen global. Egal, wie die Parlamentswahlen in Griechenland ausgehen werden - der Gewinner ist schon jetzt der Souverän, das Volk. Hellas erlebt die Renaissance des Demos. Auf den Trümmern des griechischen Gemeinwesens kann eine neue Ordnung entstehen.