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Krebs-Erkrankung von Chavez lässt Venezolaner beten

Von WZ-Korrespondent Tobias Käufer

Politik

Neuwahlen stehen im Raum, die Angst vor einem bewaffnetem Konflikt wächst.


Caracas. Die Hände zum Gebet gefaltet, die Gedanken beim Präsidenten: So wie sich im Gotteshaus von San Francisco in Caracas die Kabinettsriege auf der Kirchenbank versammelt, geht es in diesen Tagen in Caracas an vielen Schauplätzen zu. Anhänger aber auch Kritiker von Venezuelas Präsident Hugo Chavez bitten himmlische Mächte um dessen Genesung.

Die Zeit läuft davon, am 10. Jänner soll der 58 Jahre alte Staatschef für die neue bis 2019 andauernde Amtszeit vereidigt werden. Erst im Oktober war Chavez wiedergewählt worden. Noch einmal hatte der ehemalige Oberst und Führer des von ihm so getauften Sozialismus des 21. Jahrhunderts seine Landsleute überzeugen und den jugendlichen Herausforderer Henrique Capriles Radonski in die Schranken weisen können. Immer wieder betonte Chavez im Wahlkampf, er habe den Krebs besiegt und sei vollständig geheilt.

Bedenklicher Zustand

Doch jetzt droht Chavez zum tragischen Opfer dieser durchsichtigen Wahlkampf-Inszenierung zu werden. Eine angeblich neue Krebserkrankung machte eine neue Operation Mitte Dezember in Kuba notwendig. Vize-Präsident Nicolas Maduro, der bereits von Chavez vorsorglich zum Nachfolger erkoren wurde, räumte zuletzt ein, dass es Komplikationen gebe und der Zustand des Staatschefs "nicht frei von Risiken" sei.

Venezuelas Verfassung sieht vor, dass der zu vereidigende Präsident bei der Amtseinführung, die vorerst am 10. Jänner angesetzt ist, zur Verfügung stehen muss. Kann er dies nicht, müssten Neuwahlen angesetzt werden. Schon seit Tagen wabern Gerüchte durch die venezolanische Hauptstadt, Chavez könne auf seinem Krankenbett in Havanna vereidigt werden. Wegen seiner Krebserkrankung hatte sich der "Commandante Presidente" bereits im vergangenen Jahr wochenlang auf Kuba aufgehalten und von dort aus regiert.

Andere Szenarien sehen Chavez im Krankenbett nach Caracas einfliegen, um der feierlichen Zeremonie wie vorgeschrieben persönlich beiwohnen zu können. Wieder andere Venzoelaner glauben, dass Chavez den Kampf gegen die heimtückische Krankheit schon längst verloren hat und mit dem Tode ringt. Bilder von Chavez gibt es keine, dafür Spekulationen über ein künstliches Koma, Luftröhrenschnitte und fehlgeschlagene Medikamententherapien. "Beten wir zu Gott, dass er ihm in diesen schwierigen Momenten Kraft schenkt", reiht sich der Erzbischof von Caracas und Chavez-Kritiker Kardinal Jorge Urosa in die Liste der Betenden ein, nicht ohne sich einen Hinweis zu verkneifen: Er vertraue darauf, dass die Politiker verfassungsgemäß handelten, wenn Chavez nicht wie geplant am 10. Jänner vereidigt werden könnte.

Venezuelas künftiges politisches Schicksal hängt deswegen von der körperlichen Verfassung des Präsidenten ab. Nicht wenige Beobachter befürchten eine Auseinandersetzung zwischen Militärs und Milizen, die sich den unterschiedlichen linken Lagern zugehörig fühlen, aber Chavez als unumstrittenen Führer akzeptieren. Mit rund 20.000 Morden im Jahr zählt Venezuela ohnehin schon zu den gefährlichsten Ländern der Welt. Ein bewaffneter Konflikt um die Macht wäre das Letzte, was das Land braucht. Vielleicht beten deshalb Gegner und Anhänger gemeinsam dafür, dass Chavez dem Tod noch einmal von der Schaufel springt.