Zum Hauptinhalt springen

Krebs: Stress fördert die Metastasenbildung

Von Froben Homburger, AP

Wissen

Der Zusammenhang zwischen Krebs und Psyche gibt der Medizin seit Jahrzehnten Rätsel auf. Angst, Stress und seelische Störungen können die Immunabwehr schwächen. Aber erhöhen sie auch die Tumorgefahr? Norwegische Forscher behaupten, dass das Krebsrisiko ängstlicher Menschen um 25 Prozent erhöht ist. Doch die meisten Experten weisen die Theorie, dass es eine "Krebspersönlichkeit" gibt und bestimmte Charaktereigenschaften die Entstehung der Krankheit fördern, energisch zurück. Weniger umstritten ist dagegen die Vermutung, dass die Psyche die Heilungschancen von Tumorpatienten beeinflussen kann.


Einen wichtigen Beweis dafür lieferten jetzt Wissenschafter der Universität Witten/Herdecke: Nach ihren Erkenntnissen spielt das Nervensystem eine große Rolle bei der Bildung von Metastasen. Stress erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass sich Tumorzellen schneller im Körper verbreiteten, berichtet Frank Entschladen von der Fakultät für Biowissenschaft. Damit habe eine im Prinzip alte Beobachtung erstmals auf molekularer Ebene bestätigt werden können: "Negative psychosoziale Einflüsse können die Verbreitungsgeschwindigkeit des Krebses im Körper unterstützen."

Tatsächlich sind in 95 Prozent der Fälle nicht die Primärtumore tödlich, sondern die Tochtergeschwulste. Diese Metastasen entstehen meist im fortgeschrittenen Stadium dadurch, dass Krebszellen vom Blut in andere Teile des Körpers geschwemmt werden und sich dort unkontrolliert vermehren.

Bisher ging die Wissenschaft davon aus, dass sich Metastasen eher ungesteuert und zufällig bilden. Doch jetzt gebe es den Beweis, dass dieser Prozess in Wirklichkeit bestimmten Gesetzmäßigkeiten folge, sagt der Biowissenschafter. Im Mittelpunkt stehen dabei so genannte Neurotransmitter. Diese Überträgerstoffe, die vom Nervensystem freigesetzt werden, können je nach Art einen hemmenden oder aber einen stimulierenden Einfluss auf Tumorzellen haben. Im ungünstigsten Fall weisen sie demnach den wandernden Krebszellen den Weg und locken sie an bestimmte Körperstellen.

Ob nun die hemmenden oder aber die stimulierenden Neurotransmitter freigesetzt werden, hängt maßgeblich von psychosozialen Einflüssen ab, wie der Experte betont: Stress erhöhe die Gefahr, dass sich jene Überträgerstoffe durchsetzten, welche die Metastasenbildung förderten und damit die Verbreitung des Krebses beschleunigten. Aus ihren Erkenntnissen leiten die Wittener Wissenschaftler die Hoffnung ab, künftig über bestimmte Medikamente gezielt die Aktivität von Neurotransmittern zu stärken, die die Verbreitung von Krebszellen blockieren oder zumindest behindern.

Doch dieser Zusammenhang von Psyche und Krebs ist mit der Wittener Untersuchung nur für den Verlauf einer bereits bestehenden Krankheit nachgewiesen. Erst vor kurzem hatte eine japanische Studie ausdrücklich festgestellt, dass selbst Menschen mit Psychosen und Neurosen im Vergleich zu seelisch Gesunden kein erhöhtes Tumorrisiko haben. Vor drei Jahren ergab zudem ein Vergleich von Brustkrebspatientinnen mit gesunden Frauen, dass belastende Lebenssituationen nicht zu den Risikofaktoren bei Krebs gehören.

http://www.uni-wh.de/