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Krim - das Ende der Euphorie

Von WZ-Korrespondentin Simone Brunner

Politik
Strandpromenade in Sewastopol. Das nationalistische Getöse verstummt langsam, Ernüchterung macht sich breit.
© Brunner

Russlands Präsident Putin hat den Bewohnern mit der Annexion der Krim vor zwei Jahren ein besseres Leben versprochen. Doch der Tourismus, der wichtigste Wirtschaftszweig auf der Halbinsel, steckt in der Krise. Der Patriotismus ist verflogen.


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Sewastopol. Auf der Promenade reihen sich Verkaufsbuden aneinander. Bootsführer buhlen um Kundschaft für die nächste Hafenrundfahrt. Ein mannsgroßes Wandbild lehnt an einer Hausfassade: "Krim nasch!" - "Die Krim gehört uns", der Schlachtruf der Anhänger der russischen Annexion vor zwei Jahren. Wenige Meter weiter lassen sich Passanten vor einem Plakat fotografieren - mit Szenen aus der Geschichte Sewastopols, das russische Wappen in der Mitte, in die Farben der russischen Trikolore getaucht. Über einen Mangel an Postkartenmotiven können sich russische Patrioten dieser Tage in Sewastopol, Sitz der russischen Schwarzmeerflotte, wahrlich nicht beklagen. Aber: "Es sind deutlich weniger Touristen, als noch unter der Ukraine", seufzt Andrej, der Putin-T-Shirts verkauft. "Die Kaufkraft ist bestimmt um die Hälfte zurückgegangen. Wie kann ich da zufrieden sein?"

"Sind Sie eine Spionin?"

Ausländer sind selten geworden in Sewastopol. "Sind Sie eine Spionin?", fragt die blonde Exkursionsleiterin Tatjana halb im Scherz, halb im Ernst. Bis zum Zerfall der Sowjetunion war Sewastopol eine geschlossene Stadt. Unter der Ukraine entwickelte sich die stolze "Majestätsstadt" aber zum Tourismusmagneten. "Früher hatten wir Gäste aus Polen, dem Baltikum oder auch Deutschland", erinnert sich Tatjana, die mit einem kleinen Ausflugsboot Gäste durch den Hafen führt. "Aber diese Zeiten sind vorbei." Der Tourismus ist der wichtigste Wirtschaftszweig auf der Krim. Doch mit der russischen Annexion der Krim sind ukrainische Touristen, die zuvor 70 Prozent der Gäste auf der Krim stellten, ausgeblieben. 4,6 Millionen Touristen - fast ausschließlich russische Staatsbürger - sollen 2015 auf die Krim gekommen sein, so die Daten des zuständigen Tourismusministeriums.

Diese Zahlen liegen indes weit unter den Werten vor der Annexion: 2012 wurde auf der Krim mit 6,1 Millionen Touristen ein Besucherrekord aufgestellt.

In den vergangenen Sommern sind zwar tatsächlich viele Russen aus Neugierde und Patriotismus auf die Krim gereist. "Die Infrastruktur der Halbinsel entspricht aber nicht der Qualität, an die sich russische Urlauber in Ägypten oder in der Türkei gewöhnt haben", so der Direktor des Reisebüros "Swjasnoj-Travel", Andrej Osnizew, zur russischen Zeitung "Kommersant." "Viele Russen haben daher entschieden, unter diesen Umständen nicht noch einmal auf der Krim Urlaub zu machen." Flugtickets auf die Krim, die infolge der Sanktionen nur noch von russischen Fluglinien angeflogen wird, werden heuer um 25 Prozent weniger nachgefragt, als noch 2015, so die Daten des Reiseanbieters.

Immer wieder Stromausfälle

Am Bahnhof von Jewpatorija, einem Kurort an der Westküste der Krim, kamen früher Fernzüge aus Kiew oder Minsk an. Doch seitdem die Ukraine den Zugverkehr eingestellt hat, ist der Bahnhof verwaist. Frauen mit bunten Kopftüchern belagern den Straßenrand, mit Schildern in der Hand: "Wohnung zu vermieten!" Heute ist selbst die "Elektritschka", der Vorortzug, der zumindest noch in das 70 Kilometer entfernte Simferopol fährt, ausgefallen. Immer wieder kommt es auf der Krim zu Stromausfällen, nachdem die Ukraine die Stromversorgung gekappt hat. Die Sanatorien in Jewpatorija sollen laut Anrainern nur zu einem Drittel ausgebucht sein. Doch das offizielle Motto lautet: Durchhalten. Überlebensgroße Plakate des russischen Präsidenten Wladimir Putin säumen die holprigen Landstraßen auf der Halbinsel. "Wir werden die Krim und Sewastopol zu wirtschaftlich eigenständigen Subjekten aufbauen", steht daneben geschrieben. Oder: "Die Krim steht für Tourismus und Erholung." Zuletzt hat Moskau das Subventionsprogramm für Flüge und Reisen auf die Krim ausgeweitet. Oleg Subkow, Direktor eines Tierparks nahe Simferopol, war selbst ein glühender Anhänger der russischen Annexion. So sehr, dass er sogar zwei Tigerbabys nach den dramatischen Ereignissen im Frühling 2014 benannte: "Pobeda", der Sieg, und "Referendum." "Wir haben gedacht, dass die Russen in einer Patriotismuswelle in Scharen auf die Krim strömen werden", sagt Subkow heute in seinem Salon, von opulenten Löwen-Skulpturen umgeben. "Wir haben uns leider geirrt." Die Inflation ist infolge der Annexion um 80 Prozent in die Höhe geschossen - zu teuer für russische Touristen, die zuletzt selbst unter einer Wirtschaftskrise leiden, vermutet Subkow. In seinem Zoo rechnet Subkow heuer wieder mit einem Besucherminus von 15 Prozent. Im Vergleich zu 2013 seien die Zahlen "überhaupt um ein Vielfaches zurückgegangen." "Die Hoffnung stirbt zuletzt" - ein Satz, den man dieser Tage oft auf der Krim hört.

Die größten Hoffnungen setzen die Bewohner derweil noch in den Bau einer 19 Kilometer langen Brücke über die Meerenge von Kertsch, die bis 2018 die Halbinsel mit dem russischen Festland verbinden soll. "Alles wird gut, wenn erst die Brücke steht", sagt auch Maria, eine Verkäuferin an der Strandpromenade von Sewastopol. Dass die Krim "auf ewig Russland" bleibt, wie auf den Kühlschrankmagneten steht, die sie verkauft - daran hat sie, wie auch die meisten Krim-Bewohner, jedenfalls keinen Zweifel.