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Krise hat 30 Millionen Arbeitsplätze vernichtet

Von Michael Schmölzer

Wirtschaft

Immer mehr Jugendliche geben die Jobsuche auf - und fallen aus der Statistik.


Genf/Wien.

Die Wirtschaftskrise erweist sich als gefräßige Job-Vernichtungsmaschine. Die Zahlen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) sprechen eine deutliche Sprache: Millionen droht das Absinken in einen "sozialen Sumpf", warnt ILO-Chef Guy Ryder bei der Tagung des Internationalen Währungsfonds in Tokio. Die Schuldenkrise wird allein im kommenden Jahr sieben Millionen Arbeitsplätze vernichten, damit wächst die Zahl der arbeitslosen Menschen auf weltweit 207 Millionen. Zu verhindern wäre das nur, sagt Ryder, wenn die Politik bewusst entgegensteuert.

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise sind weltweit 30 Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen. Wer seinen Job behält, ist dadurch noch lange nicht auf der sicheren Seite. 900 Millionen Frauen und Männer leben trotzdem im Elend. Sie verdienen so wenig, dass sie und ihre Familien nicht über die Armutsgrenze von zwei Dollar pro Person und Tag kommen. Ryder warnt ausdrücklich vor zu starken Sparmaßnahmen in den Ländern der Eurozone. Das würde die Rezession verschärfen und weitere Jobs kosten.

Rechtsextreme profitieren

Dazu kommt, dass ein Drittel der Arbeitslosen jünger als 25 Jahre ist. Das trifft nicht nur auf Länder der Dritten Welt zu, sondern ist mittlerweile auch in EU-Staaten Realität. Finden Jugendliche zwischen 16 und 25 Jahren über lange Zeit keinen Job, hat das besonders gravierende Auswirkungen. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese später arbeitslos bleiben, ist groß, ein Teil driftet in die Kriminalität oder Drogensucht ab. Die bekannten psychischen Folgen von Arbeitslosigkeit wie Angst, Stress, Gewaltbereitschaft und soziale Isolation trifft junge Menschen in verstärktem Ausmaß. Die Bereitschaft zur politischen Radikalität nimmt zu. In Griechenland etwa würden schon 21 Prozent der Jugendlichen die rechtsradikale Partei "Goldene Morgenröte" wählen.

Die Euro-Krise, so stellt die ILO fest, vernichtet Jobs auch auf anderen Kontinenten - und zwar in großem Ausmaß. Am schlimmsten betroffen sind junge Menschen in den Entwicklungsländern. Der wirtschaftliche Abschwung in Europa hat massive Auswirkungen in Ostasien und Lateinamerika. Das vor allem deshalb, weil die Exporte aus diesen Ländern in die westlichen Wirtschaftsnationen zurückgehen.

Aussichtslosigkeit

Die Zahl arbeitslos gemeldeter Jugendlicher in Europa wird zurückgehen, so die ILO, aber nur, weil viele die Hoffnung aufgeben und in den informellen Sektor abdriften. Das heißt, dass sie keine Arbeit mehr suchen, aus den Statistiken fallen und auch keine Arbeitslosenunterstützung mehr in Anspruch nehmen. Global wird die Zahl jener Jugendlichen ansteigen, die weder Arbeit hat, noch in Ausbildung ist und auch keine vom Arbeitsamt vermittelten Schulungen in Anspruch nimmt. In den politisch instabilen Ländern des Mittleren Ostens ist die Lage besonders dramatisch. Dort hat ein Viertel der Jugendliche keine Arbeit, der Wert wird auf 28 Prozent steigen. In diesem Fall kann von einem "verlorenen Generationssegment" gesprochen werden. Die ILO und andere internationale Organisationen warnen, dass die Basis für gewalttätige Aufstände gelegt wird - auch in reicheren Ländern.

Pädagogen in europäischen Krisenländern wie Griechenland, Portugal und Spanien berichten, dass die schlechten Aussichten auf dem Jobmarkt die klassische Kindheit zum Verschwinden bringen. Schüler fühlten sich von der auf sie zukommenden Arbeitslosigkeit bedroht, die unbeschwerte Zeit des Lernens, das spielerische Ausprobieren und die allmähliche Vorbereitung auf den Beruf würden wegfallen.

Später tritt die ursprüngliche Vorstellung, dass ein Beruf Spaß macht, den eigenen Fähigkeiten entspricht und der Selbstentfaltung dient, in den Hintergrund. Es geht schließlich nur noch darum, irgendwie in Erwerbsarbeit zu kommen. Wer allerdings einmal einen "Notjob" angenommen und über mehrere Jahre behalten hat, bleibt häufig in diesem Fahrwasser und schafft den erstrebten Umstieg nicht.

In Deutschland wissenschaftlich gut untersucht ist das Phänomen der Arbeitslosigkeit in zweiter Generation. Diese 16- bis 19-Jährigen, deren Eltern nie gearbeitet haben, gelten bei Einrichtungen der Jugendwohlfahrt inoffiziell als hoffnungslose Fälle, da sie nicht über basale Fähigkeiten wie Pünktlichkeit oder ein Minimum an Disziplin verfügen.