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Krisen machen würdige Weltmeister

Von Christian Mayr

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Alle vier Halbfinalisten standen schon knapp vor dem Ausscheiden - so erging es bereits früheren Titelträgern.


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Der Grat zwischen Weltmeistern und Heimfahrern ist mitunter ein ganz schmaler - auch wenn es in der Geschichte des Endrunden-Turniers noch nicht vorgekommen ist, dass am Ende ein Team zufällig den Pokal stemmen durfte. Aber es gehört eben mehr dazu, als eine Mannschaft in Hochform und die richtige Spielidee zu besitzen - es sind oft die kleinen Dinge, die eine Elf durch ein Turnier und letztlich zum Sieg tragen. Ein Tor zur rechten Zeit, ein Schuss, der von der Stange ins Netz prallt, ein Torhüter, der mit seinen Fingerspitzen gerade noch den Ball erreicht. Bei so vielen ausgeglichenen Mannschaften, die sich mit so viel Know-how-Einsatz gegenseitig belauern, sind es am Ende oft nur Millimeter, die Sieger von Verlierern trennen - das Ganze nennt man dann Glück. Letzteres gilt es sich in sieben langen Spielen freilich immer erst zu verdienen, denn Glück allein hat noch nie zu Titeln gereicht. Und da wiederum kommt der Charakter einer Mannschaft ins Spiel, der sich dann zeigt, wenn Partien plötzlich den Bach runterzugehen drohen. Davon können unsere vier Semifinalisten ein Lied singen, standen sie doch in Russland allesamt schon knapp vor dem Aus - sind dann aber mit der überstandenen Krise erst stärker geworden. Bestes Beispiel ist England, das nach dem Last-Minute-Ausgleich Kolumbiens im Achtelfinale plötzlich völlig von der Rolle war (Drei-Meter-Passes landeten im Out) und unter diesen Voraussetzungen ins ungeliebte Elfmeterschießen gehen musste. Dank Latte und Goalie Jordan Pickford wurde auch dort ein Rückstand wettgemacht und der Aufstieg geschafft; beim 2:0 im Viertelfinale gegen Schweden agierten die Three Lions dann richtig befreit. Auch bei Semifinalgegner Kroatien hätte nicht viel gefehlt und der Urlaub hätte früher begonnen: In der Achtelfinal-Verlängerung gegen Dänemark den Matchball per Elfmeter vergeben - die denkbar ungünstigste Voraussetzung für ein Penaltyschießen. Das dann trotzdem gewonnen wurde. Wie jenes eine Runde später gegen aufgepeitschte Russen, wo ebenfalls ein Nackenschlag (2:2-Ausgleich) knapp vor der Entscheidung vom Punkt erst verarbeitet werden musste. Auch auf Belgien setzten im Achtelfinale nur noch die wenigsten - kein Wunder bei 0:2-Rückstand gegen Japan gut 20Minuten vor Spielende. Doch auch die roten Teufel zogen den Kopf noch einmal aus der Schlinge - und haben im Viertelfinale gegen Brasilien (2:1) von dieser Erfahrung profitiert. Ähnlich wie Frankreich, das im Achtelfinale gegen Argentinien bei 1:2-Rückstand für zehn Minuten plötzlich mit einem Bein im Flieger heimwärts stand. Danach drehte der Weltmeister von 1998 erst so richtig auf. Beim Titel damals standen die Bleus übrigens auch knapp vor dem Aus - im Achtelfinalkrimi gegen Paraguay und beim Viertelfinal-Elferkrimi gegen Italien; 2002 hatte Weltmeister Brasilien sein Tief im Viertelfinale gegen England; in Dortmund 2006 hätte im Semifinal-Klassiker die Kugel auch auf Deutschland (statt den späteren Weltmeister Italien) fallen können; 2010 wiederum zitterte sich Titelträger Spanien nach Auftaktpleite mit 1:0-Erfolgen durch die K.o.-Phase; und vor vier Jahren wurde Deutschland erst nach dem Verlängerungs-Sieg über Algerien souverän. Womit der neue Weltmeister in guter Gesellschaft ist.