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Krisengewinnler Österreich

Von Simon Rosner

Politik
Bevölkerungszuwanderung aus den EU-Staaten nach Österreich.

Beinahe jeder zweite Migrant in Österreich kommt aus dem EU-Ausland.


Wien. Man muss sie sich wohl als eine Art Lebensabschnittspartnersuche vorstellen, jene Internet-Plattform, die vor eineinhalb Jahren für wenige Wochen in Spanien online ging. Vorarlberger Technologie-Leitbetriebe suchten da nach interessierten Männern und Frauen, die Wirtschaftskammer gab dabei die Rolle der Partnervermittlerin. Es gab auch andere derartige Anwerbungsversuche im Ausland, um die Lücke bei Fachkräften in Österreich schließen zu können.

Die Ergebnisse dieser Unternehmungen der heimischen Wirtschaft sowie teilweise auch des Arbeitsmarktservice finden sich in den aktuellen Bevölkerungsdaten der Statistik Austria wieder. Die drei Krisenstaaten Spanien, Griechenland und Portugal zählen gemeinsam mit Ungarn zu jenen Ländern, die bei der Stichtagserhebung am 1. Jänner den größten prozentualen Anstieg verzeichneten, und zwar mit jeweils einem Plus von mehr als 20 Prozent. In Vorarlberg hat sich die Zahl der Spanier sogar verdoppelt.

Spanische Migration

Dass nun zunehmend Arbeitskräfte auch aus diesen Ländern nach Österreich kommen, ist insofern beachtlich, da es jahrelang fast gar keine Migration aus Portugal, Spanien und auch Griechenland gab. Vor zehn Jahren haben nur etwas mehr als 2000 Griechen in Österreich gelebt, ein bisschen weniger Spanier und rund 1000 Portugiesen. Nach der großen Finanzkrise setzte dann eine verstärkte Migration ein, und mittlerweile sind allein aus diesen drei EU-Mitgliedsstaaten etwa 12.500 Personen in Österreich gemeldet.

In absoluten Zahlen gesehen ist das allerdings nach wie vor sehr wenig, wenn man etwa an die deutsche Migration nach Österreich denkt. Zwar schwächt sich diese seit einigen Jahren ab, dennoch stellt Deutschland mit 165.000 Personen nach wie vor das mit Abstand größte Kontingent der Ausländer.

Hohe Erwartungen

"Es ist ein großer Zuwachs im kleinen Bereich", sagt Anton Strini, Landesgeschäftsführer des AMS Vorarlberg. Ein Plus von 50 Prozent bei Spaniern binnen einem Jahr klingt beachtlich, bedeutet in absoluten Zahlen aber nur 133 Spanier mehr in Vorarlberg, und das klingt schon weniger nach starker Zuwanderung.

"Die Betriebe haben sich auch mehr erwartet, gerade weil die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien um ein Vielfaches höher als bei uns ist", sagt Strini. Vor allem mangelnde Sprachkenntnisse stellen ein Hindernis dar, aber auch, wie der AMS-Chef erklärt, die teilweise überzogenen Erwartungen der Migranten. In Deutschland etwa zeigt sich, dass es weniger problematisch ist, gut ausgebildete Spanier zu holen, als sie längerfristig zu halten.

Dennoch lässt sich an der Entwicklung der vergangenen Jahre ablesen, dass sich der EU-Binnenarbeitsmarkt immer stärker entfaltet - und Österreich zu den Gewinnern dieser Entwicklung zählt. Es sind vor allem gut ausgebildete, qualifizierte Kräfte, die aus dem EU-Ausland nach Österreich wandern. Ihr Bildungsniveau lag 2012 durchschnittlich gesehen über jenem der österreichischen Bevölkerung.

Weniger Mangelberufe

Dass nun auch ein signifikanter Anstieg der Zuwanderung aus Ländern zu verzeichnen ist, die bisher kaum Austausch mit Österreich hatten, lässt sich auch als Beleg für den immer besser in einander greifenden EU-Arbeitsmarkt deuten.

So konnte das Sozialministerium im Vorjahr auch die Liste der Mangelberufe in Österreich von 24 auf 16 Berufe reduzieren, und das, obwohl die Rot-Weiß-Rot-Karte, die Zuwanderung von außerhalb der EU steuern soll, nicht jene Anzahl an Arbeitskräften ins Land holte, auf die die Wirtschaft hoffte.

Die relativ gesehen hohe Arbeitslosenquote in Österreich, die erst in diesem Jahr, wenn überhaupt, wieder sinken dürfte, betrifft in hohem Ausmaß unqualifizierte Arbeitskräfte, doch diese machen nur acht Prozent der hier lebenden EU-Ausländer aus. Möglich, dass sich dieser Anteil in den kommenden Jahren ein wenig verändern wird, da die letzten verfügbaren Daten dazu von 2012 sind, also etwa ein halbes Jahr nach der kompletten Arbeitsmarktöffnung für die EU-8-Staaten aus Osteuropa. Seit 1. Jänner fallen zudem auch Rumänen und Bulgaren nicht mehr unter die Freizügigkeitsbeschränkung.

Bevölkerung: 8,5 Millionen

Es ist vor allem dem Zuzug aus der EU geschuldet, dass Österreich nach wie vor wächst, im vergangenen Jahr stärker als im Jahr zuvor. Mit Jahresbeginn lag die Zahl der Einwohner bei etwas mehr als 8,5 Millionen, wobei das größte Plus auf Wien entfällt mit 1,4 Prozent mehr Einwohnern.

Der Wegzug von Österreichern ins Ausland dürfte sich ein wenig eingebremst haben. Vor einem Jahr lebten noch 7310 Personen mit österreichischer Staatsbürgerschaft mehr im Land als zu Jahresbeginn. Dennoch ist seit Jahren hier ein negativer Saldo zu bemerken zwischen jenen Österreichern, die das Land verlassen, und jenen, die zurückkehren.

Nicht zuletzt durch den EU-Beitritt Kroatiens im vergangenen Jahr kommt nun schon beinahe jeder zweite nicht-österreichische Staatsangehörige aus der EU, im kommenden Jahr dürfte die 50-Prozent-Marke geknackt werden. Wohl auch dank weiterer Zuzügler aus Spanien, Griechenland und Portugal.